Neue Urlaubsziele Traumreisen fürs Volk

Viele DDR-Bürger hatten die Öffnung der Mauer zu einem ersten "Kurzurlaub" in der Bundesrepublik genutzt. Aber mehr war zunächst kaum möglich, vor allem wegen des katastrophalen Kurses der Ostmark. Erst mit der D-Mark stand den DDR-Bürgern die Welt wirklich offen.

Ein Ehepaar sitzt nackt lesend auf dem FKK-Zeltplatz Prerow auf dem Darß, Rücken an Rücken, unter einem Sonnenschirm.
Ein Ehepaar auf dem FKK-Zeltplatz Prerow auf dem Darß. Bildrechte: dpa

Die Planung des Urlaubs in Hotels und Ferienheimen war in der DDR weitgehend das Monopol des FDGB-Feriendienstes. Er vermittelte Ferienplätze. Auslandsreisen organisierte das Reisebüro der DDR, wenn man sich nicht selber um ein Quartier kümmern wollte. Rund 75 Prozent der DDR-Bevölkerung wollten den Urlaub im eigenen Land verbringen, das bedeutete: Jahr für Jahr Hoffen auf einen der begehrten Ferienplätze.

Mit dem Zusammenbruch der sozialistischen Planwirtschaft endete auch die besondere Stellung des FDGB-Feriendienstes. Private Reisebüros schossen wie Pilze aus dem Boden. Mitte 1990 gab es in der DDR bereits rund 1.000 Reisebüros und Reiseveranstalter. Viele von ihnen spezialisierten sich auf Reisen in das westliche Ausland, und sie kooperierten mit Reiseveranstaltern aus der Bundesrepublik.

Nach der Währungsunion gönnte sich manch einer mit der neuen D-Mark eine erste Reise in den Westen. Aber zumeist waren es nicht die großen Traumreisen, die im Reisebüro gebucht wurden, die Menschen blieben vorsichtig. Marianne Wieland, die im April 1990 ein Reisebüro an der Prenzlauer Allee in Berlin eröffnet hatte, berichtete 14 Tage nach der Währungsunion im DDR-Rundfunk über ihre Erfahrungen: "Man hält das Geld ein bisschen zusammen. Man sagt sich, die DDR-Mark ist weg. Ich muss jetzt mit dem auskommen, was ich auf dem Konto habe." So überlegten sich ihre Kunden genau, wie viel sie sich den ersten Urlaub mit der D-Mark kosten lassen wollten. Marianne Wieland damals: "Wir merken es am Kaufverhalten: Fahrten über 400 Mark, 500 Mark gehen weitaus eher über den Tisch als Reisen über 1.000 Mark."

Kurzreisen in die neue Welt

Nicht nur die begrenzten finanziellen Mittel ließen viele Menschen zögern. Die Unsicherheit über den eigenen Arbeitsplatz schlug sich auch in der Urlaubsplanung nieder. So wurde aus dem üblicherweise 14-tägigen Jahresurlaub ein Kurztrip. Marianne Wieland am 13. Juli 1990: "Am meisten gefragt sind Städtereisen. Rom, Paris, London, Venedig. Das haben wir auch alles mit im Angebot. Angefragt werden aber auch Kurzaufenthalte im Salzburger Land. Also Österreich, Bayern. Man möchte sich ein bisschen umschauen. Man möchte ein wenig Entspannung finden und dann entscheiden: Also da fahre ich noch einmal hin."

Die Währungsunion und das Luxushotel Neptun

Klaus Wenzel 3 min
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Die D-Mark hält 1990 auch in Warnemünde Einzug. Der Direktor des "Hotel Neptun" setzt weiterhin auf Qualität und Charakter.

So 01.07.1990 19:30Uhr 03:21 min

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Im ausgebuchten Warnemünder Nobelhotel Neptun feierten viele Gäste in die Nacht der Währungsunion hinein. Hoteldirektor Klaus Wetzel sagte hierzu am 1. Juli im DDR-Fernsehen: "Heute Nacht war es ein bisschen wie Silvester. Das gesamte Hotel war voll von gut gelaunten Menschen, die alle versucht haben, den letzten Heller richtig an den Mann zu bringen. Es hat Spaß gemacht." Aber auch er bemerkte schon zu diesem Zeitpunkt Veränderungen im Gästeverhalten: "Das Hotel ist sehr gut gebucht. Doch wir haben Zimmer frei, zum ersten Mal seit 20 Jahren. Die durchschnittliche Auslastung ist schon sehr gut. Aber in der Gastronomie sind die Leute schon etwas verhalten. Man rechnet heute etwas mehr als früher."

