Seen und Flüsse Klimawandel: Die Bachforellen gehören zu den Verlierern

Eine tote Forelle liegt im Gras.
Bildrechte: Colourbox.de

Der Anglerverein in Leipzig hat Fotos gepostet: Tote Fische, die an der Wasseroberfläche treiben. Unter dem Bild die Erklärung: "Durch die große und anhaltende Hitze der letzten Wochen kam es in diversen Gewässern zu Fischsterben." Aber warum? Dr. Jörg Freyhof vom Leibniz Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei in Berlin sagt, sie verhungern. Allerdings muss man genauer hinschauen, Karpfen ist nicht gleich Forelle und Wels nicht gleich Hecht.

Some like it hot

Etwa 100 Fischarten leben in deutschen Gewässern und dabei unterscheidet man in zwei Typen: die kälte- und die wärmeeliebenden. Der Karpfen zum Beispiel mag die Hitze, der Wels und der Bitterling auch. Letzterer stand noch vor 20 Jahren auf der roten Liste, aber der Klimawandel hat ihm geholfen. Verlierer dagegen sind kälteliebende Fische wie Lachs und Forelle. Jörg Freyhof zufolge dürfen bei Forelle und Lachs die Wassertemperaturen nicht über 20 Grad steigen, sonst geraten die Tiere in Stress, weil warmes Wasser weniger Sauerstoff aufnimmt. Die Fische leiden erst einmal also unter Sauerstoffmangel.

Unten Dreck, oben Stress: Das macht hungrig

Theoretisch haben die Fische Strategien für solche Situationen - eine davon: Sie sinken nach unten in sauerstoffreichere, kühlere Schichten. Allerdings sind sie auch da nicht vor Sauerstoffmangel geschützt, sagt Freyhof und verweist auf Belastungen durch Gülle und Grundwasser. Womit die Fische also in der Klemme sitzen: Oben ist es warm, unten ist es kühl und dreckig.

tote Fische im Wasser
Bildrechte: IMAGO

Also weichen die Fische nach ganz oben aus, an der Wasseroberfläche gibt es reichlich Sauerstoff. Werner Kloas, Leiter der Abteilung Ökophysiologie und Aquakultur am Leibniz Institut in Berlin erklärt, was es eigentlich bedeutet, wenn Fische an der Oberfläche nach Luft schnappen: "Das ist eine deutliche Sauerstoffmangelerscheinung. Parallel filtern sie viel Wasser durch ihre Kiemen, um so an mehr Sauerstoff zu gelangen und dadurch haben sie Stress und der wird immer größer, je weniger Sauerstoff sie haben. Und je mehr sie sich bewegen, um so mehr Sauerstoff brauchen sie." Ein Teufelskreis - denn letztlich läuft der der Kreislauf der Fische auf Hochtouren und braucht immens viel Energie und die können sie nur erzeugen, wenn sie viel fressen. Doch in überhitzten Gewässern ist Futter oft Mangelware, Fische verhungern oder ersticken. Wissenschaftler Jörg Freyhof malt ein düsteres Zukunftsbild

Es gibt schon Kalkulationen, in Europa wird man 60 bis 80 Prozent aller Bachforellen durch den Klimawandel verlieren.

Jörg Freyhof

Millionen Euro sinnlos geflossen?

Noch kommen Barsch und Hecht ganz gut mit der Situation klar, werden aber auch bald an ihre Grenzen stoßen, meinen die Spezialisten und verweisen auf einen ganz anders gelagerten Fall: Millionen Euro wurden in Wiederansiedlungsprojekte für einen kälteliebenden Fisch gepumpt - den Lachs. Mit Blick auf den Klimawandel hätte man sich das aus Sicht Freyhofs sparen können. Probleme entstehen auch durch die Hobbyfischerei, für viele Angler ist der Angelfisch schlechthin die Bachforelle: Sie wird massiv zurückgehen und machen können wir praktisch nichts. Wasser kühlen oder einleiten? "Bei der Masse an Seen und Flüssen keine Lösung", sagt der Fischexperte. Er appelliert an die Bevölkerung, den Klimawandel wahrzunehmen und den Alltag entsprechend zu ändern. Nur das könne den Fischen dauerhaft helfen.

Olaf Saar vom Anglerverein Zerbst hält einen Lachs in den Händen
Bildrechte: MDR/Stephan Schulz

Dieses Thema im Programm: MDR aktuell | Radio | 29. August 2018 | 07:20 Uhr