Ärger bei der Stasiunterlagen-Behörde BStU Rekonstruktion zerrissener Stasi-Akten könnte noch Jahrhunderte dauern

Es gibt Ärger um die Stasi-Unterlagenbehörde BStU. Auslöser ist ein Interview, das deren Leiter, Roland Jahn, Anfang des Jahres gab. Jahn hatte sich über die schleppende Rekonstruktion zerrissener Stasi-Akten geäußert. "Das Interview sei die Bemäntelung des Scheiterns", sagt Christian Booß, Vorsitzender des Aufarbeitungsvereins Bürgerkomitee 15. Januar e.V.

Tausende Plastik- und Papiersäcke, gefüllt mit Papierresten ehemaliger Stasiakten, im sogenannten "Kupferkessel" der Berliner Gauck-Behörde.
Säcke, gefüllt mit Papierresten ehemaliger Stasiakten. Bildrechte: dpa

Im Herbst 1989 versuchten Stasi-Mitarbeiter verzweifelt, so viele Akten wie nur irgend möglich zu vernichten. Sie stopften sie in Reißwölfe und zerfetzten sie per Hand. Bürgerrechtler stoppten die Aktion der Geheimdienstler schließlich. Insgesamt blieben etwa 100 Regal-Kilometer Papiere unversehrt. Die zerrissenen Stasi-Akten füllten immerhin gut 16.000 Säcke. Und um genau diese Millionen von Aktenschnipseln ist jetzt eine Debatte entbrannt.

Nur der Inhalt von 520 Säcken rekonstruiert

Auch 30 Jahre nach der Auflösung des Ministeriums für Staatssicherheit der DDR befinden sich noch immer zerrissene Akten in weit mehr als 15.000 Säcken. Rekonstruiert wurde nämlich bislang lediglich der Inhalt von 520 Säcken. Eine vergleichsweise lächerlich geringe Anzahl. "Aber wir geben nicht auf", gab sich der Bundesbeauftragte Roland Jahn in einem Interview mit der dpa Anfang des Jahres kämpferisch. "Die Stasi darf nicht im Nachhinein entscheiden, was die Menschen lesen dürfen und was nicht."

Roland Jahn
Roland Jahn, Leiter der Stasiunterlagenbehörde BStU Bildrechte: imago/Horst Galuschka

Mehrere hundert Jahre

Und genau diese Worte sind es, die Christian Booß verärgern. Booß ist Vorsitzender des Bürgerkomitees 15. Januar e.V. Der 1991 aus verschiedenen Bürgerkomitees hervorgegangene Verein hat sich zum Ziel gesetzt, den Machtmissbrauch durch SED und Stasi aufzudecken. Laut Booß sei das Projekt der Rekonstruktion der zerrissenen Stasi-Akten seit geraumer Zeit "faktisch tot". Die Papierschnipsel werden seit zwei Jahren tatsächlich ausschließlich von etwa 20 Mitarbeitern in Berlin und anderen Außenstellen in mühsamer Kleinarbeit per Hand zusammengefügt. Insgesamt ist in den letzten dreißig Jahren lediglich der Inhalt von etwa 500 Säcke bearbeitet worden. In einem Interview mit der MDR-Zeitreise sagt Christian Booß: "Die vom BStU propagierte angeblich erfolgreiche Rekonstruktion per Hand ist die ineffektivste und teuerste Methode!" Ganz davon abgesehen, dass das Zusammenfügen der restlichen Aktenschnipsel im jetzigen Tempo einige hundert Jahre in Anspruch nehmen würde.

