Amateurfußball Amateurvereine im Krisenmodus – Wer übernimmt jetzt Verantwortung?

Im deutschen Fußball erfasst die Corona-Krise jeden Verein – egal ob er in der Bundesliga oder Verbandsliga spielt. Dabei sind es gerade die Klubs unterhalb der ersten vier Ligen, die vor einem großen Scherbenhaufen stehen. "Sport im Osten" hat sich bei zwei mitteldeutschen Amateurvereinen umgehört und die Situation unter die Lupe genommen. Dabei wird einmal mehr deutlich: Auch die Politik steht in der Pflicht.

Es ist ruhig geworden auf dem Vereinsgelände des FSV Barleben. Ursprünglich hätte man am vergangenen Samstag (18.04.2020) gegen den SV Kelbra in der Verbandsliga Sachsen-Anhalt antreten sollen. Doch an Punktspiele denkt bereits seit Wochen niemand mehr im Verein. Schließlich musste die mit 30.000 Quadratmetern größte Sportstätte in der Gemeinde Barleben nördlich von Magdeburg ihren Betrieb im Zuge der Corona-Krise komplett runterfahren. Ein gutes Stück weit südlicher sieht die Situation nicht viel anders aus. Denn auch beim FC Einheit Rudolstadt steht man vor einer ungewissen Zukunft. Als Tabellendritter in der Staffel Süd der Oberliga Nordost blickte bisher auf eine gute Spielzeit zurück. Die Aussetzung des landesweiten Ligabetriebs hat jedoch auch bei den Thüringern so einiges über den Haufen geworfen.

Testspiel des 1. FC Magdeburg gegen den FC Energie Cottbus auf dem Sportplatz am Anger in Barleben
Das Stadion in Barleben: Im Sommer ist der 1. FC Magdeburg hier häufiger zu Gast. (Archiv) Bildrechte: imago/Christian Schroedter

Amateurklubs bleiben auf ihren Fixkosten sitzen

Der FSV Barleben und der FC Einheit Rudolstadt teilen aktuell das Leid vieler Klubs im ganzen Land. "Die gesamte Struktur des Vereinslebens ist verändert und wird massiv beeinträchtigt", teilt Ingolf Nitschke, Vorstandvorsitzender des FSV Barleben, seine Sorgen mit. Denn auch wenn die Spieler auf ihre Aufwandsentschädigung verzichtet haben, muss der Verbandsligist weiterhin seine laufenden Kosten decken. Flutlichtanlage, Kunstrasen, Strom und Gas – all diese Posten müssen bedient werden. Und das, obwohl der Spielbetrieb "bei null ist". Allein 1.000 Euro an Nebenkosten müsse man im Monat aufwenden, rechnet Nitschke vor. Beim FC Einheit Rudolstadt steht man vor ähnlichen Problemen. Hier sind es ebenfalls die laufenden Fixkosten, die Sorgen bereiten. "Das tut uns schon weh", sagt der sportliche Leiter Rene Just: "Insbesondere im Falle, dass die Saison zu Ende gespielt werden sollte, aber auch im Hinblick auf die nächste Spielzeit."

Die gesamte Struktur des Vereinslebens ist verändert und wird massiv beeinträchtigt.

Ingolf Nitschke Vorstandvorsitzender des FSV Barleben

Die Anmeldung von Kurzarbeit ist im Amateurfußball so gut wie kein Thema. Da es sich bei den ersten Herren-Mannschaften um keine Profi- sondern Nebentätigkeiten mit oftmals rund 500 Euro im Monat handelt, greifen die Bedingungen für Kurzarbeit in den wenigsten Fällen. Wie auch in Barleben hat die Mannschaft in Rudolstadt deshalb auf ihre Aufwandsentschädigung verzichtet, um Kosten einzusparen. Frei nach dem Motto: Wo nichts eingenommen wird, kann auch nichts ausgegeben werden. Das sei zwar für einige Spieler "sicherlich nicht einfach, weil der ein oder andere die finanzielle Planungssicherheit nicht hat, zeigt aber, dass wir im Verein zusammenstehen", so FC-Einheit-Trainer Holger Jähnisch. Trotz allem wird deutlich, dass es immer noch eine ordentliche Summe ist, die die Klubs Monat für Monat an Fixkosten oder auch Kredittilgungen aufbringen müssen. Allein in Barleben liegen die monatlichen Ausgaben bei 1.500 bis 2.000 Euro, die der Verein stemmen muss.

