Valentinstag Liebe in der DDR: Flirten unter den Augen der Partei

Flotte Schritte, heiße Blicke oder schüchterne Annäherung - der Tanzsaal war lange Zeit der Ort, den Mann oder die Frau fürs Leben zu finden. Doch dabei hatte die SED durchaus ein Wörtchen mitzureden.

Tanzende Paare in der Disko des Kulturpalastes im Rahmen des Internationalen Schlagerfestivals in Dresden. Vorne rechts auf dem Bild sind Mitglieder der Gruppe Kreis zu sehen.
Bildrechte: imago/Ulrich Hässler

Rock'n'Roll, Beat, Disko - in der DDR gab es von Beginn an Jugendkulturen. Tanzen war für junge Leute das Freizeitvergnügen schlechthin. Ging man anfangs noch in Tanzsäle, in denen Bands spielten, tanzte man später zur Musik der sogenannten Plattenunterhalter - oder DJs, wie sie im Westen hießen. Der Tanzboden war deshalb der Ort, seine bessere Hälfte zu finden.

Der Staat flirtet mit

Doch diese eigentlich private Angelegenheit, das Kennenlernen und Verlieben, wurde auch politisch diskutiert. "Die Idealvorstellung der SED-Führung war die heterosexuelle Liebe in der Familie. Sie sah es als ihre Aufgabe an, eine funktionierende Kernfamilie zu errichten und zu erhalten. Andere Lebensformen waren, zumindest um 1960, schwer zu akzeptieren gewesen für die SED", erzählt der Historiker Till Großmann. Diese moralischen Vorstellungen versuchte die Partei auch, aufs Kennenlernen zu übertragen.

Eine glückliche Familie vor dem Karl-Marx-Monument in Chemnitz.
Idealvorstellung der SED: die Kernfamilie mit Mutter, Vater und Kindern. Bildrechte: IMAGO

Tanzen als Gefahr für die "sozialistische Ehe"

Ab den 1960er-Jahren löste der Einzeltanz den Paartanz ab: Es wurde immer wilder und exaltierter getanzt. Für die Oberen war das ein Problem. "Beim Paartanz hat eine gewisse Ordnung geherrscht. Durch die regelhaften Bewegungen, in denen man sich mit dem Tanzpartner abstimmen musste, konnte man sich kennenlernen. Das war beim Einzeltanz viel schwerer. Da ging es in der Sicht der Partei darum, seinen eigenen Individualismus darzustellen", erläutert Großmann.

Außerdem befürchtete die SED-Führung, dass die jungen Leute beim Tanzen nur auf das Äußere, nicht aber auf die Persönlichkeit achten würden. Man nahm an, dass auf diese Weise nur schnelllebige Beziehungen entstanden. Die Partei wünschte sich jedoch von Anfang an sichere Partnerschaften.

Niemand will den Lipsi tanzen

Walter Ulbricht mahnte: "Es genügt nicht, gegen die Hotmusik und die ekstatischen Gesänge eines Presley zu sprechen. Wir müssen etwas Besseres bieten." Um die Kontrolle über die vor Erregung zuckenden Körper in den Tanzsälen zurückzugewinnen, wurde 1959 der Lipsi erfunden. Trotz seines recht einfachen Grundschrittes wurde der Paartanz ein Reinfall und mehr belacht als getanzt.

Paare tanzen Rock'n Roll
Der Rock'n'Roll-Tanz - das Feindbild der SED-Führung. Bildrechte: dpa

Die Jugend in der DDR scherte sich nicht um die offiziellen Wünsche. Viele lebten noch zu Hause oder in engen Wohnheimen mit Mehrbettzimmern. Das Tanzen war da einer der wenigen Freiräume - ohne soziale Aufsicht.

Hilfe bei Ratgebern

Viele DDR-Bürger wandten sich mit ihren Beziehungsproblemen an Ratgeber in Zeitschriften oder im Fernsehen. Diese folgten der offiziellen Parteilinie und rieten: Anstatt beim Tanzen zu flirten, solle man sich lieber im Kollegenkreis oder im Arbeiterzirkel umsehen. Diese Ablehnung des Tanzens kam aber nicht aus Prüderei, meint Großmann: "Die Ratgeber schöpften aus ihrer Erfahrung als Ärzte oder Psychotherapeuten: aus den Eheberatungsstunden, die sie anboten. Dort hatten sie sehr viele Fälle, in denen die Eheleute sich nichts mehr zu sagen hatten. Ein Grund dafür war, dass die Leute jung heirateten und sich wahrscheinlich noch nicht so gut kannten."

Der William Masters der DDR

Einer der führenden Sexualfachmänner der DDR war Siegfried Schnabl. Der Sexualwissenschaftler leitete von 1973 bis 1993 die Ehe- und Sexualberatungsstelle in Karl-Marx-Stadt/Chemnitz. Im Radio, Fernsehen und Zeitschriften äußerte er sich zu den Problemen der menschlichen Sexualität. Mit 18 Auflagen war sein Buch "Mann und Frau intim. Fragen des gesunden und des gestörten Geschlechtslebens" der erfolgreichste Ehe- und Sex-Ratgeber der DDR.

Friedrich Schnabl
Beliebter Sexualfachmann: Siegfried Schnabl. Bildrechte: Deutsches Rundfunkarchiv

Staatliche Singlebörse

Auf Initiative der staatlichen Ehe-, Familien-, und Sexualberatungsstellen wurden in vielen Orten Klubs für Alleinstehende gegründet. Sie liefen unter so schwungvollen Namen wie "Solo Klub" in Karl-Marx-Stadt oder "Klub der Unverheirateten" in Berlin. Tanzen, Volleyballspielen, Literaturgespräche - die Klubmitglieder konnten sich vielfältig betätigen. Vor allem ging es darum, soziale Kontakte zu knüpfen und sich auszutauschen. Die Mitglieder verbrachten zum Teil auch Geburtstage und Urlaube gemeinsam. Dabei fand sich natürlich auch das ein oder andere Paar. Wie in vielen anderen Bereichen organisierte der Staat auch das Singleleben seiner Bürger.

Seitensprung mit dem Kollegen

Allerdings geriet die propagierte Partnerbörse in den volkseigenen Betrieben und Zirkeln vielfach außer Kontrolle. Historiker Großmann weiß, dass sich hier nicht nur Ehen anbahnten: "Seitdem Frauen arbeiten gingen, waren Seitensprünge mit Kollegen in den Leserzuschriften ein großes Thema." Während im Westen der Postbote bis in die 1970er-Jahre die größte Gefahr für eine stabile Ehe blieb, war es im Osten der nette Kollege von nebenan, mit dem die Frau sich auch beim Betriebstanz amüsieren konnte.

Über dieses Thema berichtete der MDR auch im TV: 14.02.2020 | 20:15 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 12. Februar 2020, 14:30 Uhr