Tschernobyl Reaktionen in Osteuropa auf die Reaktorkatastrophe 1986

Polen

Die erste der insgesamt drei Wolken, die radioaktive Stoffe von Tschernobyl aus über ganz Europa verteilten, zog am Morgen des 27. April über Polen hinweg. Dementsprechend hoch war die Belastung durch radioaktive Strahlen. In der masurischen Kleinstadt Mikolajki soll der damals gemessene Wert der höchste jemals in Polen gemessene gewesen sein – 500 Mal höher als normal. Doch auch in anderen Gegenden des Landes waren die Strahlenwerte besorgniserregend.

Sonderzug Bernstein in Mikolajki - Polen
In der masurischen Kleinstadt Mikolajki lebten die Menschen damals gefährlich - ohne es zu wissen. Bildrechte: IMAGO

Ungeachtet dessen veröffentlichte die Warschauer Militärregierung erst zwei Tage nach der Katastrophe in Tschernobyl eine Meldung, dass in einem Kernkraftwerk in der Sowjetunion ein Unfall geschehen sei. Um Panik zu vermeiden, so Regierungssprecher Urban, wurde betont, dass Gefahren für die polnische Bevölkerung zu keiner Zeit bestünden. Die Lage sei unter Kontrolle.

Insgeheim aber ließ die polnische Führung umfangreiche Messungen durchführen, deren Ergebnisse umgehend an die Internationale Atomenergiebehörde in Wien weitergeleitet wurden; es wurden Evakuierungen erwogen, Kinder erhielten ein Jodpräparat verabreicht und Medien Empfehlungen für angemessenes Verhalten – auf Milch verzichten, Tiere in den Ställen lassen und Kinder in den Wohnungen.        

 Jugoslawien

In Jugoslawien wurde die Bevölkerung in den diversen Teilrepubliken erst zwei Tage nach der Reaktorkatastrophe informiert. Um Panik oder Aufregung zu vermeiden, war der Tenor der Berichterstattung eher moderat: Die Lage im Kernkraftwerk Tschernobyl sei weitgehend unter Kontrolle und die gemessenen Werte der Strahlenbelastung in Jugoslawien selbst seien nicht besorgniserregend.

Trotzdem meldete das Belgrader Umweltministerium vorschriftsmäßig die gemessenen Werte umgehend an die Wiener Atomenergiebehörde und rief die Menschen im Land dazu auf, auf Spaziergänge im Wald zu verzichten, keine Blumen zu pflücken und Mäntel und Schuhe möglichst vor der Wohnungstür auszuziehen. Schwimmbäder wurden sofort geschlossen und schwangere, aber noch berufstätige Frauen mussten nicht zur Arbeit und durften zu Hause bleiben. 

Ungarn

Am 28. April wurden die Ungarn vom staatlichen Rundfunk über die Reaktorkatastrophe in der UdSSR informiert. Die Verlautbarungen gingen aber auch im verhältnismäßig weltoffenen Ungarn nicht über das hinaus, was auch in den anderen sozialistischen Ländern veröffentlicht wurde. Breiten Raum nahmen Beschwichtigungen ein. Immerhin hatte Ungarn tatsächlich Glück im Unglück: Die radioaktiven Wolken machten dank günstiger Windverhältnisse um den Donaustaat einen Bogen.

Beim Messen der Strahlenbelastung kooperierte das sozialistische Ungarn von Anfang an mit seinem Nachbarn Österreich – ein geschickter Schachzug, denn die Ungarn hatten damit ein größeres Vertrauen in das veröffentlichte Zahlenmaterial, als wenn die kommunistische Partei federführend gewesen wäre.  

Rumänien

Nicolai Ceausescu nutzte das Unglück von Tschernobyl umgehend dazu, Michail Gorbatschow, dessen Kurs von Glasnost und Perestroika dem rumänischen Diktator gründlich missfiel, vernehmbar zu kritisieren: Die Havarie sei beileibe kein "inneres Problem" der UdSSR, eine solche Katastrophe sei nur durch eine Zusammenarbeit aller Staaten zu bewältigen. Von Freundschaftsbekundungen oder Bekenntnissen, dem sowjetischen Brudervolk in dieser schwierigen Stunde zur Seite stehen zu wollen, wie es in anderen sozialistischen Ländern sofort geschah, kein Wort.

Elena and Nicolae Ceausescu, 1984.
Elena Ceausescu, Ehefrau des rumänischen Diktators, übernahm die Leitung einer Tschernobyl-Sonderkommission. Bildrechte: dpa

Mit genauen Informationen über die Reaktorkatastrophe wollte Ceausescu sein Volk freilich auch nicht versorgen: Messdaten blieben geheim und gebetsmühlenartig wurde von staatlichen Stellen betont, dass keinerlei Anlass zur Sorge bestehe. Immerhin wurde eine Sonderkommission ins Leben gerufen, deren Vorsitz die Ehefrau Ceausescus, Elena Ceausescu, übernahm. Die Diktatorengattin, eine gelernte Chemielaborantin, war von den Medien Rumäniens stets als "geniale Wissenschaftlerin" gepriesen worden und somit für ihre Tätigkeit scheinbar hinreichend qualifiziert. Die Kommission empfahl den Rumänen, sich ein paar Tage nicht im Freien aufzuhalten und Wasser nur aus sauberen Quellen zu trinken.

 CSSR

Die Bürger der CSSR erfuhren erst vier Tage nach dem Reaktorunfall von der Katastrophe. Am Abend des 30. April meldete das Fernsehen der CSSR, dass es in einem Kernkraftwerk in Tschernobyl am 26. April eine Havarie gegeben habe. Regierungsprecher Lubomir Strugal erklärte: "Auf dem Gebiet der CSSR werden seither kontinuierlich Messungen durchgeführt. Während des gesamten Beobachtungszeitraumes wurden keine erhöhten Werte an Radioaktivität festgestellt." Eine glatte Lüge. Denn erst am 29. April hatte die Regierung in Prag Messungen der Strahlenbelastung veranlasst. Sofort waren stark erhöhte Werte registriert worden. Doch die Bevölkerung wurde weiter im Unklaren gelassen und beruhigt. Stattdessen betonte die kommunistische Führung, dass die sozialistischen Staaten in dieser schwierigen Stunde in unverbrüchlicher Treue an der Seite der Sowjetunion stünden.

(Quelle: DER SPIEGEL, 20/1986 | Radio Praha, 26.04.2001)

Über dieses Thema berichtete der MDR in Aktuell 26.04.2017, 10:55 Uhr