Holger Jähnisch (Trainer FC Einheit Rudolstadt)
Holger Jähnisch (Trainer FC Einheit Rudolstadt) Bildrechte: imago/Picture Point LE

Sponsoren haben mit eigenen Problemen zu kämpfen

Doch wie soll das funktionieren ohne laufende Einkünfte aus dem Spielbetrieb? Schließlich sind es nicht nur die ausbleibenden Zuschauereinnahmen, die in den Kassen fehlen. Auch Sponsorengelder fließen nicht mehr. Denn die in der Regel meist kleineren mittelständischen Unternehmen, die die örtlichen Sportvereine unterstützen, haben im Zuge der Krise mit ihren eigenen wirtschaftlichen Problemen zu kämpfen. "Ein knappes Dutzend der Sponsoren hat signalisiert, dass sie kürzer treten müssen", erklärt Nitschke. Hinzu kommt, dass die Kommune nichts zu den Kosten gibt, das Sportgelände aber trotzdem Instand gehalten werden muss. Man habe sich deshalb auch mit Fördermöglichkeiten von Seiten des Landessportbundes (LSB) beschäftigt. Ebenso mit dem Lotto-Hilfsfonds des Landes Sachsen-Anhalt, der eine Million Euro für gemeinnützige Vereine und Organisationen bereitstellt. Allerdings hat der FSV Barleben "nach Prüfung dieser Anträge nicht die Möglichkeit teilzuhaben, weil die dort angesetzten Kriterien nicht für uns in Frage kommen", benennt Nitschke das Problem: "Heißt, dass Dinge erstattet werden, die schon bezahlt wurden, aber eben keine laufenden Kosten wie Strom oder Wasser."

Auch in Rudolstadt haben sich die Sponsoren weitestgehend zurückgezogen. "Wir wissen nicht, welche Firmen in den nächsten Jahren zur Verfügung stehen oder in welcher Höhe sie ihre Beiträge leisten können", sagt Just und malt ein düsteres Bild: "Die Auswirkungen der Krise sind momentan nicht zu beziffern. Wir rechnen damit, dass uns das mindestens eineinhalb bis zwei Jahre beschäftigten wird."

Landesverbände oder DFB? Wer steht in der Pflicht?

Von welcher Seite kann also Hilfe für die klammen Vereine im Amateurbereich erwartet werden? Sind es nicht die Landesverbände sowie der Dachverband DFB, die den Klubs in solchen Krisenzeiten unter die Arme greifen müssen? "Es wäre wichtig, dass Beiträge, die wir an die Verbände zahlen, ausgesetzt werden", meint Nitschke. Man müsse von bestimmten Zahlungen befreit werden, "sodass nicht nur der FSV Barleben, sondern die gesamte Bandbreite des Sports in dieser schweren Zeit unterstützt wird". Beim FC Einheit Rudolstadt ist man sich sicher: "Von Verbänden und vom DFB ist wenig zu erwarten. Dafür spielen wir einfach zwei Klassen zu tief."

Von Verbänden und vom DFB ist wenig zu erwarten. Dafür spielen wir einfach zwei Klassen zu tief.

FC Einheit Rudolstadt

Landesverbänden sind die Hände gebunden

Auf Anfrage bei den Fußball-Landesverbänden Thüringen (TFV) und Sachsen-Anhalt (FSA) wird deutlich, dass den Verantwortlichen auch dort die Hände gebunden sind. Schließlich können die Verbände nicht einfach Geld in die Vereine pumpen. Das liegt zum einen an den begrenzten finanziellen Mitteln und ist zum anderen steuerrechtlich überhaupt nicht möglich, erklärt TFV-Geschäftsführer Thomas Münzberg: "Finanzstrategisch sind wir als Verband so ausgerichtet, die Vereine so wenig wie möglich mit Abgaben oder Gebühren zu belasten. Wir finanzieren uns hauptsächlich über Zuschüsse vom DFB und LSB". Ähnlich formuliert es auch Frank Pohl, Geschäftsführer beim FSA: "Finanziell ist es für uns nicht machbar. Wir können nicht irgendwelche Gelder freigeben, weil wir selber erstmal durchrechnen müssen, was es für uns kostet."

