Kinder des Krieges Willy Blum: Das vergessene Kind aus dem KZ Buchenwald

Willy Blum war 16 Jahre alt, als er ermordet wurde. Von ihm blieb nur ein Name auf einer Liste, neben dem durchgestrichenen Namen Stefan Jerzy Zweigs, der durch Bruno Apitz' Roman "Nackt unter Wölfen" weltberühmt wurde. Über Willy Blum und seine Familie wusste man bislang nichts. Die Historikerin Annette Leo hat sich auf die Suche gemacht und erzählt in ihrem Buch "Das Kind auf der Liste" die Geschichte der Familie Blum.

Buchenwaldkind
Das einzige Foto von Willy Blum (auf dem Arm des Mädchens) Bildrechte: Aufbau Verlag/MDR

Willy Blum – so hieß der Sinto-Junge, der am 25. September 1944 das Konzentrationslager Buchenwald verließ. Im Todeszug ins Vernichtungslager Auschwitz. Sein Name war auf der Transportliste auf Position Nummer 200 zu lesen. Ursprünglich stand dort der Name Stefan Jerzy Zweig, ein dreijähriger jüdischer Junge aus Krakau. Doch diesen Jungen wollten kommunistische Häftlinge vor der Ermordung retten. Und diese Rettung wurde später vom ehemaligen Buchenwaldhäftling Bruno Apitz in seinem Roman "Nackt unter Wölfen" erzählt. Willy Blum hingegen geriet in Vergessenheit.

Herkunft aus einer Schaustellerfamilie

Es existiert nur ein Foto von Willy Blum: Es zeigt ihn 1930 im Alter von knapp zwei Jahren auf dem Arm seiner Schwester Anna im Kreis seiner Familie. Ganz links posiert mit Zigarre in der Hand Aloys Blum, der Theaterdirektor. Die Blums und ihre Gehilfen stehen vor einem Wohnwagen des dazugehörigen Marionettentheaters. Denn die Blums – eine Sintofamilie – lebten seit mehreren Generationen in Deutschland, arbeiteten als Schausteller und zogen von Ort zu Ort, um ihre Kunst vorzuführen. Wandermarionettentheater waren im 19. Jahrhundert und zu Beginn des 20. Jahrhundert populär in Deutschland, bevor das Kino anfing, dieser Kunstform das Wasser abzugraben.

Buchenwaldkind
Die Eltern von Willy Blum Bildrechte: Aufbau Verlag/MDR

Die Puppenspieler bauten in Gastwirtschaften und Veranstaltungsräumen der Gemeinden ihre Theaterbühnen auf. "Mit Hilfe von bemaltem Sperrholz, Pappe und einem rotem Samtvorhang erschufen sie für kurze Zeit eine phantastische Welt, in der hölzerne Puppen an Fäden agierten, als wären sie lebendige Menschen", so beschreibt Annette Leo in ihrem Buch "Das Kind auf der Liste" die Szenerie. "Für einige Stunden konnten sich die Besucher in eine andere Welt entführen lassen, eine Welt der großen Gefühle, in der Gut und Böse klar voneinander zu unterscheiden waren und wo sie sicher sein konnten, dass das Gute am Ende siegen würde", so Leo.

Aloys Blum, der Vater von Willy, stammte aus einer fahrenden Künstlerfamilie. In seinem Lebenslauf beschrieb er, wie er sich nach dem Ersten Weltkrieg selbstständig machte und ab 1919 zusammen mit seiner Frau ein Marionettentheater betrieb. Es waren unruhige Zeiten. In Bayern wurde 1919 die Räterepublik blutig niedergeschlagen, in Mitteldeutschland brachen 1921 Arbeiteraufstände aus und 1923 folgte die Inflation. Trotzdem besuchten auf dem Höhepunkt der Inflation mehr Menschen die Marionettentheater als jemals zuvor. Viele wollten ihr Geld schnell ausgeben, denn sparen lohnte sich nicht, vermutet Annette Leo. Der Familienbetrieb der Blums überstand diese schwere Zeit. 1928 gastierte das Marionettentheater im Harzstädtchen Rübeland. Hier wurde am 24. Juni 1928 Willy Blum geboren. Nach seiner Geburt zog die Schaustellerfamilie weiter Richtung Osten. 1936 taucht im Dresdner Adressbuch der Eintrag auf: "Aloys Blum, Marionettentheaterbesitzer". Anschrift: Laubegaster Ufer 22.

