Auschwitz: Todesmarsch in die "Freiheit"

22. Januar 1945: Ausgemergelte Menschen, halb verhungert und erfroren sitzen zu Tausenden in offenen Güterwaggons und werden vielleicht in ein, zwei Tagen wieder festen Boden unter den Füßen haben. Es sind die überlebenden Häftlinge des Vernichtungslagers Auschwitz, die mit Zügen in Konzentrationslager im Deutschen Reich verlegt werden.

von Susann Reich

Auschwitzgefangene vorm Häftlingskrankenhaus
Als der Marsch am 18. Januar los geht, liegen viele Gefangene im Krankenbau. Der Großteil ist zu schwach um das Lager zu verlassen und bleibt zurück. Bildrechte: AKG Images

Schon seit dem 18. Januar sind sie unterwegs. Ihr Ziel: Buchenwald, Mittelbau-Dora, Bergen-Belsen. Hinter ihnen liegen eisige Fußmärsche, bei denen Tausende ihrer Mithäftlinge sterben. Vor ihnen liegen ungewisse Zeiten in überfüllten Lagern, in denen Krankheiten herrschen und es kaum Lebensmittel gibt. Das Ende des Vernichtungslagers Auschwitz ist chaotisch und mörderisch.

Die Tage zuvor: Tote über Tote

Ab dem 12. Januar ist die Rote Armee schnell, fast rasend auf dem Vormarsch Richtung Westen. Die deutsche Wehrmacht hat dem kaum etwas entgegenzusetzen, die Linien brechen fast durch. Auf dem Weg der Sowjets wird in den nächsten Tagen auch das Vernichtungslager Auschwitz liegen. In der Nacht zum 18. Januar 1945 schickt die SS daher etwa 58.000 Häftlinge zu Fuß zu den Bahnhöfen Gleiwitz und Loslau. 60 Kilometer Weg, bei Minus 20 Grad. Sie sind tagelang unterwegs, Tausende sterben.

Die Vermutung, dass das Lager geräumt wird, kursiert schon ein paar Tage zuvor unter den Häftlingen. Der Italiener Primo Levi liegt zu diesem Zeitpunkt im Krankenbau und ahnt, dass die Kranken zurückgelassen werden. Die meisten, die gehen müssen, sind euphorisch, weil sie nicht ahnen, was auf sie zukommt. Er sieht ihre Hoffnungen und ahnt Schlimmes. In seinen Erinnerungen wird er 1947 schreiben:

Ein Wahnsinn, sich einzubilden, auch nur eine einzige Stunde lang marschieren zu können, schwach wie sie waren, und noch dazu im Schnee und mit diesen kaputten Schuhen, die sie im letzten Augenblick aufgetrieben hatten. Ich versuchte es ihnen klar zu machen, sie sahen mich nur wortlos an. Sie hatten Augen wie verschreckte Tiere.

Primo Levi "Ist das ein Mensch?" (dtv, 10. Auflage 2019)

Es ist eine grässliche Ironie des Schicksals, aber tatsächlich haben die, die bleiben müssen, die besseren Chancen zu überleben. Denn die Märsche zu den Bahnhöfen sind Todesmärsche. Die SS erschießt jeden, der nur ein bisschen zurückbleibt. Gefrorene Leichen liegen zu Tausenden entlang des Weges. Die SS nennt den Vorgang zynisch "Evakuierung".

Neu angekommene Häftlinge haben auf der Todesrampe im KZ Auschwitz Aufstellung genommen. Links Frauen und Kinder, rechts die Männer
Die sogenannte "Todesrampe" in Auschwitz. Bildrechte: Lili-Jacob-Album

Das ist keine Evakuierung, das ist kein In-Sicherheit-bringen. Das ist ein In-den-Tod-führen, wegführen von der Befreiung. Weg führen vom Leben im weitesten Sinne.

Christoph Kreutzmüller Historiker in der Gedenkstätte "Haus der Wannseekonferenz"

Die zurückgebliebenen Kranken – um die 8.000 Menschen – fallen in ein Vakuum. Die SS scheint weg, die Rote Armee ist noch nicht da. Kampfhandlungen sind schon vereinzelt zu hören, doch wann kommt Rettung? Und wie bis dahin überleben? Ein paar Schritte außerhalb der Baracke findet Primo Levi einen alten Ofen und schafft es, ihn anzufeuern.

Als das zerbrochene Fenster instand gesetzt war und der Ofen schon Wärme abgab, schien es, als löste sich etwas in jedem von uns und da geschah es, dass Towarowski (ein Französischpole, 23 Jahre alt, typhuskrank) den anderen Kranken vorschlug, sie sollten uns dreien, die wir arbeiteten, jeder eine Scheibe Brot abgeben und es wurde akzeptiert. Nur einen einzigen Tag zuvor, wäre ein solches Ereignis undenkbar gewesen.

Primo Levi "Ist das ein Mensch?"

Die Häftlinge finden ein bisschen Essen, alte Kleidung und Decken. Die größte Angst, dass die SS zurückkommt und alles in Brand steckt, wird zum Glück nicht Wirklichkeit. Es sterben trotzdem immer wieder Menschen, weil sie zu schwach und zu krank sind. Die Menschen, die den Todesmarsch überlebt haben, erreichen derweil die Bahnhöfe Gleiwitz und Loslau werden in offene Waggons gepfercht und ins Deutsche Reich gefahren.