Erschwerend kommt also hinzu, dass auch die Verbände nicht gegen bevorstehende Einnahmeverluste gefeit sind, "da bereits wichtige Sponsoren angekündigt haben, ihr Engagement einstellen zu müssen", so Münzberg. In erster Linie versuchen der TFV und der FSA daher Hilfe zu leisten, indem man in beratender Funktion tätig ist. "Wir sprechen mit Politikern und Institutionen wie dem NOFV und dem DFB, die unterstützen können. Diese Angebote und Möglichkeiten geben wir an die Vereine weiter", erklärt Pohl vom FSA. Zudem soll den Klubs bei einer Annullierung bzw. einem Abbruch der Saison die Möglichkeit gegeben werden, bereits überwiesene Startgebühren zu stunden oder in Raten abzubezahlen. Da man beim TFV im Zuge der Krise mit zunehmenden Liquiditätsproblemen bei den Vereinen rechnet, plane man außerdem die Spielordnung anzupassen, sodass "Insolvenzen, die durch die Corona-Krise verursacht wurden, in dieser und in der nächsten Spielzeit nicht oder weit weniger bestraft werden."

Frank Pohl, 2016
Bildrechte: imago images / Picture Point

Finanziell ist es für uns nicht machbar. Wir können nicht irgendwelche Gelder freigeben, weil wir selber erstmal durchrechnen müssen, was es für uns kostet.

Frank Pohl Geschäftsführer beim FSA zur finanziellen Unterstützung

DFB hat sich "nach und nach von der Basis entfernt"

Mit Blick auf den DFB sieht die Situation nicht viel anders aus. Denn auch vom Dachverband sind aufgrund vereinsrechtlicher Vorgaben keine direkten finanziellen Zuschüsse zu erwarten. Wie die Landesverbände nimmt auch der DFB eine "Beratungsfunktion" ein und steht in Kontakt zu Ministerien, Institutionen und Stiftungen, die zur "finanziellen Hilfe oder Entlastung der Vereine beitragen können", so TFV-Geschäftsführer Münzberg. Beim FC Einheit Rudolstadt sieht man darin aber gar nicht das Hauptproblem. Vielmehr gehe es darum, dass sich der DFB in den letzten Jahren "nach und nach von der Basis entfernt habe", beklagt Just. Die Fördermittel, die zur Verfügung gestellt wurden, seien deshalb auch nicht nennenswert.

Es wird deutlich, dass die Situation jede Menge Konfliktpotenzial birgt. Gerade in Krisenzeiten stützen sich die Vereine auf ihre Verbände, an welche sie kontinuierlich Beiträge abführen. Das ohnehin schon angeschlagene Verhältnis der Amateurklubs zum DFB leidet unter der momentanen Lage mehr denn je. Hinzu gesellt sich der Eindruck, dass der Dachverband sein Handeln zunehmender an der Politik ausrichtet, bemerkt Just.  

Sachsen und Thüringen kündigen Hilfspakete an – Sachsen-Anhalt prüft

Doch wie steht es eigentlich um das Engagement der Politik in Zeiten der Krise? Die Freistaaten Sachsen und Thüringen haben bereits finanzielle Maßnahmenpakete zur Unterstützung der Vereine angekündigt. Sachsen will beispielsweise 10.000 Euro zur Existenzsicherung für jeden Klub bereitstellen. Das Thüringer Ministerium für Bildung, Jugend und Sport (TMBJS) hat ein Soforthilfeprogramm für gemeinnützige Organisationen und Vereine mit einem Finanzvolumen von 15 Millionen Euro angekündigt. Auf diese Leistungen soll auch eine große Anzahl der Thüringer Sportvereine zurückgreifen können, heißt es in einer dem MDR vorliegenden Pressemitteilung. Dabei sollen landes- und bundesfinanzierte Soforthilfen für Vereine mit 11 bis 25 Beschäftigten bis zu 20.000 Euro sowie für Vereine mit 26 bis 50 Beschäftigten bis zu 30.000 Euro greifen. Vereine, die keine festen, sondern nur ehrenamtliche Mitarbeiter beschäftigen, wie beispielsweise der FC Einheit Rudolstadt, können mit Soforthilfen bis zu 9.000 Euro rechnen.

