Fußball | Regional "Den kleinen Fußball trifft es noch härter!"

Die Corona-Krise macht vor niemandem Halt. Wer sowieso schon wenig hat, dem tut jeder Ausfall aber noch mehr weh. Deshalb hat sich "Sport-im-Osten" bei Fußball-Klubs unterhalb der ersten vier Ligen umgehört. Dabei steht viel ehrenamtliches Engagement auf dem Spiel, es geht um die Nebenverdienste von Amateurfußballern und sogar so mancher Aufstiegstraum gerät ins Wanken…

Trainer Frank Rietschel, Trainer des Landesliga-Spitzenreiters Einheit Kamenz,
Frank Rietschel: "Den kleinen Fußball wird es noch härter treffen als den großen!" Bildrechte: imago sportfotodienst

Eigentlich hatte der sächsische Landesliga-Spitzenreiter Einheit Kamenz den Sprung in die Oberliga bei 11 Punkten Vorsprung so gut wie sicher. Jetzt sagt Trainer Frank Rietschel: "Das fühlt sich wirklich komisch an, denn es interessiert im Moment keinen mehr. Ich muss mich auch erst einmal wieder mit der Vereinsführung zusammensetzen, ob die Oberliga nach der Corona-Zeit für uns noch stemmbar ist. Wir hängen als kleiner Verein ja voll hintendran bei den Sponsoren, da muss man sehen wie die regionale Wirtschaft aus der Krise herauskommt."

Deutlicher Einschnitt

Das Problem: Die Werbeeffekte für Firmen sind im Amateursport notfalls eher vernachlässigbar. Auch wenn sie vielleicht umso mehr vom Herz ausgehen, droht den Klubs in diesen Ligen ein prozentual deutlicherer Einschnitt. Da es auch anders als Profivereinen keinen relevanten Merchandising-Bereich gibt, also keine Fanartikel über Online-Shops verkauft werden können, fehlen quasi sämtliche Einkünfte.

Düstere Prognosen

Ex-Dynamo-Dresden-Torwart Oliver Herber, heute Geschäftsführer bei Sechstligist VfL Pirna-Copitz, erklärt: "Wir haben keine Einnahmen durch Heimspiele, auch unsere Vereinsgaststätte und die Sauna sind geschlossen. All diese Erlöse fehlen - bei gleichzeitig laufenden Kosten." Kamenz-Coach Rietschel stellt deshalb eine düstere Prognose: "Den kleinen Fußball wird es noch härter treffen als den großen!"

Den kleinen Fußball wird es noch härter treffen als den großen!

Frank Rietschel (Trainer Einheit Kamenz) Frank Rietschel (Trainer Einheit Kamenz)

Gehälter deutlich gekürzt

Teils drastische Senkungen für die Amateurkicker Fast zwangsläufig kürzen die Ober- und Landesligisten deshalb die Verdienste ihrer ersten Herren-Mannschaft ein. Denn weil es sich hierbei um keine Profi-, sondern Nebentätigkeiten mit oftmals rund 500 Euro pro Monat dreht, greifen die Bedingungen für Kurzarbeit meist nicht. So wird nach Sport-im-Osten-Informationen bei der Einheit nur noch rund ein Drittel der Löhne an die Spieler überwiesen, bei Oberligist FC Oberlausitz Neugersdorf und Landesligist Budissa Bautzen sollen sie noch drastischer gesenkt worden sein.

Pirnas Spieler verzichten auf Geld

Beim VfL Pirna-Copitz läuft es auf einen freiwilligen Verzicht der Kicker hinaus. Pirnas Finanz-Chef Herber erzählt: "Wir haben auf Notbetrieb heruntergefahren und Kurzarbeit beantragt. Leider wurde dies nur für einen Teil bewilligt." Sprich: Nur für die wenigen Vollzeitangestellten wie z.B. den Betreiber der Vereinskneipe war der Versuch erfolgreich. Gut, dass das Team um Mittelfeldmann Philipp Kötzsch Verständnis zeigt. Der Neuzugang von Regionalligist Bischofswerda sagt: "Der Vorstand ist an uns herangetreten, ob wir auf unsere Gehälter verzichten, was wir auch alle machen, um den Verein am Leben zu halten. Wir verdienen ja längst nicht wie ein Regionalligist und jeder geht einem Beruf nach." Trotzdem werden manche Spieler jetzt vielleicht sogar doppelt von der Krise getroffen, im Haupt- und Nebenjob.

Kamenz-Trainer Rietschel: "Wichtig ist aus meiner Sicht, dass man ihnen nicht nichts gibt. Geringfügige Zahlungen sind wenigstens ein Zeichen. Du musst sie ja auch bei der Stange halten und motivieren, wenn es wieder losgeht. Genauso ist es bei Aufwandsentschädigungen für Nachwuchstrainer. Zahlst du nichts, verlierst du vielleicht die Leute. Das wäre das Gefährlichste."

Hilfsfond als Lösung?

Was sind mögliche Lösungen? Ex-Viertliga-Spieler Kötzsch tritt für eine solidarische Umverteilung im deutschen Fußball ein. "Mir tut’s für einen Landesligisten wie Pirna und für alle Teams ab der 3. Liga mehr leid. Die ganzen großen Klubs wie Bayern sind da gefordert, einen Fonds zu initiieren und dann dem DFB zur Verfügung zur stellen, der die Aufgabe hat, es an die kleineren Vereine weiterzuleiten. So wäre der Schaden am Ende für alle begrenzt."

Philipp Kötzsch
Philipp Kötzsch von Pirna-Copitz: "Wir verzichten auf unsere Gehälter." Bildrechte: imago/Björn Draws

Startgebühren aussetzen

Der Gedanke beruht darauf, dass die Ausbildung junger Talente in der Breite über die Vielzahl von kleinen Klubs beginnt und der Fußball in Deutschland mit diesem System seit dem Jahr 2000 gut gefahren ist. Auch Rietschel sieht einen Teil der Verantwortung bei den Verbänden. "Wir zahlen fürs Landesligateam und alle Jugendmannschaften eine Startgebühr. So etwas habe ich von der Bundesliga noch nie gehört. Würde diese für die nächste Saison ausgesetzt werden, könnte das auch schon etwas helfen."

10.000 Euro vom Land Sachsen

Das Einsparungspotential liegt hier je nach den Spielklassen der Klubs bei rund 5.000 Euro. Weitere 10.000 Euro Unterstützung zur Existenzsicherung hat der Freistaat Sachsen für jeden Verein bereits angekündigt, die Regelung soll wurde am 09.04.2020 im Landtag verabschiedet. Fazit: Greift die Solidarität nicht nur von Politik, sondern auch von den eigenen Verbänden sind 15.000 Euro Soforthilfe ein erster Schritt. Etwa zwei bis drei Monate Spielpause können damit abgedeckt werden. Doch aktuell weiß keiner, wie lange gerade der Amateurfußball noch auf eine Fortsetzung warten muss…  

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | MDR aktuell | 09. April 2020 | 19:30 Uhr

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