Coronavirus Passivimpfung – die Antikörper-Armee

Schnelle Hilfe für schwere Fälle: Das ist in der Corona-Zeit für Patienten genauso wichtig wie für das ganze Gesundheitssystem. In Wien und anderswo auf der Welt wird an einer Therapie gearbeitet, die akuten Corona-Patienten helfen könnte. Die Idee ist nicht neu – aber immer noch gut.

von Florian Zinner

Einige stehende und ein liegendes Reagenzglas mit einer roten Flüssigkeit und dem Etikett "Coronavirus Blood Test" (Coronavirus Bluttest) sowie den Feldern zum Ankreuzen "positiv" und "negativ" und einem Barcode. Einige Gläser tiefenunscharf, Blick auf direkt vorn.
Symbolbild (nachgestellt): Reagenzgläser für Corona-Bluttest Bildrechte: imago images/Future Image

Nehmen wir uns mal die guten Zahlen vor: Mit Stand 25. März hat ungefähr ein Viertel der weltweit 425.439 bestätigten Corona-Fälle die Krankheit bereits überstanden. Das bedeutet auch: Diese Menschen haben Antikörper gebildet und sind gegen das Virus SARS-CoV-2 immun. Nur mal angenommen, diese Menschen würden ein paar ihrer wertvollen Corona-Antikörper anderen Menschen zur Verfügung stellen – das wäre doch großartig, oder?

Alte Idee, aber immer noch gut

Ja, wäre es, deshalb ist die Idee auch nicht neu. Die Grundlage dafür hat sogar schon einen Nobelpreis bekommen, den ersten Medizinnobelpreis überhaupt. Besser gesagt, der Arzt Emil Behring hat ihn bekommen – den kennt man z.B. aus der ARD-Serie Charité, aber eigentlich sah er so aus. Er gilt als Erfinder der Immunserumtherapie. Antikörper werden aus einem Blutserum von Menschen oder Säugetieren gewonnen und über eine passive Impfung verabreicht. Das wurde erstmals bei Diphterie gemacht. Bei einer aktiven Impfung hingegen wird das Immunsystem stimuliert, selbst Antikörper zu bilden – allerdings als vorbeugende Maßnahme.

Die Antikörper müssen uns nix mehr beweisen

Porträt von Thomas Kreil: Mann ohne Bart und ohne Brille, mit dunkelblonden Haaren, Seitenscheitel und Anzug mit Krawatte. Neutral-freundlicher Blick.
Dr. Thomas R. Kreil Bildrechte: Takeda

Für die akute Behandlung wird das Plasma von Menschen benötigt, die schon solche Antikörper gebildet haben, also die nach einer Covid-19-Erkrankung wieder gesund geworden sind. "Wir können dann Antikörperkonzentrate produzieren. Und die sind potenzielle Behandlungsmöglichkeiten für schwer Erkrankte", sagt Thomas Kreil. Er ist Chef des Bereichs Globale pathogene Sicherheit beim japanischen Pharmaunternehmen Takeda an dessen Sitz in Wien. Auch vor Corona hat das Unternehmen schon mit diesen sogenannten Immunglobulinkonzentraten gearbeitet. Für diese Art der Therapie zur Behandlung von Covid-19 spricht ein schlagkräftiges Argument:

Die Antikörper haben bereits bewiesen, dass sie effizient sind. Denn der ursprüngliche Infizierte ist zu einem gesunden Plasmaspender geworden.

Dr. Thomas R. Kreil Takeda

Außerdem wisse man durch jahrelange Erfahrung, dass diese verabreichten Immunglobulinkonzentrate gut verträglich seien, der Produktionsprozess sei den Zulassungsbehörden bekannt. Kreil und Team müssen jetzt also nur noch zeigen, dass das Medikament wirkt und nicht mehr, dass es für den Menschen auch sicher ist. Ein entscheidender Zeitvorteil beim Kampf gegen Corona, bereits in neun bis 18 Monaten könne das Medikament verfügbar sein, in klinischen Studien schon früher.

Kein Wundermittel, sondern ein Backup

Die passive Impfung ist aber eher als ein Backup bei besonders schweren Krankheitsverläufen zu sehen. Nehmen Sie einen Schlangenbiss als Beispiel: Ein Gegengift hilft akut. Aber wenn Sie von der Schlange irgendwann wieder gebissen werden, muss ein neues Gegengift her. Auch die verabreichten Corona-Antikörper verschwinden irgendwann – anders als bei einer aktiven Impfung, nach der sie der Körper selbst produziert. Nach Ablauf einer Frist von mehreren Wochen oder Monaten ist der Patient nicht mehr immun. "Ich glaube nicht, dass das eine Einschränkung ist", sagt Thomas Kreil. "Tatsächlich fokussieren wir uns auf besonders schwere Verlaufsformen." Und da geht es darum, die Situation in der Klinik für den Patienten (und das gesamte Gesundheitssystem) schnell zu verbessern. Die Methode ersetzt also keinen nachhaltigen Impfstoff.

Plasmaspender müssen her

Das Ganze funktioniert natürlich nur, wenn genügend Antikörper angeliefert werden können. Und die gibt's nicht von der Stange. "Das hängt davon ab, wie viel Plasma wir sammeln können." Mit den derzeitigen Ausgangsbeschränkungen ist das nicht so einfach, vor einem ähnlichen Problem stehen derzeit Blutspendedienste. Die Zahl der Plasmaspender – eben solcher, die Covid-19 hinter sich gebracht haben – ist also entscheidend für die Zahl an Patienten, die perspektivisch versorgt werden können.

Auch andere sind dran

Nicht nur Takeda bemüht sich darum, dass die fleißigen Antikörper möglichst bald Patienten zur Verfügung stehen. In Forschungsprojekten wird daran gearbeitet, ein Medikament auf Basis der Antikörper herzustellen. Einfach gesagt: Die besten von ihnen werden rausgepickt, kopiert und als Medikament verabreicht.

Dieser Ansatz wird zum Beispiel am Karolinska-Institut in Schweden und bei den nordamerikanischen Pharmaunternehmen Lilly sowie AbCellera verfolgt. Bei letzteren soll innerhalb der nächsten vier Monate eine mögliche Therapie entwickelt werden. Wie zu erwarten, soll danach das Zulassungsverfahren entsprechend beschleunigt werden. Am Karolinska-Institut ist die Immuntherapie eines von drei Forschungsprojekten, die von der EU unterstützt werden. Neben einem aktiven Impfstoff arbeitet und forscht man dort auch an neutralisierenden Antikörpern. Die sollen das Virus daran hindern, Zellen zu infizieren. Versuche mit Tieren haben bereits begonnen.

Es schreitet also nicht nur die Entwicklung eines Impfstoffs in einem bisher ungesehenen Tempo voran. Sondern auch die Entwicklung von Medikamenten, die das Coronavirus schnell und effektiv bekämpfen können. Aber bevor es Entwarnung gibt, gilt: Bleiben Sie zu Hause. Und schauen Sie sich auch mal die guten Zahlen an.

Zuletzt aktualisiert: 26. März 2020, 17:47 Uhr