Rekonstruktion per Computer ist ausgesetzt

Dass ein manuelles Zusammenfügen der Akten tatsächlich kein aussichtsreiches Unterfangen darstellt, war allen Beteiligten relativ bald klar. Um zügiger greifbare Erfolgen feiern zu können, wurde 2008 ein Projekt zum virtuellen Akten-Puzzle gestartet. Mehr als sechs Millionen Euro flossen bislang in das verheißungsvolle Projekt der Rekonstruktion der zerrissenen Akten mittels Computern. Nun würde es nicht mehr lange dauern, frohlockte man damals in der BStU. Und es gelang immerhin, Papiere aus 23 Schnipsel-Säcken am Computer zusammenzufügen. Doch das Projekt wurde schließlich wieder eingestellt, weil die technischen Parameter für ein geplantes Massenverfahren nicht ausreichten. Zwar hatte das "Fraunhofer Institut" eine durchaus beachtliche Software entwickelt, doch es gab keine voll funktionsfähigen Scanner. Deswegen wurde das Projekt vor zwei Jahren gestoppt und sei, so Roland Jahn, bislang auch nicht wieder in Gang gekommen.

"Unrealistische Forderungen"

Christian Booß sieht das alles ein wenig anders. "Die Behörde schiebt die Verantwortung einseitig auf die IT-Technologie." Dies sei wenigstens unredlich. Denn tatsächlich sei es so, dass "Computersoftware und Scanner seit Jahren erfolgreich für internationale Institutionen zur Wiederherstellung von zerstörten Dokumenten eingesetzt würden. Die Stasi-Unterlagenbehörde stellte teilweise absurde technische Anforderungen an das Softwaresystem, die gegenwärtig faktisch nicht erfüllbar sind und das Projekt ineffektiv werden ließen." Roland Jahn betonte in dem Interview, dass jetzt ein neuer Vertrag zwischen Fraunhofer Institut und BStU über einen tauglichen Scanner vorbereitet würde. Dann könnte das Zusammenfügen der Akten per Computer auch wieder anlaufen.

Dr. Christian Booß
Christian Booß, Vorsitzender des Bürgerkomitees 15. Januar e.V. Bildrechte: MDR

Opfer warten vergeblich auf ihre Akten

Doch auch über die Auswahl der vorrangig zu bearbeitenden Akten gibt es unterschiedliche Ansichten. "Anders als der BStU behauptet, wurden bisher eben nicht schwerpunktmäßig Akten von Personen, die die Stasi ausgespäht hat, rekonstruiert", sagt Christian Booß. "Gerade die Akten von Opfern sind nie prioritär zusammmengefügt worden." Vorrangig seien Akten diverser Verwaltungseinheiten der Staatssicherheit bearbeitet worden beziehungsweise solche, die die Spionage der Stasi im Westen dokumentieren, so Booß weiter. Viele Opfer würden daher bereits seit Jahrzehnten vergeblich auf ihre Akten warten. Das bestreitet übrigens auch Roland Jahn nicht.

"Gedächtnis der Nation"

Das Stasi-Unterlagen-Archiv soll künftig Teil des Koblenzer Bundesarchivs werden. Dies beschloss der Bundestag im Herbst 2019. Das Stasi-Archiv wird freilich auch in Zukunft in Berlin-Lichtenberg sowie in den ostdeutschen Ländern ansässig bleiben. Und die Akten seien auch nach wie vor zugänglich. "Ihr Zugang ist eine Errungenschaft der Friedlichen Revolution", betonte Jahn. "Sie gehören zum Gedächtnis der Nation."

Davon nicht zu trennen ist natürlich auch die Frage nach der Rekonstruktion der zerrissenen Stasi-Akten. Christian Booß fordert: "Der Kulturausschuss des Deutschen Bundestages sollte den 30. Jahrestag der Besetzungen der verschiedenen Zentralen der Staatssicherheit zum Anlass nehmen, sich in einer Anhörung mit den Missständen des Projektes zu beschäftigen und Lösungsstrategien suchen." Andernfalls sei das Projekt wohl unweigerlich zum Scheitern verurteilt.

(dpa/St)

Über dieses Thema berichtete der MDR im TV in "MDR Zeitreise" 12.01.2020 | 22.00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 27. Januar 2020, 17:08 Uhr

Mehr zum Thema