Fußball | Oberliga Rot-Weiß Erfurt stellt Antrag auf Spielberechtigung - Ungereimtheiten um Mitgliederversammlung

Rot-Weiß Erfurt hat den nächsten Schritt Richtung Neuanfang in der Oberliga gemacht. Der insolvente Thüringer Traditionsverein hat die Spielberechtigung beantragt. Dabei wird klar, dass RWE künftig nur noch bestimmte Spiele in der Multifunktionsarena am Steigerwald austragen werde. Die Hauptspielstätte ist eine andere. Um die Mitgliederversammlung gibt es derweil Ungereimtheiten.

Rot-Weiß Erfurt hat durch seinen Insolvenzverwalter Volker Reinhardt fristgerecht die Spielberechtigung für die Oberliga beim Nordostdeutschen Fußballverband beantragt. Das erklärte der Club am Donnerstag (05.03.2020) in einer Stellungnahme. Daraus geht hervor, dass die Hauptspielstätte in der fünften Liga das Stadion an der Grubenstraße sein soll. Lediglich "wichtige Spiele" sollen auch weiterhin am Traditionsstandort Steigerwaldstadion ausgetragen werden. Eine entsprechende Bestätigung durch die Stadt, die beide Spielstätten zur Verfügung stellt, gebe es bereits, lediglich die "formale Zustimmung des städtischen Werkausschusses Multifunktionsarena" stehe noch aus, wird Christian Fothe, Geschäftsführer der Arena Erfurt GmbH, zitiert.

Steigerwald-Stadion Erfurt
Die Multifunktionsarena am Steigerwald wird in der Oberliga nicht mehr Hauptspielstätte von RWE sein. Bildrechte: imago/VIADATA

Insolvenzverwalter Reinhardt selbst zeigt sich zuversichtlich: "Ich bin, wie alle Beteiligten, optimistisch, dass der FC Rot-Weiß Erfurt in der nächsten Saison in der Oberliga vertreten ist." Mitte Juni dieses Jahres soll die Entscheidung durch den Verband fallen. Die Vorbereitungen auf die anstehende Saison laufen bei RWE, das sich Ende Januar vom Spielbetrieb der Regionalliga zurückgezogen hat, schon längst.

Ungereimtheiten vor RWE-Mitgliederversammlung

Vor der für den 28. März geplanten Mitgliederversammlung gibt es Fragen über die Sinnhaftigkeit der Veranstaltung. Eigentlich sollte dort die Zukunftsausrichtung des Vereins erfolgen. Aber: Die Beschlüsse, die auf der MV gefasst würden, haben wegen der Insolvenz nur geringe bis gar keine Wirkung.

"Die Mitgliederversammlung beschließt über die Aufgaben und Ziele des Vereins", so steht es in der Satzung des FC Rot-Weiß Erfurt. Da sich der Verein aber in einem Insolvenzverfahren befindet, gilt die Macht der Mitgliederversammlung nur sehr eingeschränkt. Die außerordentliche Mitgliederversammlung bei RWE wurde einberufen, weil mindestens 100 Mitglieder das schriftlich beantragt haben. Das hat RWE-Aufsichtsratsvorsitzender Dr. Steffen Böhm dem MDR bestätigt, mit dem Zusatz: "Die Vereinsgremien (Aufsichtsrat, kommissarischer Präsident, Ehrenrat) unterstützen die geforderte Einberufung, da eine außerordentliche Mitgliederversammlung auch durch die Gremien bereits parallel erörtert wurde."

Rechtsanwalt Dr.Steffen Böhm und Roman Kerber
Dr. Steffen Böhm (li./Archiv). Bildrechte: imago/Karina Hessland

Insolvenzverwalter hat die wirtschaftliche Verantwortung

Die antragstellenden Mitglieder haben satzungsgemäß auch die Tagesordnung mit zwei zentralen Themen eingereicht: Die Aufrechterhaltung des operativen Tagesgeschäftes des Nachwuchsleistungszentrums und die Erarbeitung eines ausgeglichenen Wirtschaftskonzeptes für die kommende Oberliga-Saison. An der Sinnhaftigkeit der Tagesordnung bestehen allerdings Zweifel. Zwar kann die Mitgliederversammlung alles beschließen, eine Wirkung wird ein Großteil der Beschlüsse aber nicht entfalten, denn der Verein befindet sich im Insolvenzverfahren.

