Binnenmeer als Modellregion "Zeitmaschine" Ostsee bietet Vorschau auf Klimawandel-Folgen

Welche Folgen hat der Klimawandel für unsere Natur? Was passiert, wenn es wärmer wird? Darauf haben Meeresforscher jetzt eine Antwort. Zumindest, was die Auswirkungen auf küstennahe Gewässer wie etwa das Mittelmeer oder den Golf von Mexiko angeht. Denn was dort noch Zukunftsszenario ist, sieht man bereits in unserer Ostsee! Die ist nämlich eine Art "Zeitmaschine", die uns heute schon zeigt, welche Folgen Klimawandel, Überfischung und industrielle Landwirtschaft einst haben werden.

Ostsee-Küste vor Zingst in Mecklenburg-Vorpommern
Ostsee-Küste bei Zingst: In dem Binnenmeer lässt sich heute schon beobachten, welche Folgen der Klimawandel haben wird. Bildrechte: IMAGO

Die Ostsee ist eine waschechte "Zeitmaschine". In dem Binnenmeer sind einige Entwicklungen viel schneller abgelaufen als in den Ozeanen, erklärt der Meeresökologie-Professor Thorsten Reusch vom Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung Geomar: "Also wir sehen, dass sowohl an der Oberfläche als auch in den mittleren Wasserschichten die Erwärmung dreifach schneller stattgefunden hat. Also um etwa anderthalb Grad hat sich das Wasser erwärmt in den letzten 25 bis 30 Jahren. Und bei der Ozean-Versauerung, da ist es so, dass wir bereits heute in der Ostsee Werte finden können, die erst weit im nächsten, also im 22. Jahrhundert vorhergesagt werden."

Große internationale Überblicksstudie

All das geht aus einer großen Überblicksstudie hervor, in die Forschungen von 26 Wissenschaftlern aus sieben Ländern eingeflossen sind. Das macht sie besonders aussagekräftig, erklärt der Meeresökologe: "Ja es sind zahlreiche Langzeitdatenserien, die teilweise Jahrzehnte bis sogar über ein Jahrhundert zurückgehen. Beispielsweise hat die Ostsee eine der besten Zeitserien was die prekäre Sauerstoffsituation in tieferen Becken betrifft. Die geht 115 Jahre zurück. Und wenn sie so lange zurückgehen, dann wird das 'Rauschen' sozusagen herausgemittelt und man kann dann eben wirklich sehen, dass beispielsweise der Sauerstoffmangel in den letzten 115 Jahren sich verzehnfacht hat."

Sauerstoffmangel und die Folgen

Dorsch
Noch gibt es den Ostsee-Dorsch. Bildrechte: IMAGO

Und der Sauerstoffmangel hat Folgen für das Ökosystem Ostsee, ergänzt Reusch: Am Meeresboden würden heute in weiten Teilen nur noch Bakterien leben. Größere Tiere wie Krebse, Muscheln, Schnecken oder Würmer gebe es aber keine mehr - und damit auch keine Nahrung für Fische:

"Es ist beispielsweise so, dass der Dorsch in der zentralen Ostsee oft in einem sehr schlechten Ernährungszustand ist und wir vermuten, dass es daran liegt, dass die Nahrungssituation sehr schlecht ist. Und wo er eben früher Muscheln, Schnecken usw. zu sich nehmen konnte, fallen diese Bereiche jetzt aus. Und deswegen haben wir es hier zum Teil mit regelrechten 'Hungerhaken' zu tun."

Noch gibt es den Ostsee-Dorsch

Aber immerhin gibt es den Dorsch überhaupt noch in der Ostsee. Keine Selbstverständlichkeit, meint Reusch: Das sei ein Ergebnis der politischen Zusammenarbeit der Anrainerstaaten, die sich in den vergangenen Jahren vermehrt zum Schutz der Ostsee verpflichtet haben. Auch das zeige Wirkung, erklärt der Meeresökologie-Professor: "Konkret ist es so, dass sich die Nährstoff-Einträge seit einem Peak Mitter der 90er-Jahre etwa halbiert haben und dass durch immer verbindlicheres Fischerei-Management sich einige Fischbestände auch wieder in der Erholung befinden, vor allem der zentrale Dorsch und auch der Wildlachs in Skandinavien. Das sind alles Maßnahmen, die sie regional angehen können. Global - die Erwärmung und auch die Versauerung - ist, wenn Sie so wollen, der Elefant im Raum."

Denn in diesen Punkten könne regional nur versucht werden, die Effekte abzupuffern, meint Reusch. Gelingt das nicht, drohen Arten, die kälteres Wasser brauchen, ganz auszusterben. Das hieße für den Ostsee-Dorsch nicht nur hungern, sondern ihn dürfte es in rund 50 Jahren dann überhaupt nicht mehr geben.

Noch mehr Klimawandel

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 15. Mai 2018 | 10:51 Uhr