Sachsen-Anhalt hat ein solches Maßnahmenpaket bislang nicht verabschiedet. Das Land prüfe aktuell, "inwieweit neben den bereits bestehenden Unterstützungsmöglichkeiten Bedarf für eine spezielle Förderung von Sportvereinen besteht", teilte das Ministerium für Inneres und Sport auf MDR-Anfrage mit. Zu diesem Zweck führt der Landessportbund Sachsen-Anhalt e.V. momentan eine Umfrage bei seinen Mitgliedsvereinen durch. "Unabhängig davon erhalten die Sportvereine in Sachsen-Anhalt eine Förderung in Form von Pauschalen, um die Liquidität kurzfristig zu erhöhen", heißt es weiter.

Eine Änderung der Situation ist nicht in Sicht

Sicher sind Soforthilfen, wie sie Sachsen und Thüringen angekündigt haben, ein erster Schritt in die richtige Richtung. Entfallen zusätzlich die Startgebühren der Vereine für die nächste Saison, könnten zumindest ein paar Monate Spielpause risikofrei überbrückt werden. Doch ruht der Spielbetrieb auch über den Sommer hinaus womöglich bis zum Ende des Jahres – und dieses Szenario muss ernsthaft in Betracht gezogen werden – steht der Amateurfußball vor ungewissen Zeiten. Denn ob und wie es mit der Saison in den deutschen Fußball-Ligen weitergeht, ist derzeit noch völlig unklar. Fakt ist aber, dass es vor allem für Amateurklubs, wie den FSV Barleben und den FC Einheit Rudolstadt, schwierig wird, die Spielzeit sportlich zu Ende zu bringen. Dies hängt nicht nur mit der finanziellen Schieflage zusammen, die auf die Vereine zukommt. "Wir dürfen nicht vergessen, dass die Leute berufstätig sind, die hier spielen", erinnert FSV-Vorstand Nitschke. Die Verbandsligasaison in fünf Wochen zu Ende zu spielen, nachdem man zwölf Wochen Pause hatte, sei daher "nicht zielführend und umsetzbar".

An einem Zaun haengt ein Platz gesperrt! -Schild.
Wie lange die Plätze der Amateurclubs noch gesperrt beliebn, ist aktuell unsicher. Bildrechte: imago images / Agentur 54 Grad

Solidaritätsfond der "Big Player"?

Dabei darf ebenfalls nicht außer Acht gelassen werden, dass es nicht nur die ersten Herrenmannschaften der Vereine sind, die ihrer Nebentätigkeit derzeit nicht nachgehen können. Auch der Nachwuchsbereich ist von den Einschränkungen betroffen. Dadurch eröffnet sich automatisch eine neue Dimension: Schließlich beginnt die Ausbildung junger Talente, von der letztlich auch die großen Klubs in der 1. Bundesliga profitieren, in der Breite weiterhin im Amateurbereich. Ein Solidaritätsfond der "Big Player", welcher dem DFB zur Unterstützung der kleineren Vereine zur Verfügung gestellt wird, wurde auch schon von Ralf Rangnick, Head of Sport and Development Soccer bei Red Bull, ins Spiel gebracht. Ob eine solche Maßnahme im Sinne einer solidarischen Umverteilung zeitnah und transparent ihre Umsetzung findet, bleibt abzuwarten.

Krise als Chance begreifen

Die Verantwortung der unterschiedlichen Akteure in der aktuellen Situation macht letzten Endes aber vor allem eines deutlich: Die Krise bringt auch eine Chance mit sich. Sollten finanzielle Solidaritätsmaßnahmen nicht nur innerhalb der Fußball-Ligen, sondern auch von Seiten des Bundes und der Länder stattfinden und tritt der DFB in seiner Funktion entschlossen an die Seite der kleineren Klubs, um deren Belange zu unterstützen, könnten die Amateurvereine die Krise mit überschaubaren Schäden überstehen. Zeitgleich bestünde die Möglichkeit, den Grundstein für einen verantwortungsbewussten und offenen Umgang miteinander in der Zukunft zu legen.

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