Verfolgung durch die Nazis

Buchenwaldkind
Schausteller Bildrechte: Aufbau Verlag/MDR

Die konkrete Ausgrenzung der Sinti und Roma durch die Nationalsozialisten begann mit der Verabschiedung des "Gesetzes zum Schutz des deutschen Blutes und der deutschen Ehre", den sogenannten Nürnberger Rassegesetzen, im Jahr 1935. Sie wurden nun als "Zigeuner" bezeichnet, als "artfremde Rasse". Ebenso wie den Juden wurden auch ihnen die bürgerlichen Rechte abgesprochen. Auch die Schaustellerfamilie Blum litt unter den Schikanen der Nazis. Seit 1936 war für Künstler die Mitgliedschaft in einer der Fachschaften der Reichskulturkammern Pflicht. Wer ohne Gewerbegenehmigung illegal auftrat, riskierte eine Einweisung ins Konzentrationslager. Die Wandermarionettenspieler, in der Fachschaft Puppenspiel der Reichstheaterkammer zwangsorganisiert, wurden im Mai 1936 aufgefordert, einen Nachweis ihrer "arischen Abstammung" zu erbringen.

Verbot, ein Gewerbe auszuüben

Buchenwaldkind
Bildrechte: Aufbau Verlag/MDR

1938 zog die Familie Blum nach Hoyerswerda um. Hier war es möglich, so erklärte es Aloys Blum später, das Schausteller-Gewerbe noch bis zum Jahr 1942 auszuüben. Die Familie versuchte sich auch auf anderem Wege, über Wasser zu halten. Sie verkaufte Handarbeiten, so erinnerte sich Elli Blum. Spitzen und Spitzendecken, die sie bei Klöpplerinnen im Erzgebirge erworben hatten und dann an den Haustüren feilboten. Willy Blum und sein jüngerer Bruder Rudolf besuchten die evangelische Knabenschule in Hoyerswerda, ihre Schwester Dora ging zur Volksschule. 1942 wurde Willy Blum in der katholischen Kirche konfirmiert. In diesem Jahr griffen die nationalsozialistischen Verfolgungsmaßnahmen gravierend in das Leben der Familie ein: Aloys Blum wurde aus rassistischen Gründen die Ausübung des Wandergewerbes untersagt. Der Familie war es verboten, die Stadt zu verlassen, das Familienoberhaupt Aloys Blum musste sich jeden Tag bei der Polizei melden.

Deportation nach Auschwitz

Am 8. Mai 1942 wurde Aloys Blum verhaftet und saß zunächst in Hoyerswerda und dann im Polizeigefängnis Cottbus in Haft. Von dort aus wurde er mit einem Sammeltransport ins Vernichtungslager Auschwitz gebracht, wo er am 5. Juli 1942 als Häftling registriert wurde. Seine zurückgebliebenen Familienangehörigen wurden in eine Baracke in einem Elendsviertel am Stadtrand eingewiesen. Im März 1943 wurden die Mitglieder der Familie Blum verhaftet und zunächst mit einem Zug nach Breslau gebracht, wo sie in ein Sammelgefängnis gesperrt wurden. Einige Tage später deportierte man sie nach Auschwitz, wo sie am 7. März 1943 ankamen und ins "Zigeunerfamilienlager" eingewiesen werden.

