Fußball | Hintergrund Wie der Fußball sich selbst kaputt wirtschaftet

Die Corona-Krise lässt es im Profifußball brodeln. Mittlerweile mehren sich Stimmen, dass sich in der gesamten Branche etwas ändern muss. Ein Spielerberater zählt die Branche an – Dynamo und FCM als stille Verlierer?

Symbolbild: Korruption beim Fuߟball - brennende Fußballschuhe
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Die Corona-Krise lässt es im Profifußball brodeln. Mittlerweile mehren sich Stimmen, dass sich in der gesamten Branche etwas ändern muss. Ein Spielerberater zeigt bei "Sport im Osten" grundsätzliche Mängel im Geschäft auf. Gerade Vereine wie Dynamo Dresden oder der 1. FC Magdeburg, die große Ersparnisse angehäuft haben, können die Leidtragenden sein, während andere Klubs wie der Karlsruher SC und der 1. FC Kaiserslautern sich mit ungestraften Planinsolvenzen unter dem Vorwand der Corona-Auswirkungen ihrer Altschulden entledigen wollen.

Dynamo-Präsident: "Corona-Krise ist eine Chance"

Holger Scholze (Präsident) und Ralf Minge (Sport-Geschäftsführer)
SGD-Präsident Holger Scholze und Sportgeschäftsführer Ralf Minge (Archivbild). Bildrechte: imago images / Hentschel

"Die Corona-Krise ist eine Chance dafür, dass sich vieles relativiert, das aus den Fugen geraten war, der Fußball zu einem gesunden Wachstum zurückkehrt und überbordende Verhältnisse auf ein vertretbares Maß reduziert werden. Sonst würde sich die Branche letztlich selbst kannibalisieren", warnt Dynamos Präsident Holger Scholze. Warum ist die Situation so dramatisch?

Die Corona-Krise ist eine Chance dafür, dass sich vieles relativiert, das aus den Fugen geraten war, der Fußball zu einem gesunden Wachstum zurückkehrt und überbordende Verhältnisse auf ein vertretbares Maß reduziert werden. Sonst würde sich die Branche letztlich selbst kannibalisieren.

SGD-Präsident Holger Scholze

Fußball setzt Provisions-Grenze außer Kraft

Ein Beispiel: Im Fußball haben sich Mechanismen eingeschlichen, die gesetzliche Regelungen aushebeln. Obwohl die Spielerberater in Verhandlungen die Gegenspieler der Klubs sind, bezahlen die Vereine häufig deren Honorare. Was irrsinnig klingt, lässt sich mit wirtschaftlichen Interessen auflösen. Denn für Arbeitsvermittlung von Berufssportlern darf ein Berater von seinem Spieler laut einer Rechtsverordnung zum dritten Sozialgesetzbuch (§ 301) nur maximal 14 Prozent Provision einbehalten.

Zahlt allerdings der Arbeitgeber des neuen Beschäftigungsverhältnisses, sprich im Fußball der Klub, ist diese Grenze außer Kraft gesetzt. Da ein Agent seinen Top-Star auch woanders unterbekommt, ist diese Geschäftsweise mittlerweile etabliert.

2018: Mehr als 200 Millionen Euro für Spielerberater

Symbolbild: Geld regiert den Fuߟball - Euroscheine flattern durch Stadion.
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So überwies Schalke gemäß offizieller DFL-Angaben vom 15. März 2015 bis 15. März 2016 16,86 Millionen Euro an Spielerberater. Aus der gesamten Bundesliga flossen im selben Zeitraum 127,73 Millionen Euro auf Konten der Arbeitsvermittler. Und die Zahlen steigen bei der jährlichen Offenlegung ständig. 2018 waren es 197,75 Millionen Euro in der ersten und immerhin 14,14 Millionen Euro in der zweiten Liga.

Jetzt hatten bis zu 13 Klubs der beiden höchsten Spielklassen trotz ihrer hohen Umsätze bei der DFL angegeben, durch die siebenwöchige Spielpause in finanzielle Nöte geraten zu sein und sind deshalb auf die schnellstmögliche Fortsetzung des Spielbetriebs angewiesen. Ralf Minge hat seinem Ärger darüber gegenüber der Deutschen Presse-Agentur Luft gemacht. Dresdens Sportchef sieht den Profifußball aktuell in einem Sturm. "Wenn ich diesen aber nach ein paar Wochen bereits nicht mehr aushalte, müssen andere Fehler gemacht worden sein", sagte Minge.

