DDR-Oberliga - Die Wendesaison Heiko Bonan: "Als Spieler ist man immer ein Verräter"

Er galt als das größte Magdeburger Talent der 80er-Jahre: Heiko Bonan. 1989 wechselte er als 21-Jähriger vom 1. FC Magdeburg zum BFC Dynamo, was ihm viele übel nahmen. Im Interview sprachen wir mit ihm über seinen umstrittenen Wechsel, über seine Stärken und Schwächen, und was er heute so macht.

Sie sind im Sommer 1989 vom 1. FC Magdeburg zum BFC Dynamo gewechselt. Gab es mal Momente, in denen sie das bereut haben?

Warum sollte ich das bereut haben?

Nun ja, es war kurz vor dem Ende der DDR, und der BFC war damals der weithin gehasste "Stasi-Klub" …

Das ist alles relativ. Von zwei Spielern wusste man, dass die beim MfS arbeiten. Ansonsten wurde auch später kein anderer Spieler mit einer Arbeit als IM in Verbindung gebracht. Und dann schauen Sie mal, wie viele Spieler von Dynamo Dresden damals Stasi-IMs waren!

Trotzdem: Hat aus Ihrem Umfeld damals keiner zu Ihnen gesagt, dass Sie das lieber lassen sollten?

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Heiko Bonan im September 1989 Bildrechte: MDR/DRA

Das ist das Gleiche, wenn du heute zum FC Bayern München wechseln willst. Der BFC war damals die große Adresse mit Andreas Thom und Thomas Doll. Das waren zwei meiner ältesten Freunde. Wir kennen uns, seit wir 13 Jahre alt waren. Warum sollte ich bereuen, mit meinen Kumpels zusammen spielen zu können? Natürlich hat das nicht allen gefallen. Aber mir gefällt auch nicht alles, was andere Menschen machen. Entscheidend ist aber, dass die damit klarkommen.

Seit Sie 13 waren? Sie stammen doch aus Sachsen-Anhalt?

Wir kannten uns durch die Nachwuchs-Auswahl. Wir haben alle Jahrgangs-Lehrgänge gemeinsam bestritten.

Wie wurden Sie beim BFC aufgenommen?

So eine Mannschaft im Fußball ist eine Leistungsgemeinschaft. Wenn du dahin kommst und Stammspieler wirst, nimmst du immer jemandem den Platz weg. Das ist immer ein Hauen und Stechen. Aber wie gesagt, ich kannte ja einige der Jungs schon ziemlich gut. Das war auch bei den Wechseln später so: Nach drei oder vier Tagen kennt man sich, und dann muss man sich durchsetzen. Da sind nicht alle freundlich und freuen sich, dass du da bist. Man ist ein Konkurrent. Aber das bedeutet auch nicht, dass man sich nicht versteht.

Gleich am 1. Spieltag der Saison 1989/90 schossen Sie dann zwei Tore. Das war ein Traumstart, oder?

Das war ein guter Start, aber man muss das nicht glorifizieren. Das war damals nicht anders als in der Bundesliga: Jede Woche musst du dich im Training beweisen und durchsetzen. Natürlich ist es schön, wenn du ankommst und gleich ein Tor schießt. Es ist aber nichts, was groß hängen bleibt.

Am 3. Spieltag ging es gegen ihren Ex-Klub, den 1. FC Magdeburg. Da haben Sie mächtig auf die Socken bekommen. Können Sie sich daran noch erinnern?

Ja, aber auch das ist heute nichts Ungewöhnliches. Dafür musst du nicht zum BFC wechseln. Wenn du gegen deine ehemalige Mannschaft spielst, sind immer beide Seiten hoch motiviert.

So harmlos war das?

Na klar, nicht jeder fand den Wechsel zum BFC toll. Aber ganz ehrlich, ich muss mich auch nicht bei jedem entschuldigen. Es ist ja auch nicht so, dass ich mich in Magdeburg nicht wohlgefühlt habe. Im Gegenteil: Ich bin da aufgewachsen, beim FCM und in der Sportschule habe ich das Fußballspielen gelernt. Dafür bin ich sehr dankbar.

Warum aber dann der Wechsel?

Heiko Bonan nach einer vergebenen Chance
Mit dem BFC spielte Heiko Bonan im Europacup. Bildrechte: MDR/DRA

Es war dann einfach Zeit dafür. Wie heißt es so schön: Man sollte nie in dem Betrieb bleiben, wo man gelernt hat und dann ewig Lehrling bleibt. So ein Wechsel ist manchmal ganz gut. Man wird anders gesehen. Die Schwächen sind nicht mehr so vordergründig, sondern eher deine Stärken, also das, was sich der neue Verein von dir verspricht.

Wie oft wurden Sie als Verräter beschimpft?

Du warst ein „Verräter“ wenn du von Bochum nach Karlsruhe wechselst, wenn du dann woanders hingehst auch wieder. Als Spieler bist du immer Verräter. Viele Fans vergessen dabei, dass einen manchmal auch der Verein wegschickt. Da muss man die Kirche im Dorf lassen. Mich hat viel mehr gestört, dass ich mich nach dem Wechsel zum BFC bei Spielen anspucken lassen musste. Das fand ich viel schlimmer.

