Fußball | DFB DFB: Das Virus stellt die Machtfrage

Der DFB verspricht finanzielle Zuwendungen für seine Regional- und Landesverbände. Doch es ging bei der Pressekonferenz auch um mehr: um Macht und Gier und Profite. Ein sichtlich angeschlagener Bundestrainer Joachim Löw mahnte, die fußballfreie Zeit zum Nachdenken über grundsätzliche Fragen zu nutzen. Ein Verband auf der Suche nach der Zukunft des Fußballs.

Joachim Löw und Jens Grittner
Eine Rede an die Fußball-Nation: Bundestrainer Joachim Löw. Bildrechte: imago images / Norbert Schmidt

Fritz Keller hat das Träumen, das Fantasieren auch in diesen alpträumerischen Zeiten nicht verlernt. Wenn schon die Flugzeuge nicht mehr realiter in den Himmel steigen, dachte sich der DFB-Präsident wohl, dann doch zumindest in den eigenen Gedanken, die ja selbst im Falle von Ausgangssperren und Notstandsverordnungen frei seien und blieben. "Was uns gestern noch wichtig erschien, ist heute nichtig und klein", zitierte Keller frei aus dem Reinhard-Mey-Klassiker "Über den Wolken".

Löw und Bierhoff per Video zugeschaltet

Er saß dabei etwa ein bis zwei Meter von DFB-Mediendirektor Jens Grittner entfernt in der Zentrale des Deutschen Fußball-Bundes in Frankfurt am Main. Im Hintergrund waren DFB-Direktor Oliver Bierhoff und Bundestrainer Joachim Löw per Video zugeschaltet. Mit dieser Pressekonferenz fügte sich der Verband auch optisch in das Bild, das eine angesichts der rasanten Ausbreitung des Coronavirus zu sozialer Distanzierung aufgerufene Welt derzeit abgibt.

Einem Weltenheim, dessen Bausteine gerade aus der Fugenmasse zu rutschen beginnen, versuchte der oberste deutsche Fußballfunktionär zumindest emotionale Stabilität zu verleihen - und bemühte sich um einen Weitblick, den man eben nur in einer gewissen Flughöhe erreicht. "Manchmal muss man den Blick über die Wolken setzen und die Perspektive ändern", ermutigte Keller und präzisierte: "Jetzt sind Solidarität und Verzicht gefragt."

Fritz Keller
Mit Fritz Keller im Flugzeug. Die DFB-PK sollte den Blick ins Weite richten. Bildrechte: imago images / Norbert Schmidt

Soforthilfe "von der Kreisliga bis hin zur Bundesliga"

Wie es unter den Wolken, auf den Fußballplätzen und in den Stadien, nach der Corona-Krise weitergeht, das weiß aber nicht einmal deren Chef, weshalb an eine langfristige Fußball-Planung derzeit nicht zu denken ist. Zumindest kurzfristige Tatsachen hat der DFB geschaffen, indem er beschloss, seine Regional- und Landesverbände "strukturell und finanziell", wie Keller ausführte, zu unterstützen. "Wir wollen die Zukunft nutzen, um Lösungen zu erarbeiten", sagte der 62-Jährige, "von der Kreisliga bis hin zur Bundesliga."

Wie das genau aussehen soll, beließ er zunächst im Unklaren. Allerdings warnten die Herren Funktionäre sogleich vor allzu schneller Erleichterung bei den durch die Krise schon jetzt wirtschaftlich angeschlagenen Vereinen - der DFB könne schließlich nicht die gesamte finanzielle Last der Klubs tragen. Vielmehr gehe es bei der Soforthilfe um eine Maßnahme zur Überbrückung. Dem Verband ist bewusst, dass nichts mehr sicher ist, auch nicht die Zukunft des professionellen, bezahlten Fußballs, und bemühte sich deshalb vorerst um das Stopfen der größten Löcher in den Wänden, damit zumindest das Haus erstmal stehen bleibt. "Wir wollen die Struktur von 25.000 Vereinen und 7 Millionen Mitgliedern erhalten", so Keller.

Löw: "Macht, Gier, Profit und Rekorde standen im Vordergrund"

Dass es bei der Pressekonferenz aber auch um mehr ging, dass der Gang ins virtuelle Flugzeug nicht bloß ein rhetorischer Trick sein sollte, mahnte ein sichtlich angeschlagener Bundestrainer Joachim Löw, der - von der Geschwindigkeit der Ereignisse bewegt und erschüttert - um jedes Wort rang. "Bis vor wenigen Wochen haben wir uns alle sehr gefreut, die EM sollte ein tolles Fest werden mit unterschiedlichen Ländern und Kulturen", so Löw, "doch nun ist nichts mehr, wie es vorher war. Die Welt hat ein kollektives Burnout erlebt."

Joachim Löw
Wann werden wir das wieder sehen? Joachim Löw an der Trainerbank. Bildrechte: IMAGO

Angesichts der immer währenden Kritik vieler Fans, gerade der Ultras, den Fußballverbänden gehe es nur ums Geld, wirkten die Ausführungen des Bundestrainers wie ein Eingeständnis: "Der Mensch denkt immer, dass er alles weiß. Das Tempo, das wir vorgegeben haben, war nicht mehr zu toppen. Macht, Gier, Profit und Rekorde standen im Vordergrund. Umweltkatastophen haben uns nur am Rande berührt, Krankheiten sind irgendwo stecken geblieben." Nun, so Löw, soll die fußballfreie Zeit genutzt werden, um den Blick zu weiten, um sich von der ohnehin unkontrollierbaren Lage auf Erden zu befreien und eine Vogelperspektive einzunehmen.

Spannend wird sein, ob und inwieweit diese fast schon revolutionären Worte in der Zeit nach Corona Umsetzung erfahren. Wird tatsächlich über den allzu eng gestrickten Fußball-Terminkalender nachgedacht? Werden unbeliebte Wettbewerbe wie die Nations League oder die Klub-WM wieder gestrichen? Was passiert mit der 50+1-Regel und dem Einfluss der Superreichen auf den Fußball? All diese Fragen stellen sich zurzeit nicht - doch Löws Worte lassen zumindest durchblicken, dass sie es eines Tages tun werden.

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | MDR aktuell | 18. März 2020 | 17:45 Uhr

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