SpiO historisch Heiko Weber - mit Carl Zeiss Jena von der DDR-Oberliga in die 2. Bundesliga

Heiko Weber hat mit dem FC Carl Zeiss Jena viel erlebt. Der ehemalige Stürmer erinnert sich im Sport-im-Osten-Interview an die Wendesaison in der DDR-Oberliga, internationale Spiele und Tricks seines Trainers Hans Meyer.

Heiko Weber, 1991
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Frage: Heiko Weber, lassen Sie uns eine kleine Zeitreise machen. Sie waren als junger Spieler von Stahl Thale zu Jena gewechselt. Wie lief das damals?

Heiko Weber: "Das war damals ein anderer Fußball. Thale hat in der zweithöchsten Liga gespielt. Wir zeigten einen relativ guten, auffälligen Fußball. Wir hatten viele Zuschauer, eine junge Mannschaft. Ich habe etliche Tore geschossen und gut gespielt. Einmal habe ich gegen Jena II gespielt und da wurde ich angesprochen, ob ich mir vorstellen könnte, zu Jena zu wechseln. Da war es logisch, dass ich nicht zu Union Berlin oder Aue gehe."

Heiko Weber in einem Spiel der DDR-Oberliga 1989/90
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Gab es da Angebote?

Weber: "Ja, auch aus Magdeburg. Nach einem tollen Gespräch bei Trainer Lothar Kurbjuweit, bei dem es im Garten Erdbeertorte gab, habe ich mich für Jena entschieden. Die Stadt hat mir auch gefallen."

1988 war der Wechsel. Mit vier Europapokal-Spielen, in denen Sie zweimal getroffen haben, warteten gleich Highlights auf Sie.

Weber: "In der zweiten Runde hatten wir mit Sampdoria Genua gleich einen übermächtigen Gegner. Aber diese internationalen Spiele mitmachen zu dürfen, war ein Traum. Im Hinspiel haben wir unglücklich 1:1 gespielt. Wir haben da schon gut gespielt. Kurz vor Schluss haben wir dann aber einen Elfmeter gegen uns bekommen (Gianluca Vialli in der 81. Minute, Anm. d. Red.)."

Und wie war das Rückspiel in Genua, das es später bis ins Finale gegen Barcelona schaffte?

Weber: "Wir sind von Leipzig aus dorthin geflogen. Wir haben da noch trainiert. Ich glaube, da gab es auch eine Zeiss-Agentur, wo wir zum Essen eingeladen wurden. Das war gut. Das Spiel haben wir natürlich mit 1:3 verloren. Aber es war mein schönstes Erlebnis. Am Anfang haben die Italiener gepfiffen, dann hatten wir aber eine italienische Flagge in der Hand. Die ganze Mannschaft ist damit auf den Platz gelaufen. Das hat dem Publikum imponiert. Die euphorischen italienischen Fans waren beeindruckend. Und die Spieler beim Gegner - da spielte zum Beispiel Nationalstürmer Roberto Mancini (seit Mai 2018 Trainer der italienischen Nationalmannschaft, Anm. d. Red.). Dass wir überhaupt so mitgehalten haben - immerhin fehlten bei uns einige Spieler verletzt. Wir zeigten eine gute Leistung."

Auch in der DDR-Oberliga haben Sie viel erlebt. Sie brachten Jena in der Wendesaison bei Meister und Tabellenführer Dynamo Dresden mit zwei Toren auf die Siegerstraße. Erinnern Sie sich noch an den 4:0-Sieg vor 17.000 Zuschauern?

Weber: "Ja, das war unglaublich. Das war damals eine spannende Zeit, keiner wusste was mal wird. Im Herbst sind wir schlecht gestartet, haben uns aber in der Rückrunde gefunden. Das war ein Freitagabend. Dresden hatte mit Ulf Kirsten und Matthias Sammer Granaten in seiner Mannschaft. Wir haben zum richtigen Moment die Tore geschossen und gezeigt, dass wir auch etwas können. Da lachen wir noch manchmal drüber. Ich habe ja damals gegen Matthias Maucksch gespielt. Das sind die Erinnerungen, die man sich noch erzählt."

Ihr Trainer war Bernd Stange (1989-91), der mit keinem anderen Klub so erfolgreich war wie mit Jena (1,56 Punkte pro Spiel). Was für eine Art Coach war er?

Weber: "Hm. Das ist eine gute Frage. Er war rhetorisch unglaublich gut. Er hatte viel Erfahrung und ist durch seine Auswärtstätigkeiten weltgewandt. Er war harmoniebedürftig und achtete auf eine gute Stimmung in der Mannschaft. Er kannte den Verein bestens - das war ein Vorteil für alle."

Sie haben am 25.05.1991 das letzte Tor der DDR-Oberliga erzielt, als Jena bei Energie Cottbus zu Gast war. Können Sie sich an den Treffer in der 89. Minute erinnern?