Der Auschwitzmarsch im Januar 1945 forderte viele Tote.
Der Auschwitzmarsch im Januar 1945 forderte viele Tote. Bildrechte: AKG Images

Die Tage danach: "Apokalyptisch und massenmordend"

Die Züge fahren nicht schnell, sie müssen auch zerbombtes Gebiet durchqueren. Es gibt keine Verpflegung. Auch hier: Tote über Tote. Als nach mehreren Tagen, um den 24. Januar herum, die ersten Züge ihren Bestimmungsort erreichen, hoffen die Überlebenden auf Rettung. Und erleben eine Katastrophe: "Die Versorgung in diesen Lagern ist auch schon zusammengebrochen. Die Menschen stehen stundenlang, eigentlich warten sie tagelang, um in dieses Lager zu kommen", erzählt Historiker Christoph Kreutzmüller im MDR-Interview. "Die Baracken sind überfüllt. Da kollabiert das ohnehin schon ganz grässliche System der Konzentrationslager und wird dann wirklich apokalyptisch und massenmordend. Es gibt noch einmal so eine Potenz der Schrecklichkeit. Dort kommen sie rein und viele Überlebende der Todesmärsche sterben dann oder werden umgebracht."

Christoph Kreutzmüller - Historiker in der Gedenkstätte „Haus der Wannseekonferenz“
Christoph Kreutzmüller. Historiker in der Gedenkstätte "Haus der Wannseekonferenz". Bildrechte: MDR Zeitreise

In Auschwitz kommen die Geräusche der Front immer näher. Für die Häftlinge eine Art Durchhalte-Parole. Die Befreiung kann nicht mehr lange dauern. Innerhalb des riesigen Komplexes von Auschwitz wagen sie sich die Zurückgelassenen immer weiter vor.

Wir dehnten unsere Erkundung bis ins SS-Lager unmittelbar hinter dem Stacheldraht aus. Die Lagerwachen müssen in großer Hast aufgebrochen sein. Auf den Tischen fanden wir halbvolle Teller mit nunmehr gefrorener Suppe, die wir mit ausgesprochenem Genuss verschlangen, noch volle Krüge Bier, dass zu gelbem Eis geworden war, ein Schachbrett mit einem angefangenen Spiel.

Primo Levi "Ist das ein Mensch?"

Solche Dinge zu finden, sie sich nehmen zu können, eine Ungeheuerlichkeit für die Überlebenden. Dass es trotz allem für Primo Levi gefährlich ist, erfährt er erst am nächsten Tag.

Einige vielleicht versprengte, jedenfalls bewaffnete SS-Leute waren ins verlassene Lager eingedrungen. Sie fanden 18 Franzosen, die sich im Essraum der SS häuslich eingerichtet hatten. Sie erledigten alle methodisch durch Genickschuss, legten dann die verkrümmten Leichen der Reihe nach auf die Straße in den Schnee. Jene 18 Leichen blieben so dort liegen, bis die Russen kamen.

Primo Levi "Ist das ein Mensch?"

Befreiung: "Tonnen von Haaren, Mäntel, Schuhe, Brillen."

Am 27. Januar um 15 Uhr nachmittags betritt die Rote Armee das Gelände des Vernichtungslagers Auschwitz. Sie treffen auf etwa 7600 Überlebende, darunter auch Kinder. Auschwitz ist für die Rote Armee nicht das erste Vernichtungslager, in das sie kommen. "Gerade in Majdanek hatte die Rote Armee im Juli 1944 ein ganzes Lager vorgefunden. Es war geräumt, aber selbst Gaskammern waren vorhanden", erzählt Historiker Kreutzmüller. "Und das war natürlich in den Zeitungen verbreitet worden. Selbst das amerikanische Life-Magazin hatte im August 1944 über Majdanek berichtet."

Der Schock für die Rotarmisten ist enorm. Auch, weil sie die Dimension erfassen, über das, was sich in Auschwitz abgespielt hat: Tonnen von Haaren, hunderttausende Mäntel, Schuhe, Brillen und Gebisse. Und auch, weil die befreiten Häftlinge nicht mit Freude auf sie zulaufen, sondern halb lebendig, halb tot, starr und abwesend am Stacheldraht stehen. Es ist eine große Hilflosigkeit, die die Soldaten der Roten Armee ergreift.

Befreiung KZ Auschwitz, 27. Januar 1945 - befreite Kinder
Bildrechte: imago images/United Archives International

"Die Rote Armee versuchte ja zu helfen, aber wie konnte man den Menschen helfen, die eigentlich nichts mehr darstellen? Also wirklich verhungert waren", fragt sich Christoph Kreutzmüller. "Gibt man denen was zu essen? Was kann man ihnen geben? Tötet man sie nicht mit zu viel zu essen? Und diese Hilflosigkeit und in diesem Gestank… das ist etwas, was in diesem Sinne nicht vorhersehbar war, weil es einfach zu groß, zu gewaltig ist."

Ein Ausmaß des Schreckens, dass bis heute nur schwer zu erfassen, geschweige denn zu begreifen ist. Selbst 75 Jahre danach.

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Januar 1945 - Ein deutscher Winter

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Zuletzt aktualisiert: 22. Januar 2020, 10:23 Uhr