100 DM Begrüßungsgeld für alle

Jeder DDR-Bürger, der in die Bundesrepublik kommt, bekommt 100 DM bar auf die Hand. Ein Geld-Geschenk, von dem sich jeder ein Stück Westen mit nach Hause nehmen konnte. Für die Sparkassen und Banken eine unglaubliche logistische Herausforderung.

Diese Dresdner Familie tauschte am 01.07.1990 in einer Sparkasse in Dresden Ostmark gegen 2000 D-Mark.
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Bereits seit den Morgenstunden des 10. November 1989 bilden sich vor Sparkassen und Bankfilialen – besonders in Westberlin und den in Grenznähe gelegen Städten – riesige Schlangen von DDR-Bürgern, die sich ihr Begrüßungsgeld abholen wollen. 100 DM stehen jedem zu, geschenkt von der Bundesrepublik. Da die Mitarbeiter der Geldinstitute mit dem Auszahlen nicht mehr nachkommen, ordnet der Regierende Bürgermeister von Berlin, Walter Momper, sogar an, dass Sparkassen und Banken auch in der Nacht geöffnet bleiben sollen. Die Regelung wird einige Tage später in der gesamten Bundesrepublik übernommen.

Sturm auf die Westwaren

Die Beschenkten setzen das zumeist erste Westgeld ihres Lebens zügig um – sie stürmen die Unterhaltungselektronikabteilungen der Kaufhäuser, Videoläden und Supermärkte. Dort räumen sie die Regale leer und lassen nur noch, wie der "SPIEGEL" schreibt, "die Kohlköpfe liegen". Signifikant steigt in diesen Wochen auch der Absatz von Pornoheften. "Es gibt einen regelrechten Kaufkraftüberschuss, die Leute wollen Produkte erwerben, die sie vorher nicht bekommen konnten", erklärt der Wirtschaftswissenschaftler Ronnie Schöb von der Freien Universität Berlin. Und so öffnen Kaufhäuser und große Einzelhandelsketten in den kommenden Wochen ihre Türen auch am Sonntag. Das Geschäft ihres Lebens machen in diesen Tagen aber vor allem Einzelhändler und Supermärkte in den grenznahen Städten.

"So kann es nicht weitergehen!"

Zwei Tage nach der Maueröffnung haben sich bereits drei Millionen DDR-Bürger ihr Begrüßungsgeld abgeholt, bis Ende Dezember hat sich dann fast jeder der 17 Millionen DDR-Bürger die 100 DM auszahlen lassen. Die enorme Summe von 1,7 Milliarden Euro muss die Bundesrepublik insgesamt für dieses Geschenk berappen. Einen solchen Betrag hatte freilich niemand im Auge gehabt, als das Begrüßungsgeld 1970 eingeführt wurde. Damals durften nur Rentner in die Bundesrepublik reisen. Auch später, als im Zuge der Reiseerleichterungen mehr DDR-Bürger in den Westen fahren durften, blieb der Betrag überschaubar.

Aber jetzt ist die Situation prekär. "Wenn zum Beispiel ein Ehepaar mit drei Kindern in den Westen reist, erhält es 500 DM Begrüßungsgeld", rechnet Helmut Kohl am 3. Dezember dem amerikanischen Präsidenten George Bush vor. "Wenn dieses Ehepaar für 200 DM Ware bei uns kauft und 300 DM zum gegenwärtigen Kurs von 1:20 in Mark der DDR umtauscht, bringt es von der Reise praktisch noch sechs Durchschnittsgehälter mit zurück." Kohl stellt unmissverständlich fest: "So kann es nicht weitergehen!"

Drei Milliarden zu viel ausgezahlt

Doch erst am 29. Dezember 1989 wird die Zahlung des Begrüßungsgeldes eingestellt und durch einen sogenannten Devisenfond, in den beide deutsche Staaten einzahlen, ersetzt. Jeder DDR-Bürger darf 100 D-Mark im Verhältnis 1:1 umtauschen und weitere 100 D-Mark im Verhältnis 1:5. Später werden Prüfungen ergeben, dass 2,05 Milliarden DM Begrüßungsgelder ausgezahlt wurden. Bei 17 Millionen DDR-Bürgern sind das etwa 300 Millionen zuviel.

Mehrfach abkassiert

Einige DDR-Bürger nutzen die Hektik bei der Auszahlung des Begrüßungsgeldes und kassieren mehrfach ab. Sie beschaffen sich neue Personalausweise, in die bei der Auszahlung des Begrüßungsgelds ein Stempel gedrückt wird, oder waschen den Stempel einfach aus. Bei dem enormen Andrang an den Bankschaltern wird in diesen Wochen nicht so genau hingesehen. Und in der DDR gilt das mehrfache Abkassieren in der Bundesrepublik auch nicht als Straftatbestand, da schließlich kein sozialistisches oder privates Eigentum geschädigt wird.

Auszahlungsbelege verschwunden

Erst nach der Vereinigung nimmt die Justiz Ermittlungsverfahren auf und es kommt zu einigen Verfahren: 1991 wird zum Beispiel ein Rentner aus Berlin-Friedrichshain, der sich insgesamt sechsmal Begrüßungsgeld abholte, zur Rückzahlung von 500 Mark und zu einer Geldstrafe von 750 Mark verurteilt. Die weitere Verfolgung von Unregelmäßigkeiten bei der Abholung des Begrüßungsgelds wird allerdings durch den mysteriösen Umstand erschwert, dass knapp acht Millionen Auszahlungsbelege spurlos verschwunden sind. Die meisten Ermittlungen müssen daraufhin eingestellt werden und der Verbleib der zuviel gezahlten 300 Millionen DM bleibt unaufgeklärt.