Aufruf schlägt Wellen 15.000 Forscher fordern mehr Umweltschutz

Unter Forschern geht es normalerweise rauh zu. Um so erstaunlicher, dass sich 15.000 Wissenschaftler in einem Bereich so einig sind: In Sachen Umwelt sägt die Menschheit am eigenen Ast - mehr Umweltschutz muss her. Dabei gab es so einen Aufruf schon mal vor 25 Jahren - was hat sich seither eigentlich getan?

Ein Aufruf für mehr Umweltschutz ist auf erstaunlich breite Resonanz unter Wissenschaftlern gestoßen: 15.000 Forscher aus 180 Ländern haben dem Fachjournal "BioScience" zufolge eine eindringliche Warnung an die Menschheit unterzeichnet und auf den besorgniserregenden Zustand der Erde hingewiesen:

Problemfelder: Bevölkerungswachstum - Trinkwasser - Todeszonen in Ozeanen - Waldabholzung

Fluss im Regenwald
Regenwaldgebiet Bildrechte: IMAGO

Die Autoren des Aufrufs - ein Team von acht Forschern - legen den Finger gleich in viele Wunden: In den armen Regionen der Welt steigt das Bevölkerungswachstum an - bis zum Jahr 2100 leben Forscherschätzungen zufolge zwischen 9,6 und 12,3 Milliarden Menschen auf dem Planeten. Das Problem der Trinkwasserversorgung wird sich den Ökologen zufolge verschärfen - schon jetzt ist, verglichen mit 1992, die Menge des Trinkwassers, das pro Kopf verfügbar ist, um etwa ein Viertel gesunken. Ozeane sind zunehmend verschmutzt mit Erdöl und Dünger - die Menge der sauerstoffarmen Todeszonen in den Weltmeeren hat sich verdreifacht. Fischbestände und viele Arten sind durch Überfischung bedroht. Auf dem Festland wurden zwischen 1990 und 2015 mehr als 120 Millionen Hektar Wald abgeholzt, ein Gebiet etwa so groß wie Südafrika. Auch wenn sich das Tempo der Rodungen teilweise verlangsamt hat, sind überwiegend tropische Länder betroffen, auf deren abgeholzten Wäldern jetzt Ackerbau betrieben wird. Dabei gelten Wälder als wichtige Kohlendioxid-Speicher, die zudem für den Wasserhaushalt und die Artenvielfalt wichtig sind, um die es ebenfalls schlecht steht: Seit 1992 gibt es fast ein Drittel weniger Säugetiere, Reptilien, Amphibien, Vögel und Fische. Verantwortlich für Klimawandel und Erderwärmung ist den Autoren zufolge der weltweit um 62 Prozent gestiegene Kohlendioxid-Ausstoß der Menschheit.

Immerhin - hier und da hat sich das eine oder andere schon geändert: Vielfach wird auf Ozonschicht-schädigende Chemikalien verzichtet und man arbeite an der Nutzung erneuerbarer Energien. Auch in Regionen, die auf Bildung von Frauen und Mädchen setzten, verringere sich die Geburtentrate.

Würde die Menschheit auf die Wissenschaftler hören, würde sie...?

Die richtigen Antworten auf all diese Missstände liegen nach Auffassung der Wissenschaftler auf der Hand: Helfen würde es, die Schutzgebiete auszuweiten, den Handel für Wildtier-Produkte einzuschränken, Familienplanungs-Programme und Bildung von Frauen zu unterstützen. Auch geänderte Ernährungsgewohnheiten, weniger fleischliche, statt dessen mehr Nahrung auf pflanzlicher Basis, Nutzung erneuerbarer Energien und nachhaltiger Technologien.

Vor 25 Jahren: Ähnlicher Aufruf - weniger Echo

Auf einen früheren Aufruf dieser Art hatten vor 25 Jahren nur 1.700 Wissenschaftler, darunter etliche Nobelpreisträger, reagiert und auf drohende Gefahren für die Umwelt durch Klimawandel, Abholzung und Gefährdung der Artenvielfalt hingewiesen. Die Bilanz, die die Autoren des jüngsten Aufrufs für die vergangenen 25 Jahre ziehen, ist ernüchternd: Fortschritte hat die Menschheit offenbar nur bei der Stabilisierung der Ozonschicht gemacht. Ökologe William Ripple von der Oregon State University sagte dem Magazin "BioScience" sogar: "Alarmierenderweise hat sich das meiste sogar verschlechtert."

Die Autoren des jüngsten Aufrufes kommen im Internet-Zeitalter schneller und weitaus effizienter an Kollegen in der Wissenschaft heran, verglichen mit den Wissenschaftskollegen vor 25 Jahren. Aber ob sie im Jahr 2017 trotz schnellerer Vernetzung und größerem Verbreitungsgrad mehr erreichen als die Kollegen in ihrem "Call to humanity" 1992? Veränderungen bringt am Ende nur eine breite Welle öffentlichen Drucks auf die Politik, glauben die Autoren.

Klimawandel
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Über dieses Thema berichtet MDR auch im Radio: MDR aktuell | 13.11.2017 | 18:00 Uhr