Zeitzeugenbericht Unverhofftes Glück im Schneesturm

Ein Heiratsantrag im Schneechaos der Silvesternacht 1978/79 verbindet Klaus und Carola Wenzel bis heute. Das Ehepaar, das inzwischen drei erwachsene Kinder hat, erinnert sich daher gern an den turbulenten Jahreswechsel im Katastrophenwinter.

Frisch verliebt waren Carola und Klaus im Jahr 1978. Gemeinsame Zeit war für das junge Paar jedoch selten, da Klaus Wenzel bei der Bereitschaftspolizei in Potsdam diente. Silvester sollte er aber frei bekommen. Und das wollten sie groß feiern! Es war ihnen gelungen, Karten für den begehrten Silvesterball in Brandenburg zu ergattern. Vereinbart war, dass Carola ihren Klaus am Silvestertag in Potsdam abholen würde. Von dort wollten sie gemeinsam mit dem Zug nach Brandenburg zurückfahren.

Doch schon bei der Ankunft in Potsdam nahm das Chaos seinen Lauf. Überall lag hoher Schnee und der öffentliche Verkehr stand still. Allein die so genannte Eule - ein Bus auf Schienen - fuhr noch. Mit diesem kam Carola Wenzel endlich voran. Das letzte Stück zur Kaserne bewältige sie zu Fuß. Die Wiedersehensfreude war groß, die Vorfreude auf den gemeinsamen Silvesterball noch größer.

Züge blieben in Schneewehen stecken

Doch wie sollten sie zurück nach Brandenburg kommen? Es fiel ununterbrochen Schnee und auch die Zeit hatten sie im Nacken, bis zum Ball waren es nur noch wenige Stunden. Am Bahnhof dann die erlösende Nachricht: sie sollten in den Interzonenzug nach Hannover steigen. Das taten sie auch und genossen dankbar den Luxus des beheizten Zuges. Wie sie später erfuhren ein Privileg, das vielen Zugreisenden in diesen harten Wintertagen nicht vergönnt war.

Zahlreiche andere Züge versanken in meterhohen Schneewehen und die Heizungen fielen aus. Der Interzonenzug, mit dem die Wenzels fuhren, war besser dran. Am späten Abend des 31.12.1978 kamen sie am Brandenburger Hauptbahnhof an. Auch hier das gleiche Bild wie in Potsdam, nichts fuhr mehr. Es blieb ihnen also nichts Anderes übrig, als zu Fuß quer durch die Stadt zu laufen, oder besser: zu stapfen, durch kniehohen Schnee.

In Pumps durch den Schneesturm

Carolas Eltern waren schon sehr in Sorge, denn eigentlich waren sie zum Mittagessen verabredet. Spät abends kamen die beiden endlich wohlbehalten zu Hause an. Doch dort konnte sie nichts halten, sie wollten trotz des Schneechaos zum Silvesterball. Wieder zu Fuß stapften sie zur Veranstaltungsstätte, sie in Pumps.

Viele Gäste feierten schon. Doch die ausgelassenen Tänze wurden immer wieder durch Stromausfälle unterbrochen. Die Feiernden nahmen es gelassen, die Stimmung sei "bombastisch" gewesen. Mitten in dieser bizarren Silvesternacht fasste Klaus Wenzel spontan den Beschluss, seiner Freundin einen Heiratsantrag zu machen. Sinngemäß sagte er zu seiner Carola: "So mein Schatz, dann auf unser Hochzeitsjahr!"

Schwerstarbeit im Überseehafen

Das gemeinsame Jahr 1979 begann jedoch mit einer Belastungsprobe. Schon am ersten Januar 1979 musste Klaus Wenzel zurück zu seiner Einheit der Bereitschaftspolizei. Sie wurden zum Wintereinsatz nach Mecklenburg-Vorpommern abkommandiert, wo er bis April 1979 bleiben musste. In einem ehemaligen Ferienheim zwischen Warnemünde und Heiligendamm waren sie untergebracht und mussten die nächsten Wochen unendlich viel Schnee schippen, um die Straßen frei zu räumen.

Bald folgte eine Verlegung nach Stralsund. Im Überseehafen Rostock half die Einheit, Schiffe zu entladen, die wegen der Schnee- und Eismassen steckengeblieben waren. Hunderte Obst- und Bananenkisten und andere Luxusartikel, an die man im DDR-Alltag schlecht herankam, packten die Männer aus und um.

Die Versuchung war groß, Waren mit nach Hause zu nehmen. Doch das war streng verboten. Aber niemand schaute darauf, ob und was direkt vor Ort verzehrt wurde. Nach fast vier Monaten schwerster Arbeit gegen das Schneechaos im Katastrophenwinter wurde Klaus Wenzel nach Hause entlassen – und konnte seine Ehefrau in spe endlich wieder in die Arme schließen.

Über dieses Thema berichtet das MDR Fernsehen auch in: "Sechs Tage Eiszeit - Der Katastrophenwinter 1978/79" | 02.01.2019 | 20:15 Uhr