Weber: "Das war eher Zufall. An dem Tag war es schwierig. Wir waren an sich abgestiegen. Alle anderen Mannschaften haben geführt. Ich habe mich gefragt, was aus meiner Karriere wird. Weil sich auch die Spielstände auf den anderen Plätzen gedreht hatten, standen wir dann genau auf dem Platz, auf dem wir sein mussten, um in die 2. Bundesliga zu kommen (Jena umging als Tabellensechster die Qualifikationsrunde und erhielt einen direkten Startplatz für die 2. Bundesliga, Anm. d. Red). Sonst würde kein Mensch mehr drüber sprechen. Das war wie in einem Drehbuch."

Heiko Weber und Achim Pfuderer, 1998
Bildrechte: imago images / Pressefoto Baumann

Als Spieler haben Sie 302 Partien für Carl Zeiss Jena bestritten. Eine solche Vereinstreue gibt es heutzutage selten.

Weber: "Das liegt daran, dass es ein guter Verein war. Es gab wenige Alternativen, wo es besser war. Es war mir nicht wichtig, in Wolfsburg oder Darmstadt zu spielen. Die Stadt hat nach der Wende eine unglaubliche Entwicklung genommen. Es ist eine kleine, süße, lebenswerte Stadt. Ich muss jetzt nicht ins Ruhrgebiet oder sonst wohin. Heutzutage verdient man viel Geld durch Wechsel. Und wenn man fünf, sechs Spiele nicht im Kader ist, lässt man sich ausleihen."

Was hätten Sie in Ihrer Karriere gern noch erreicht? 

Weber: "Ich bin ja dann Trainer geworden. Aber ich hätte noch härter um meinen Job kämpfen müssen, gerade in der 2. Bundesliga in Jena. Wenn man zweimal aufsteigt, das bedeutet schon etwas für den Verein (Weber führte Jena 2005 von der Oberliga Süd in die Regionalliga Nord und 2006 in die 2. Bundesliga, Anm. d. Red.). Da muss man als Trainer mehr arbeiten, um diesen Job zu behalten. Da ist man manchmal als junger Trainer ein kleines bisschen zu naiv - man denkt, es geht so weiter. Man muss den Leuten erklären, wer den Aufstieg vollbracht hat. Es sind nicht die Sponsoren oder der Präsident, die das geschafft haben. Es ist die Mannschaft, die das erreicht hat - mit einer unglaublichen Art und Weise. Wenn man als Trainer so schnell hintereinander aufsteigt, wird das nicht geschätzt."

Ja, es gibt nur wenige Beispiele, wo Klubs in einer misslichen Lage an ihren Trainern festhalten.

Weber: "Wenn man als Trainer weiß, man kann auch einmal absteigen, weil man vorher aufgestiegen ist, arbeitet man anders. Ich wäre nie fünf Jahre in Meuselwitz gewesen, wenn ich nicht mit Hubert Wolf einen so starken Präsidenten hinter mir gehabt hätte. Wenn man das als Trainer weiß, strahlt man das auch bei den Spielern aus."

Zweikampf Heiko Weber (li) und Alexander Kutschera, 1997
Bildrechte: imago/Kruczynski

Von welcher Anekdote können Sie berichten, die die Fans womöglich noch nicht kennen?

Weber: (Lacht) "Da gibt es viele. Wir haben auch viele strenge und lustige Zeiten verbracht. Trainer Hans Meyer sagte uns einmal, er sei schon weg, aber wir sollten noch bis 13 Uhr in der Kabine bleiben. Dann hätten wir frei. Er hat sich aber hinter der Kabine versteckt. Er hat ab halb eins gesehen, wie wir geflüchtet sind. Am nächsten Tag hat er erst normal getan und sagte, er dachte, es hätte in der Kabine gebrannt, weil die Spieler fluchtartig das Gebäude verließen. Wir hatten alle Angst und sind nie wieder eher gegangen. Oder am Abend hat er einmal an der Bar gesagt, dass er uns das Bier bezahlt. Das war clever. Ein Bier war gestattet. Da saßen mal fünf Spieler und er musste 20 Pils zahlen. Da hat er genau gesehen, wer wie viel getrunken hat. Da war er dann nicht mehr lustig."

Heutzutage findet man Spieler und Trainer wohl kaum noch zusammen in einer Kneipe.

Weber: "Ich möchte heutzutage kein Spieler mehr sein. Es kommt alles raus. Ein falscher Satz wird einem um die Ohren gehauen. Früher hatte ich als Trainer auch mal ein paar Sprüche drauf. Das habe ich auch für meine Mannschaft gemacht. Aber Du wirst zerrissen. Wir suchen ja immer nach Typen, die eine Meinung haben, doch die sterben aus. Ich hoffe, dass sich das dreht. Jetzt ist es schon sehr langweilig."

Vielen Dank für das Gespräch.

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Szene aus dem Spiel HFC gegen Jena am 9.3.1990 1 min
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DDR-Oberliga 1 min
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Unter dem frisch verpflichteten Trainer Bernd Stange fuhr der FC Carl Zeiss gleich einen Sieg ein - mit 2:1 wurde Hansa Rostock bezwungen.

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