Weiter mit dem FDGB-Feriendienst?

Hatte der FDGB früher auf Anweisung der Regierung Betten im Hotel Neptun belegen können, so musste er jetzt wie jeder andere Kunde anfragen. Direktor Wetzel machte deutlich, wie er sich die künftige Zusammenarbeit vorstellte: "Wir haben eine gute Lösung gefunden mit den Gewerkschaften. Wir haben einen Vertrag, die zahlen realistische Preise, richtiges Geld. Wir erbringen eine echte Leistung dafür. Zurzeit haben wir noch 50 Prozent des Hotels mit Urlaubern der Gewerkschaften belegt. Und ich hoffe, dass wir uns auch weiterhin mit dieser arrangieren können. Wer einen guten Preis zahlt, kriegt auch eine gute Leistung."

Dabei war für ihn aber klar, dass er sich für den Tourismus an der Ostseeküste eine andere Entwicklung wünscht: "Mit Massentourismus macht man viel Umsatz, aber nicht viel Gewinn! Billigtourismus ist schädlich." Durch Hotelrenovierungen alleine war ein touristischer Aufschwung nach Wetzels Meinung nicht zu erreichen: "Ein Hotel ist keine Insellösung. Wir brauchen die Infrastruktur vor Ort, Verkehr, Parkmöglichkeiten, sanitäre Anlagen. Facilities, die es in der ganzen Welt gibt. Wir brauchen ein buntes Leben, ein bisschen mehr Flair, ein bisschen mehr Weltoffenheit. Aber Warnemünde hat durchaus reelle Chancen." Was der Hoteldirektor für Warnemünde als Bedarf formulierte, traf letztlich auf die gesamte Ostseeküste der DDR zu. Die touristische Infrastruktur war jahrzehntelang vernachlässigt worden, da man ja kein Wegbleiben der Gäste wegen solcher Mängel zu befürchten hatte.

Campingparadies Ostsee

Erstmals konnte im Sommer 1990 jeder ohne vorherige Anmeldung an die Ostsee reisen und sich selber einen passenden Campingplatz aussuchen. So mancher Camper murrte über die zu hohen D-Mark-Preise und den mangelnden Standard. Ein Besucher äußerte sich im DDR-Fernsehen negativ über den Campingplatz Markgrafenheide: "Die sanitären Einrichtungen lassen zu wünschen übrig. Wir waren mal drüben in Cuxhaven, das ist kein Vergleich." Viele Campingplatzbesitzer hatten gehofft, im Sommer käme es auch zu einem großen Ansturm neugieriger Bundesbürger. Auch das war eine Fehleinschätzung. Wenn einmal jemand auftauchte, verschwand er schnell wieder, wie die Zeltplatzleitung in Stresow am Bodden klagte: "Die Wessis kommen, sehen das Plumpsklo, den Waschraum, und weg sind sie wieder."

Camping in der DDR
Ab 1990 konnte sich jeder selbst einen Campingplatz an der Ostsee aussuchen. Bildrechte: dpa

Wie auf den Campingplätzen sah es an der gesamten Ostseeküste der DDR auch in Hotels und Pensionen aus. Selbst die Privatunterkünfte verzeichneten kurz nach der Währungsunion einen spürbaren Einbruch ihrer Gästezahlen. Die neuen DM-Preise in Gaststätten und Unterkünften schreckten ab. Viele DDR-Bürger gönnten sich in diesem Sommer nur eine kurze Westreise und warteten ansonsten angesichts der großen wirtschaftlichen Schwierigkeiten lieber ab. Der Urlaub in der heimischen Datsche musste dann erst einmal reichen. Die große Tourismus-Flaute an der Ostsee begann.

Dieses Thema im Programm: MDR ZEITREISE | 28. Juni 2020 | 22:10 Uhr