Fußball | Bundesliga Fanforscher Lange: "Ohne gesellschaftlichen Rückenwind ist Fußball nichts wert"

Die Bundesligisten wollen und müssen auch ohne Zuschauer wieder spielen, wegen der Fernsehgelder. Doch was macht das mit Fans und Spielern, wenn monatelang Geisterspiele anstehen? Fanforscher Professor Harald Lange fordert ein Umdenken im Profifußball und glaubt, dass es, wenn sich nichts ändert, eine noch größere Kluft zwischen kleinen und großen Vereinen und den Fans geben wird. "Sport im Osten" sprach mit dem Fanforscher.

Leeres Fußballstadion und der Schriftzug - Geisterspiele.
Bildrechte: imago images/Sportfoto Rudel

Die Deutsche Fußball Liga hat ein Konzept vorgestellt, wie die Bundesligisten die Saison doch noch zu Ende spielen können. Zudem wurden die Drittligisten und die Frauen-Bundesligisten mit 7,5 Millionen Euro bedacht. Eine noble Geste?

Prof. Dr. Lange: "Es ist ein sehr differenziertes Konzept und die 7,5 Millionen Euro für die 3. Liga sind sehr großzügig. Zumal eigentlich keine formale Pflicht  bestand. Es ist also sehr zu begrüßen. Die DFL steht aber eben auch mit dem Rücken zur Wand. Ein weiteres Zugeständnis wäre wichtig, diese Solidarität in den Statuten zu verankern. Die Fernsehgelder sollten gerechter verteilt werden. Aber es ist festzuhalten: Die Spende ist als Zeichen der Solidarität wertvoll. Was wir jetzt aber brauchen, ist eine auf die Zukunft ausgerichtete Diskussion.

Welchen Fußball wollen wir? Das dürfen dann nicht nur die Topvereine entscheiden, alle beteiligten Gruppen müssen zu Wort kommen. Denn ohne gesellschaftlichen Rückenwind ist auch der Fußball nichts wert. Wir haben seit vier, fünf Jahren heftige Proteste gegen den DFB und auch die DFL, die viel an Wert verloren haben. Und es sind nicht mehr die Krawallmacher wie vor 20 oder 30 Jahren. Es ist erschreckend, dass man das in den Verbänden nicht gemerkt hat. Die DFL muss sich jetzt auch Fanexpertise einholen, die Fans binden und sein Produkt anders ausrichten. Der Fußball darf nicht nur von Ökonomen gesteuert werden. Es bleibt zu hoffen, dass es ein intensives Nachdenken geben wird, auch im DFB und in den Landesverbänden. Und vielleicht kann ein neuer professioneller Fußball entwickelt werden."

Harald Lange
Bildrechte: Harald Lange

Fußball ohne Fans ist eigentlich widernatürlich. Da allerdings absehbar ist, dass auch in den kommenden Monaten die Stadion leer bleiben, soll es mittlerweile eine Mehrheit von 74 Prozent geben, die Geisterspiele befürwortet. Hintergrund ist dabei, dass gerade die Profivereine ohne Spiele vor existenziellen Einbußen stehen würden. Wie lange, glauben Sie, wird die Fanszene, gerade die aktive, solche Geisterspiele akzeptieren?

"Das ist ein enorm wichtiger Aspekt. Es ist hart und eigentlich unvorstellbar. Das ist wie ein kollektives Stadionverbot. Was folgt daraus? Das Bedürfnis nach Austausch ist bei den Fans ja weiter da, findet dann aber eher über Social Media statt. Vielleicht führt es dazu, dass mehr über den Fußball nachgedacht wird und darüber, welche Lehren man aus der Krise ziehen könnte. Die Vereine, die ein gutes Verhältnis zur Fanbasis haben, werden Formate finden, damit das Vereinsleben weiter ausgelebt werden kann. Wer das nicht hat als Verein, wird Probleme bekommen. Da werden Fanbasis und Fanklubs verloren gehen. Dann gibt es noch die von Mäzenen geführten Vereine. Die machen einfach Pause und verlieren noch mehr von ihrer Seele. Und dann machen die einfach weiter."

Harald Lange
Bildrechte: Harald Lange

Fußball lebt von Emotionen, auch die Spieler brauchen die Kulissen, die Anfeuerung. Was macht das auch mit den Fußballern, wenn man monatelang vor leerem Haus spielt?

"Das hat ja eine ästhetische Qualität. Fußball auf höchstem Niveau ist wie eine Kunst, die braucht Atmosphäre, einen Raum, um sich zu entfalten. So entstehen geniale Aktionen von Spielern. Bei Geisterspielen ist es aber eher wie bei einem Trainingsspiel. Das führt zu einem Bedeutungsverlust, es werden andere Spiele sein. Ein Bundesligaspiel wird sich eher so anschauen, als würde man ein Drittligaspiel sehen. Das Geniale könnte verloren gehen. Man muss ja bedenken, es geht eigentlich noch um Meisterschaft und Abstieg, das wird nun träge runtergespielt. Mal sehen, ob die Einschaltquoten wirklich so hoch sein werden."

Geisterspiel Borussia Mönchengladbach gegen 1. FC Köln
Geisterspiel Borussia Mönchengladbach gegen 1. FC Köln Bildrechte: imago images/Mika Volkmann

Wird der Fußball etwas aus dieser Krise lernen (müssen)? Wird es nach unten angepasste Gehälter geben, was wird aus den unverschämt hohen Provisionen für die Spielerberater? Werden die Kader der Vereine deutlich schrumpfen? Erwarten Sie, wenn der vorherige Fakt eintreten wird, eine Spielerschwemme auf dem Markt im Sommer?

"Super-Talente werden sicher noch Verträge und gute Gehälter bekommen. Es wird aber drastische Einbrüche geben. Der Wert wird anders bestimmt, die Gehälter werden einbrechen. Es wir massive Auswirkungen geben in der Liga. Die Mäzene können weiter so zahlen, die normal wirtschaftlich organisierten Vereine haben Einbußen. Die Kluft zwischen Arm und Reich wird noch größer, der Wettbewerb damit uninteressanter. Das Produkt könnte an Wert verlieren. Ein erster Schritt wäre, allen Vereinen gleiche Fernsehgelder zu zahlen. Sonst werden Leipzig, Bayern, Dortmund und vielleicht Hoffenheim die Meisterschaft unter sich ausmachen."

Das Gespräch führte Ronny Eichhorn 

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | MDR aktuell | 25. April 2020 | 19:30 Uhr

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