Insolvenzverwalter Reinhardt, der in die Vorbereitung und Organisation der Mitgliederversammlung nicht eingebunden war, hat die Tagesordnung freundlich aber bestimmt kommentiert: "Ich freue mich über jede Initiative, die von Seiten der Vereinsmitglieder kommt. Aber die wirtschaftliche Verantwortung trage allein ich."

NLZ aus Insolvenzmasse herauslösen?

Das ist völlig unstrittig und auch Aufsichtsratschef Böhm bekannt: "Im laufenden Insolvenzverfahren liegen grundsätzlich alle wirtschaftlichen Kompetenzen beim Insolvenzverwalter", teilte er dem MDR schriftlich mit. Trotzdem hat der Aufsichtsrat im Vorfeld der außerordentlichen Mitgliederversammlung nicht mit Volker Reinhardt über die Tagesordnungspunkte gesprochen. Tatsächlich trägt der sich mit dem Gedanken, das Nachwuchsleistungszentrum aus der Insolvenzmasse herauszulösen. Allerdings völlig unabhängig davon, ob die Mitglieder das fordern oder beschließen.

Bezüglich des wirtschaftlichen Konzepts für die kommende Oberliga-Saison ist geplant, den Vorstand durch ein "verbindlichen Mitgliedervotum" zur Umsetzung dieses Konzeptes zu verpflichten, wie es in der Einladung zur Mitgliederversammlung heißt. Der Vorstand besteht derzeit allerdings nur aus dem Interims-Präsident Frank Nowag und Knut Herber - und dieses Rumpf-Gremium kann derzeit überhaupt nichts umsetzen, was die wirtschaftliche Situation des Vereins betrifft, das kann nur Reinhardt.

Volker Reinhardt (Insolvenzverwalter FC Rot-Weiß Erfurt)
Volker Reinhardt Bildrechte: imago images / Karina Hessland

Begleitausschuss: "Brückenfunktion zwischen den aktuellen Gremien und den Mitgliedern"

Und noch ein weiterer Punkt auf der Tagesordnung sorgt für Irritationen: Die Wahl eines "mitgliederbesetzten Begleitausschusses zur engen Abstimmung und Zusammenarbeit mit den Vereinsgremien." Ein solches Gremium hat es bislang nicht gegeben und ist auch in der Satzung nicht vorgesehen. Aufsichtsratschef Böhm hat offensichtlich mit den Antragstellern der Mitgliederversammlung gesprochen und teilte dem MDR mit, dass dieser Begleitausschuss "aus maximal drei bis vier Mitgliedern des Vereines bestehen" soll, die "derzeit keine aktiven Ämter in den Vereinsgremien innehalten." Bestehen soll er wohl nur sechs Monate. Ziel des Ausschusses sei eine "Brückenfunktion zwischen den aktuellen Gremien und den Mitgliedern." Wer sich für dieses Gremium zur Wahl stellen wird, ist bislang nicht bekannt. Warum so ein Gremium nötig ist, auch nicht.

Insgesamt ist es fragwürdig, was der Sinn dieser außerordentlichen Mitgliederversammlung zum jetzigen Zeitpunkt ist. Erst nach Ende der Insolvenz erlangen die Vereinsgremien ihre Macht zurück. Für den erfolgreichen Abschluss des Verfahrens - so er denn gelingt - hat Reinhardt bislang keinen Termin in Aussicht gestellt. Beschlüsse der Mitgliederversammlung haben bis auf Weiteres keine Auswirkung auf die wirtschaftliche Situation des Vereins. Eine konkrete Neuausrichtung oder eine Zukunftsperspektive kann die für den 28. März angesetzte Mitgliederversammlung also kaum bringen.

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Sport im Osten | 07. März 2020 | 16:30 Uhr

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