Fußball MDR-Experte Lutz Lindemann: "Befürchte, dass es den einen oder anderen Verein bald nicht mehr geben wird"

Am 1. April 1992 stand Lutz Lindemann zum ersten Mal als Trainer an der Seitenlinie des Drittligisten Wismut Aue. Im "SpiO"-Talk haben wir mit ihm über die damalige Zeit sowie über die aktuelle Situation der Fußball-Vereine im Zuge der Corona-Krise geredet.

Nein, der FC Erzgebirge Aue trug nicht immer die Bezeichnung eines sächsischen Mittelgebirges in seinem Vereinsnamen. Bis zum Jahr 1993 liefen die "Veilchen" unter dem Namen Wismut Aue auf. Daran wird sich auch Lutz Lindemann mit Sicherheit noch erinnern.

"Wir haben unter Flutlicht gespielt. Da waren großartige 1.100 Zuschauer"

Als der gebürtige Halberstädter 1992 zum damaligen Drittligisten stieß, hatte sich die Wismut gerade von Heinz Eisengrein getrennt, dem Nachfolger von Klaus Toppmöller (bis Sommer 1991). Kurz darauf heuerte Lindemann bei den Sachsen an: "Ich habe drei Tage vorher den Anruf bekommen, ob ich in Aue den Trainerposten übernehmen möchte", erinnerte sich der 70-Jährige.

Nur ein paar Tage später stand Lindemann zum ersten Mal an der Seitenline. Gegen Bischofswerda setzten sich die "Veilchen" mit 1:0 durch und bescherten ihrem neuen Coach einen Einstand nach Maß. "Wir haben unter Flutlicht gespielt. Da waren großartige 1.100 Zuschauer", schwärmte Lindemann. 

Aus Wismut Aue wird Erzgebirge Aue

Der Verein befand sich zur damaligen Zeit im Umbruch. Nachdem sich die Wismut GmbH im Juni 1992 komplett aus dem Fußballgeschäft zurückgezogen hatte, standen die Erzgebirgler plötzlich nicht nur ohne Hauptsponsor da, sondern auch vor dem Bankrott.

Trainer Holger Erler (li.) und Vizepräsident Lutz Lindemann (beide Aue) nachdenklich am Spielfeldrand
Rückblick ins Jahr 1999: Lutz Lindemann ist Vizepräsident im Lößnitztal, Holger Erler der Trainer der "Veilchen". (Archiv) Bildrechte: imago/Höhne

Kurze Zeit später gewann der Verein mit den Gebrüdern Helge und Uwe Leonhardt zwei Personen, die den Klub bis heute in seiner Form prägen. "Ich habe die Leonhardt-Brüder mit angeworben", erinnerte sich Lindemann: "Sie waren beide jung und auch dem Fußball zugetan. Diese Fügung hat uns als Verein insgesamt sehr geholfen".

Mittlerweile ist aus dem FC Wismut Aue der FC Erzgebirge Aue geworden, der seit vielen Jahren ein fester Bestandteil in der 2. Bundesliga ist. Und obwohl der Verein in den letzten Jahren gut gewirtschaftet hat, stehen auch die Sachsen im Zuge der Auswirkungen der Corona-Krise vor einer unsicheren Zukunft.

Große Sorgen um kleinere Vereine

Noch härter trifft es in dieser Zeit aber vor allem die Klubs in den unteren Ligen. Deren aktuelle Situation bereitet auch Lindemann große Sorgen. "Ich befürchte, dass es den einen oder anderen Verein durch die Krise in der jetzigen Form bald nicht mehr geben wird", gibt der 21-fache DDR-Nationalspieler zu bedenken: "Die Klubs in der 3. Liga haben fast allesamt Kurzarbeit angemeldet. Da müssen nun vielleicht auch neue Wege innerhalb des Vereins eingeschlagen werden". Einen entscheidenden Punkt sieht Lindemann vor allem in der Verteilung der Fernsehgelder: "Ich bin mir sicher, dass die Big Player in der 1. Bundesliga um ihre Gelder kämpfen werden. Da müssen auch die Zweitligisten aufpassen, dass sie nicht ins Wackeln kommen".

"Gerade im Unterbau ist der Markt für junge Spieler zu klein"

Da die Klubs in der 3. Liga im Gegensatz zu den beiden oberen Ligen deutlich stärker auf Zuschauereinnahmen angewiesen sind, muss auch der DFB seinen Teil zur Situation beitragen, "sonst wird es auch für diese Vereine brenzlig", ist sich Lindemann sicher: "Wenn es der 3. Liga besser gehen soll, brauchen sie andere und bessere Fernsehgelder". Auch eine Gehaltsobergrenze könnte den Vereinen in ihrer Wirtschaftlichkeit deutlich helfen, fügte der ehemalige Profi von Rot-Weiß Erfurt und Carl Zeiss Jena an.

Besonders die Nachwuchsarbeit stellt in diesem Zusammenhang ein wichtiges Szenario für die kleineren Vereine dar. "Gerade im Unterbau ist der Markt für junge Spieler zu klein", bemängelte Lindemann. Aus diesem Grund sollten die Vereine besonders in der jetzigen Situation verstärkt auf diesen Bereich setzen, wodurch sie schließlich auch "perspektivisch Transfererlöse generieren können."

Nicht scheuen, "andere Modelle zu hinterfragen"

Wann und wie es im deutschen Profi- und Amateurfußball weitergehen wird, ist aktuell noch nicht abzusehen. Fakt ist aber, dass Spiele vor Publikum in naher Zukunft nicht stattfinden werden. Dass die Vereine in der 1. und 2. Bundesliga die Spielzeit lieber früher, dafür aber vor leeren Rängen wiederaufnehmen möchten, kann Lindemann nachvollziehen: "Ich denke die Vereinsverantwortlichen wären froh, wenn sie bald wieder spielen können. Für diese Klubs sind auch Spiele ohne Zuschauer überlebenswichtig."

Dabei sollte man sich auch nicht scheuen, "andere Modelle zu hinterfragen", so der MDR-Experte: "Mann könnte jeden zweiten oder dritten Tag spielen. Die Vereine haben dafür auch die personellen Kapazitäten." Lindemann spricht aus eigener Erfahrung –schließlich gab es zu seinen Profi-Zeiten ein ähnliches Pensum.

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jsc

Dieses Thema im Programm: MDR+ | "SpiO"-Talk | 01. April 2020 | 16:00 Uhr

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