Die wichtigsten Fragen und Antworten


Um was geht es beim Moschee-Neubau in Erfurt-Marbach?

Die Ahmadiyya-Gemeinde errichtet im Erfurter Ortsteil Marbach eine Moschee. Es ist der erste Neubau eines muslimischen Gotteshauses im Freistaat Thüringen. Errichtet wird das Bauwerk auf einem Grundstück am Ortseingang des am nordwestlichen Rand von Erfurt liegenden Ortsteils. Finanziert wird der Bau vollständig aus eigenen Mitteln beziehungsweise aus Spenden. Die Ahmadiyya-Gemeinde gehört der Religionsgemeinschaft Ahmadiyya Muslim Jamaat an. Dabei handelt es sich um eine Sondergemeinschaft innerhalb des Islams. Seit Ankündigung im Mai 2016 hat der geplante Moschee-Bau auch eine Islam-Debatte in Erfurt und Thüringen entfacht.


Wann und wie wird die Moschee gebaut?

Im November 2018 legte die Ahmadiyya-Gemeinde während einer feierlichen Zeremonie den Grundstein für den Neubau. Das einstöckige Gebäude wird am Marbacher Ortseingang auf einem etwa 5.000 Quadratmeter großen Grundstück an der Schwarzburger Straße errichtet. Monate zuvor hatte die Stadtverwaltung die nötige Baugenehmigung erteilt - allerdings mit Auflagen. So müsse beispielsweise die komplette Dachfläche begrünt werden. Außerdem müsse die Gemeinde das Gelände umzäunen und Grünanlagen anlegen. Die Gemeinde geht davon aus, dass die Bauarbeiten Ende 2019 abgeschlossen werden.

Das muslimische Gotteshaus soll "Mahmood Moschee" genannt werden. Der arabische Vorname bedeutet "der Gepriesene" oder "der Lobenswerte". Ursprünglich sollte die Moschee an einem weniger sichtbaren Ort am Gefahrenabwehrzentrum in Marbach entstehen, was jedoch misslang. Marbachs Bürgermeisterin Katrin Böhlke und Teile des Stadtrats kritisierten daraufhin, dass der Ortswechsel zuvor nicht ausreichend kommuniziert worden sei.

Das Gebäude selbst soll mit 2.000 Quadratmetern Fläche Gebetsräume für Männer und Frauen, einen Multifunktionsraum, ein Büro und eine Wohnung für den Imam beherbergen. Außerdem sind ein acht Meter hohes, nicht begehbares Minarett und eine Kuppel mit dreieinhalb Metern Durchmesser geplant. Der Muezzin, der Gläubige zum Gebet ruft, soll nur innerhalb des Gotteshauses zu hören sein. Lautsprecher außen am Gebäude gibt es demnach nicht. Die Baukosten werden auf 650.000 Euro geschätzt.


Wie fallen die Reaktionen auf das Gotteshaus aus?

Bei Vertretern christlicher und jüdischer Religionsgemeinschaften und vor allem bei Politikern von Linke, SPD und Grünen stieß der geplante Moschee-Bau auf ein positives Echo. Der Bau eines Gotteshauses sei Teil der Religionsfreiheit, die im Grundgesetz verankert ist. Zudem sei es das Recht jeder Religionsgemeinschaft, Räume einzurichten, um ihrem Gott zu huldigen. Auch die CDU befürwortete mit Blick auf das Grundrecht der ungestörten Religionsausübung den Bau. Allerdings beklagte die Partei eine unzureichende Debatte über das Projekt, was wiederum der AfD in die Karten spiele.

Der Ortsteil Marbach gilt in der Frage als gespalten. Nicht wenige Bürger lehnen den Neubau ab. Die AfD sieht im Moschee-Neubau eine Bedrohung und wollte die Errichtung bis zuletzt verhindern. Zu ihnen gesellten sich Vertreter der sogenannten Neuen Rechten und Rechtsextremisten, die gegen den Neubau vor Ort als auch in den sozialen Medien mobil machten.


Welche Proteste gibt es gegen den Bau?

Proteste und feindliche Aktionen gegen die Moschee gab es seit Bekanntwerden der Pläne im Mai 2016. So wurden auf dem vorgesehenen Grundstück Teile von Tierkadavern abgelegt. Ahmadiyya-Vertreter berichteten, immer wieder Opfer von massiven Pöbeleien und Drohungen geworden zu sein. In unmittelbarer Nähe errichtete eine Gruppe mit dem Namen "Bürger für Erfurt" gemeinsam mit dem Verein "Ein Prozent" mehrere überdimensionale Holzkreuze. Zu den Gründungsmitgliedern und Unterstützern von "Ein Prozent" gehören Vertreter der sogenannten Neuen Rechten, Rechtsextremisten und Mitglieder der AfD.