Warum mit den Sinti und Roma anders verfahren wurde als mit den deportierten Juden, ist unklar. Möglicherweise, so erklärt es die Historikerin Karola Frings, wollte die SS den Anschein erwecken, es handele sich nur um eine Umsiedlung, um keinen Widerstand zu provozieren. Die Häftlinge des Zigeunerfamilienlagers mussten schwere Arbeit leisten. Aloys Blum war für eine kurze Zeit Blockältester. Weil er es jedoch nicht fertigbrachte, andere Häftlinge zu schlagen, verlor er diese Funktion wieder. Im April 1944 lebten im "Zigeunerfamilienlager" von den ursprünglich dorthin verschleppten 22.000 Menschen nur noch etwa 7.000. Viele starben an Hunger und Entkräftung, an Typhus und Fleckfieber, die Kinder vor allem an der Norma-Seuche. Tausende wurden in den Gaskammern umgebracht.

Intermezzo Buchenwald

Im April 1944 verließ ein Zug mit etwa arbeitsfähigen 1.500 Männern das "Zigeunerlager" Auschwitz in Richtung Buchenwald. Unter ihnen befanden sich auch Aloys, Willy und der neunjährige Rudolf Blum. Anders als Auschwitz-Birkenau war das Konzentrationslager Buchenwald kein Vernichtungslager. Im August 1944 wurde Aloys Blum von seinen Söhnen getrennt und nach Mittelbau-Dora geschickt. Hier produzierten die Häftlinge unter mörderischen Bedingungen die V2-Rakete, die sogenannte Wunderwaffe, mit der Hitler den Krieg gewinnen wollte. Willy und sein kleiner Bruder Rudolf blieben allein im KZ Buchenwald zurück. Willy Blum, zu diesem Zeitpunkt 16 Jahre alt, hatte die Aufgabe, sich um den Bären im Zoo zu kümmern. Für die SS-Leute und ihre Familien war auf dem Gelände des Konzentrationslagers ein Tierpark eingerichtet worden.

Eingang zur Gedenkstätte Buchenwald
Gedenkstätte KZ Buchenwald Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Am 23. September 1944 wurde in der Schreibstube des Konzentrationslagers Buchenwald ein Transport von 200 Kindern und Jugendlichen zusammengestellt, die nach Auschwitz deportiert werden sollten. Auf dieser Liste stand auch der Name Rudolf Blum. Als die Namen auf der Liste aufgerufen wurden, kam es zu einer ergreifenden Szene, so erzählte es ein Überlebender später. Der neunjährige Rudolf rief immer nach seinem älteren Bruder Willy, ihn nicht allein zu lassen. Und der entschloss sich schweren Herzens, seinen kleinen Bruder nach Auschwitz zu begleiten. Am 26. September 1944 kam der Zug mit den 200 Kindern und Jugendlichen aus Buchenwald in Auschwitz an. Was dann geschah, ist nicht dokumentiert. Hier verlor sich auch die Spur von Rudolf und Willy Blum, die in Auschwitz-Birkenau ermordet wurden.

Zum Thema

Über dieses Thema berichtet der MDR auch im TV: Kinder des Krieges - 1945 in Mitteldeutschland | 05.05.2020 | 22:05 Uhr

TV-Tipp

Eva Zimmermann; Jhg. 1933, verlor beim Luftangriff auf Dresden am 13. Februar 1945 Mutter und Schwester, wuchs dann in Höckendorf bei einer Pflegefamilie auf mit Video
Eva Zimmermann; Jhg. 1933, verlor beim Luftangriff auf Dresden am 13. Februar 1945 Mutter und Schwester, wuchs dann in Höckendorf bei einer Pflegefamilie auf Bildrechte: MDR/Hoferichter&Jacobs
MDR FERNSEHEN Di, 05.05.2020 22:05 22:48
  • Stereo
  • Audiodeskription
  • 16:9 Format
  • HD-Qualität
  • Untertitel
  • VideoOnDemand

Das könnte Sie auch interessieren