Der Katastrophenwinter 1978/79: Als der Osten im Schnee versank

Am 28. Dezember 1978 setzte ein 72-stündiger Schneesturm im Norden der DDR ein. Infolgedessen wurde Rügen komplett von der Außenwelt abgeschnitten. Die Schneefront wanderte weiter und sorgte für Chaos im ganzen Land.

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Katastrophenwinter 1978/79 auf Rügen. Zwei Männer kämpfen sich durch die Schneemassen. Bildrechte: MDR/Saxonia Entertainment/Egon Nehls

Am Morgen des 28. Dezember 1978 herrschen in ganz Deutschland ca. zehn Grad über Null. Typisches Weihnachtstauwetter. Am Mittag fallen in Flensburg ein paar Regentropfen, dann Schneeflocken. Am Nachmittag und in der Nacht stürzen die Temperaturen plötzlich um fast 30 Grad Celsius. Die Warm-Kalt-Front schiebt sich bedrohlich vom Norden in den Süden, vom Westen in den Osten, über die innerdeutsche Grenze hinweg. Ein physikalisches Wunder, das für die Betroffenen katastrophale Auswirkungen hat.

Rügen schneit komplett ein

Die Nordbezirke der DDR versinken binnen weniger Stunden unter einem mehrere Zentimeter dicken Eispanzer - die Folge des gefrierenden Regens. Dann setzt ein 72-stündiger Schneesturm ein. Nichts bewegt sich mehr. Die Insel Rügen versinkt im Schnee und der Rügendamm wird unpassierbar. Damit ist die Insel am 29. Dezember komplett von der Außenwelt abgeschnitten.

Ein Zug im meterhohen Schnee.
Der Zugverkehr in der DDR bricht zusammen. Bildrechte: MDR/OZ

Doch die Hilferufe aus Rügen verhallen. Weder die Rostocker Bezirksleitung noch das Zentralkomitee in Berlin reagieren. Denn am 30. Dezember ist es in Berlin eher frühlingshaft warm. Erich Honecker bricht zu einem Freundschaftsbesuch nach Afrika auf, seine Minister fahren ins Silvesterwochenende. Die Schneefront schiebt sich unterdessen weiter vor. Durch den Frost frieren bei der Bahn die Weichen ein. Zugverspätungen bis zu zwölf Stunden sind die Folge. Auf Rügen bleiben die Züge im Schnee stecken, in denen die Reisenden zwei Tage festsitzen. Erst dann stehen Busse bereit. Auch die Versorgung der Bevölkerung klappt nicht, denn es gibt keine Versorgungsflüge zum Festland. Auf Rügen stationierte russische Soldaten verteilen selbstgebackenes Brot und helfen den Eingeschneiten.

DDR-Führung reagiert viel zu spät

Am 31. Dezember 1978, dem dritten Tag der Katastrophe, sind 6.000 zusätzliche Helfer aus Armee, Polizei und Zivilverteidigung im Einsatz auf Rügen. Doch die reichen nicht aus, Chaos herrscht auf der Ostseeinsel. 9.000 Rügenbewohner müssen versorgt werden, 3.000 Urlauber untergebracht und viele Kranke müssen gerettet werden. Die Kommunikation ist stellenweise zusammengebrochen, Strom- und Telefonleitungen reißen unter der Schneelast. Weil es keine werdende Mutter mehr ins Krankenhaus schafft, werden 13 Kinder zu Hause geboren.

Der Katastrophenwinter 1978/79
Arbeiter versuchen, den zugeschneiten Rügendamm wieder freizubekommen. Bildrechte: MDR/OZ

Wir hatten nichts mehr zu essen, die Ente war verdorben. Es gab noch zwei Kästen Bier vom Mann und Stollen von Mutter - mindestens fünf Tage lang gab es Bier und Stollen. Konservendosen haben wir auf dem Ofenrohr warmgemacht. Wir waren froh, dass wir was zu essen hatten und haben uns nicht beschwert.

Heide Großnick erlebte den Winter 1978/79 auf Rügen.

Nachdem der Norden der DDR völlig eingeschneit war, erreicht die Wetterfront am Silvesterabend nun auch den Süden. Die gesamte DDR versinkt in totaler Dunkelheit. Am 1. Januar 1979 steht in den Braunkohletagebauen bei minus 20 Grad alles still. Die Stromversorgung bricht zusammen, weil die DDR-Führung 1976 beschloss, sämtliche Strom- und Wärmeversorgung auf Braunkohlebasis umzustellen. Tausende NVA-Soldaten erhalten nun den Marschbefehl in den Tagebau, um mit Muskelkraft die Energieversorgung der DDR zu retten.

Rettung erst am sechsten Tag

Am 1. Januar lässt sich die DDR-Spitze an den Brennpunkten blicken. Doch erst am fünften Tag der Katastrophe berichtet das DDR-Fernsehen von dem Unwetter. In Berlin gibt es am 2. Januar eine außerordentliche Politbürositzung, an der auch der zurückgekehrte Honecker teilnimmt. Eine Luftbrücke zwischen Rügen und dem Festland wird aufgebaut. Hubschrauber bringen das Notwendigste. Seit fast einer Woche sind die Menschen auf Rügen im Schnee gefangen. Manche fahren mit dem Auto einfach los - und werden im Frühjahr tot gefunden.

Offizielle Angaben zur Zahl der Toten gibt es nicht. In der "Aktuellen Kamera" wurden ein einziges Mal drei Tote vermeldet, die bei Verkehrsunfällen ums Leben kamen. Der Zeitzeuge Udo Beßer, der ein Buch über den Einsatz der NVA im Katastrophenwinter geschrieben hat, hat allerdings die Zahl von 18 Toten recherchiert. Am 3. Januar endlich werden 200.000 Einsatzkräfte und schwere Technik mobilisiert. Die DDR-Presse überschlägt sich mit Erfolgsmeldungen. Doch die Verluste durch den Schnee haben der DDR-Wirtschaft über Jahre hinaus geschadet.

Im siebten Himmel: AK-Redakteure als freie Berichterstatter

Für die Redakteure der "Aktuellen Kamera" erweist sich der Katastrophenwinter als Glücksfall. Kommandos aus der SED-Zentrale bleiben aus. Die Mannschaft der "AK" ist sich selbst überlassen und nutzt ihre Chance. Die Reporter fahren zu den Brennpunkten, berichten ungeschminkt über die Lage vor Ort. Ulrich Meier, AK-Chefredakteur von 1978 bis 1984, erinnert sich: "Das war eine sehr zwiespältige Situation für mich. Einerseits fühlte man mit den Betroffenen, für die Schnee, Eis und Kälte zum Teil die Hölle war, und zum anderen war es für uns, die wir darüber berichteten, fast wie im siebten Himmel. Denn wir konnten völlig frei, völlig realitätsbezogen die DDR in diesem Winter so zeigen, wie sie wirklich war."

Über dieses Thema berichtet der MDR auch im Fernsehen: "Sechs Tage Eiszeit - Der Katastrophenwinter 1978/79" | 02.01.2019 | 20:15 Uhr