Die AfD-Fraktion im Thüringer Landtag unterstützte von Beginn an den Protest gegen den geplanten Bau. So strebte sie ein Bürgerbegehren an. Die Stadt Erfurt lehnte dies ab. Die AfD-Fraktion wollte Einwohner Erfurts darüber abstimmen lassen, ob in Gewerbegebieten künftig zum Beispiel Kirchenbauten entstehen dürfen oder nicht. Die Stadt lehnte dies mit Verweis auf die Thüringer Kommunalordnung ab, weil gesetzwidrige Ziele verfolgt würden. Der Antrag widerspreche dem Bauplanungsrecht. Außerdem brachten Marbacher Bürger eine Petition auf den Weg. Auch dies scheiterte.

Anfang September 2018 zogen rund 20 Menschen mit Niqabs und Masken morgens durch Marbach, um gegen den Moschee-Neubau zu demonstrieren. Angemeldet wurde die Versammlung durch das Bündnis "Erfurt zeigt Gesicht". Besonders pikant: Die Teilnehmer hielten eine Kundgebung vor dem Haus der Grünen-Abgeordneten Astrid Rothe-Beinlich ab, die sich dadurch bedroht fühlte. Die Stadt versicherte später, dass sich eine Demonstration in dieser Form so nicht wiederholen werde.


Warum will die Ahmadiyya-Gemeinde eine eigene Moschee?

Die Ahmadiyya-Gemeinde hat nach eigenen Angaben in Erfurt gegenwärtig 30 Mitglieder. In ganz Thüringen sind es 70 Mitglieder. Die meisten von ihnen sind pakistanischer Herkunft. Aber auch Menschen aus Syrien und Algerien gehören der Gemeinde an.

Nach Gemeinde-Angaben mussten die Mitglieder für Veranstaltungen und Feiern Räumlichkeiten stets anmieten. Jetzt wollen die Mitglieder ihren eigenen Raum zum Beten haben, der auch wie ein islamisches Gotteshaus aussehen soll. Die Moschee werde ein offener Raum der Begegnung sein, in den jeder eingeladen sei, so die Gemeinde. Allerdings solle kein islamisches Kulturzentrum daraus werden.

Außerdem ist der Neubau Teil des "100-Moscheen-Projekts" der Ahmadiyya in Deutschland, das 1989 ausgerufen wurde. Demnach sollen in Deutschland insgesamt 100 Ahmadiyya-Moscheen gebaut werden.


Was für einen Glauben vertritt die Ahmadiyya-Gemeinde?

Die Religionsgemeinschaft Ahmadiyya Muslim Jamaat versteht sich als eine weltweite islamische Reformbewegung. Religionswissenschaftler ordnen sie innerhalb des Islam als Sondergemeinschaft ein. Nach eigenen Angaben tritt die 1889 in Indien gegründete Gemeinschaft für die ursprünglichen und ausschließlich friedlichen Werte des Islam ein. Dazu zählten die Gleichwertigkeit von Mann und Frau, Trennung von Religion und Staat, Beendigung gewalttätiger Aktionen im Namen der Religion sowie die im Koran festgelegten Menschenrechte. Ihr Leitspruch lautet "Liebe für alle, Hass für keinen".

Die Ahmadiyya-Gemeinschaft hat nach eigenen Angaben in Deutschland rund 45.000 Mitglieder und unterhält 50 Moscheen. Sie gilt als streng hierarchisch organisiert. Die Religionsgemeinschaft ist außerdem Teil der Deutschen Islamkonferenz.

Die Mitglieder glauben fest an die bevorstehende Vorherrschaft des Islam. Dieses Ziel verfolgen sie jedoch unter einem absoluten Verzicht auf Gewalt. Ihr Missionseifer resultiert aus der Vision ihres Gründers Mirza Ghulam Ahmad (1835-1908) von der "Eroberung Europas für den Islam". Deshalb unternehmen die Mitglieder der Ahmadiyya-Gemeinschaft zahlreiche Missionsanstrengungen. Ein Teil davon ist auch das erwähnte "100-Moscheen-Projekt", das der 4. Kalif Mirza Tahir Ahmad bereits 1989 ausrief. Demnach sollen in Deutschland insgesamt 100 Moscheen gebaut werden, die Hälfte davon ist bisher fertiggestellt.

Die Anhänger verehren ihren Gründer als im Koran verheißenen Propheten nach Mohammed, den sogenannten Mahdi der Endzeit. Die meisten anderen islamischen Strömungen erkennen diesen aber nicht als solchen an, weshalb sie den Glauben der Ahmadiyya als Blasphemie werten. Deshalb werden die Mitglieder der Ahmadiyya-Gemeinschaft in vielen islamischen Ländern (unter anderem in Pakistan) verfolgt und teils brutal bekämpft. Viele von ihnen leben deshalb im Exil.