Spielerberater: "Mehr schwarze als weiße Schafe"

Nun berichtet ein Spielerberater, der namentlich nicht genannt werden will, gegenüber "Sport im Osten": "Einige Vereine versuchen schon wieder, die Corona-Krise für sich auszunutzen. Am Telefon jammern sie erst gut zehn Minuten, wie schlecht es ihnen geht. Dann frage ich: 'Da muss man ja befürchten, dass Ihr Klub bald insolvent geht?' Als Antwort kriege ich: 'Ach, machen Sie sich keine Sorgen, so schlimm ist es doch nicht, für Spieler ist genug Geld da.'"

Der Berater, der Profis von der ersten bis zur vierten Liga betreut, meint: "Es gibt in dieser Branche mehr schwarze als weiße Schafe." Dabei schließt er sowohl Vereinsverantwortliche wie seine eigene Zunft ein. Die Kritik zu letzterem bezieht sich auf den einfachen Zugang zum Beruf. Zwar sind Rechtsanwälte direkt zugelassen, aber auch mit Spielern verwandt zu sein (betrifft also Eltern, Geschwister, Ehepartner) oder eine theoretische Prüfung bei der FIFA abzulegen, reicht aus, um Berater zu werden. Dadurch ist nicht gewährleistet, dass Brancheneinsteiger notwendige Kenntnisse im Querschnittsfeld Sport, Wirtschaft, Recht und teils Psychologie mitbringen.

Angepeilte Gehaltsobergrenzen werden für Ärger sorgen

Christian Seifert (DFL)
DFL-Geschäftsführer Christian Seifert. Bildrechte: imago images / Contrast

So ergibt sich eine große Spannbreite in der Szene. Einerseits gibt es Agenturen, die sich Ex-Profis oder Mental- bzw. Lifecoaches ins Haus holen. Hier werden Spiele völlig unabhängig vom Vereinstrainer durch Experten mit dem Spieler individuell analysiert, teilweise auch psychologische und familiäre Situationen in die Leistungssteuerung einbezogen. Andererseits gibt es genauso Spielervermittler, die "mit Goldkette um den Hals ankommen und ihre Profis im Café über neue Angebote unterrichten", schildert es der Berater.

Schon jetzt ist klar, dass die Absicht von DFL-Chef Christian Seifert über Obergrenzen von Spielergehältern, Beraterhonoraren und Ablösesummen für Ärger sorgen wird. Schließlich haben die Vereine selbst bei TV-Geldern, Trainingslagern und PR-Reisen sowohl Einnahmen als auch Ausgaben stetig maximiert.

Wie wird Entsorgung von Altlasten verhindert?

Allein zwischen den Klubs gibt es Klärungsbedarf. Die DFL kündigte an, bei Insolvenzen keine Punkte abzuziehen. Nach "Sport-im-Osten"-Informationen sollen bei der entsprechenden Abstimmung mit Union Berlin und Dynamo Dresden zwei der 36 Erst- und Zweitligisten widersprochen haben. Weil die Bundesregierung die Antragspflicht für Insolvenzen wegen der Corona-Krise bereits bis 30. September ausgesetzt hatte, wäre das nicht notwendig gewesen.

Dynamo, das zum 31.12.2019 ein Eigenkapital von 11,65 Millionen Euro aufwies, hat deshalb bei der DFL erfragt, wie kontrolliert bzw. ausgeschlossen werden kann, dass andere Klubs durch Planinsolvenzen Altlasten entsorgen. Eine Insolvenz ist wohl immer mit Einschnitten verbunden und die Möglichkeit einer Abwicklung in Eigenregie muss genehmigt werden. Allerdings kann die ausnahmsweise sportliche Straffreiheit eher dazu verleiten.

Dynamo und FCM haben Guthaben - und könnten verlieren

Geschäftsführer Mario Kallnik 1. FC Magdeburg
FCM-Geschäftsführer Mario Kallnik. Bildrechte: imago images/Picture Point

Drittligist Magdeburg ist mit 5,7 Millionen Euro der zweite Verein mit hohen Ersparnissen im Osten. Wenn es mit Geisterspielen weitergeht, verlieren beide Klubs durch die in ihrem Fall gewöhnlich höheren Zuschauer- statt TV-Einnahmen noch mehr Geld als viele Konkurrenten. Auch weil sie weniger ins Team investierten, droht jeweils dazu der sportliche Abstieg.

Fazit: Hohe Rücklagen im Fußball haben bisher wenig genützt, Schulden machen war sportlich meist attraktiver. Fraglich, ob sich das in oder durch die Corona-Krise ändert …

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL | MDR aktuell | 11. Mai 2020 | 11:40 Uhr

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