In welchen Spielen ist Ihnen das passiert?

Egal. Es war auswärts.

Sie sprachen bereits Ihre Stärken an. Es hieß damals, Sie seien technisch beschlagen, Ihnen fehle jedoch das Körperliche. Konnten Sie das nachvollziehen?

Das erklärt sich von selbst, wenn man nur 1,70 m groß ist. Dass ich da gegen Dirk Stahmann mit seinen 1,93 m Probleme hatte, ist logisch. Es gibt halt verschiedene Fußballer-Typen. Lionel Messi ist auch nicht dafür bekannt, dass er ständig grätscht und mit dem Oberkörper jeden Zweikampf gewinnt. Er löst die Sachen anders. Ich habe 120 Bundesliga-Spiele und 150 Spiele in der DDR-Oberliga gemacht – also 270 Spiele in den ersten Ligen von Deutschland. Also kann ich mit meinen Defiziten auch nicht so schlecht gewesen sein.

1991 sind Sie dann zum VfL Bochum gewechselt. Wie kam das zustande?

Damals sind doch alle weg. Wer die Chance hatte, in die erste Bundesliga zu wechseln, hat es gemacht. Oder er hat versucht in Dresden oder Rostock unterzukommen. Bei mir war es halt Bochum. Ich war froh, in der ersten Bundesliga spielen zu können. Das war ein tolles Erlebnis.

Was war anders als in der DDR-Oberliga?

Es war alles eine Nummer größer. Das bedeutet aber nicht, dass wir uns verstecken mussten. Im Gegenteil: Es war offensichtlich, dass wir in der DDR eine Top-Ausbildung genossen hatten. Man muss nur mal schauen, wie viele Spieler aus der DDR sich dann in der 1., 2. und 3. Liga in Westdeutschland durchgesetzt haben. Das ist unglaublich!

Sehen Sie noch Ihre alten Mitspieler?

Zu Dolli und Andy habe ich auch nach Jahrzehnten noch sporadisch Kontakt.

Was arbeiten Sie jetzt?

Seit knapp zwei Jahren bin ich Sportlehrer an einer Gesamtschule in Brake bei Paderborn und auch noch Co-Klassenlehrer einer 5. Klasse. Viele denken, so ein Lehrerberuf ist total chillig, aber das kann jeder mal gern ausprobieren. Das ist sehr anspruchsvoll.

Wenn Sie Ihren Schülern sagen, dass Sie DDR-Nationalspieler waren, ernten Sie dann Bewunderung oder hämisches Lachen?

Fußballnationalmannschaft der Deutschen Demokratischen Republik.
Heiko Bonan (4. von rechts) im DDR-Trikot Bildrechte: imago/Reporters

Das Schlimme ist, dass die heutzutage mit DDR und BRD nichts mehr anfangen können. Einige haben aber mal ein Tor ausgegraben, das in der Auswahl zum "Tor des Monats" war. Das ging dann in der Schule rum. Aber ich versuche, das wegzuhalten. Der Fußball war eine tolle Zeit, aber ein ganz anderer Lebensabschnitt. Jetzt bin ich 54 Jahre alt und Lehrer – und so will ich auch bewertet werden.

Aber die Jugend von heute schnicken Sie immer noch locker aus, oder?

Nein, ich habe mich vom Fußball fast komplett verabschiedet. Ich weiß, dass Dariusz Wosz total fit ist und noch gerne spielt. Aber für mich ist das nichts mehr. Ich stehe höchstens noch in der Kreisliga B als Trainer am Spielfeldrand und schaue mir die Bundesliga an.

(Interview: Sven Kups)

Rob Reekers (Co Trainer SC Paderborn 07, links) und sein ehemaliger Mitspieler Heiko Bonan (Trainer FC Gütersloh, Ex-Profi) Fußballstadion.
Heiko Bonan (rechts) als Trainer des Fünftligisten FC Gütersloh bei einem Testspiel gegen Paderborn. Bildrechte: imago/Dünhölter SportPresseFoto

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Sport im Osten | 23. Mai 2020 | 16:30 Uhr

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Heiko Bonan

Stationen als Spieler

Stationen als Spieler

1984-89 1. FC Magdeburg
1989-91 BFC Dynamo
1991-93 VfL Bochum
1993-95 Karlsruher SC
1995-97 FC Gütersloh
1997-2000 LR Ahlen
2000-01 SV Wilhelmshaven
2001-04 RW Essen
2004-05 FC Gütersloh

2 A-Länderspiele

2 A-Länderspiele

13.02.1989 Ägypten - DDR (0:4)
12.09.1990 Belgien - DDR (0:2)

Stationen als Trainer (Ausschnitt)

Stationen als Trainer (Ausschnitt)

2005-06 FC Gütersloh
2006-07 RW Ahlen
2007-08 RW Essen
2010-11 BFC Dynamo
2011-13 Al-Hilal (Co-Trainer)
2014-16 FC Gütersloh