Thema "Psyche in Not" - Wie meistern Betroffene den Krisenmodus?

Auch wenn es erste Lockerungen gibt, Corona bestimmt weiter unseren Alltag, beeinflusst unser Denken und Fühlen. Was tun, wenn die "Psyche in Not" gerät, überlegte Katharina Stengler, Chefärztin einer Klinik für Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie in Leipzig mit ihrem Team und schaltete Ende März eine Hotline. "Selbstbestimmt" trifft sie und fragt Betroffene, wie sie den Krisenmodus meistern.

Ein Facebook Post, der ein Kunstwerk der Geschichte nachbildet
In Russland stellten Menschen unter den Bedingungen der Selbstisolation berühmte Kunstwerke nach und posteten sie dann in der Facebookgruppe Izoizolyacia. Bildrechte: Facebook/Maxim Loginov

"Wir sind es gewohnt, auf den Körper zu achten", sagt Clara: "Man will gut aussehen für den Sommer, macht Sport, man könnte im Alter ja sonst schneller Arthrose bekommen. Aber wir denken weniger daran, den Kopf so ein bisschen fit zu halten und auf den aufzupassen. Der muss ganz schön viel tragen. Da ist es wichtig, darüber zu reden", meint die junge Frau, die "Selbstbestimmt" im Leipziger Zentrum für seelische Gesundheit des Helios Parkklinikums zum Gespräch triff. Clara lebt mit einer Zwangserkrankung und wird hier ambulant betreut. Im Moment gehe es ihr gut, sagt sie. Die 19-Jährige absolviert gerade ihr Freiwilliges Soziales Jahr. Bis Corona kam, betreute sie Kinder in einer Wohngruppe. Auch wenn sie ihren Tag selber strukturieren könne, die Aufgabe fehle ihr, erzählt sie. Weil sie "von den kleinen Würmchen" so viel zurückbekomme.

Hotline gegen die Isolation: "Psyche in Not"

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"Selbstbestimmt"-Moderator Martin Fromme trifft Katharina Stengler Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Seit dem Corona-bedingten Besucherstopp ist es still geworden im Park-Klinikum. Für Katharina Stengler, die Chefärztin der Klinik für Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie, eine sehr ungewöhnliche Situation. "Es gibt nur noch Einzel-Kontakte zu Therapeuten, auf Abstand und nur noch im Notprogramm. Das ist eine extreme Veränderung für Patienten, aber auch für die Angehörigen." Um den Kontakt mit Patienten zu halten, wurde Ende März die Telefon-Hotline "Psyche in Not" geschaltet. Das Angebot richtet sich aber auch an Menschen, die bisher noch keine professionalle Hilfe in Anspruch genommen haben, wie Stengler erklärt: "Sie können sich mit ihren ganz individuellen Sorgen und Wünschen an uns wenden." Schließlich beeinflusse die Corona-Krise unser aller soziales Leben; die neuen Regeln zum Abstand halten, zur räumlichen Isolation oder die Angst um den Job könne sich zur sozialen Krise ausweiten.

Mehr zur Hotline: "Psyche in Not"

Die Krisen- und Beratungsgespräche zu Fragen und Problemen werden wochentags von 08:00 bis 16:00 Uhr durch Psychologen der Kinder-, Jugend- und Erwachsenenpsychiatrie Betroffenen unter der Telefonnummer 0341 864-2400 angeboten. 

"Work2gether" - Zurück an die Arbeit, nur wie?

Schon vor der Pandemie startete Katharina Stengler mit ihrem Team das Projekt "work2gether". Unterstützt werden sollen damit Menschen, die trotz ihrer psychischen Erkrankung weiter arbeiten gehen oder eine neue Arbeit aufnehmen möchten. Sie bekommen beispielsweise Informationen zu möglichen Tätigskeitsfeldern und Bewerbungstraining. In einem Coaching geht es darum, ihre Bedürfnisse und Interessen auszuloten. Dann aber auch Unternehmen an Bord zu bekommen, das sei die größte Herausforderung, wie Stengler betont: "Hier muss Aufklärungsarbeit geleistet werden. Unternehmen müssen informiert werden, dass psychisch kranke Menschen zwischen ihren Krankheitsphasen durchaus voll leistungsfähig, voll erwerbsfähig sind und gute Arbeit leisten können. Wir sind mit vielen Unternehmen in Kontakt und es ist eine Freude zu sehen, wenn Unternehmen dies merken."

"Durchblick e.V." Bald wieder Hilfe bei akuter Seelennot?

Aus Sicht vieler Betroffener sind stationäre Hilfe und ambulante Unterstützung zu wenig vernetzt. Sie vermissen Nachsorge, wenn es um Arbeitsplatz- und Wohnungsfragen oder eben die akulte Seelennot geht. Selbsthilfeinitiativen könnten aus Sicht von Willem van den Haak vom Leipziger Durchblick e.V. eine Brücke zurück ins Leben sein, in dem sie Menschen in psychischen Krisen empathisch und respektvoll aufnehmen, ihnen mit Rat und Tat zur Seite stehen.

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Im Gespräch mit Willem van den Haak vom Durchblick e.V. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Auch diese Einrichtung war wegen der Corona-Pandemie geschlossen, jetzt wird sie erst langsam wieder geöffnet. Für viele Hilfesuchende bedeuten die Räume dort auch Zuflucht, Wohlfühl-, Kontakt- und Freizeitmöglichkeiten. Schwierig, wenn sie nicht mehr zugänglich sind. Dann ist sie nicht zu leisten die Hilfe zur Selbsthilfe, wie van den Haak, Künstler und Vorstand des Vereins, erklärt: "Das, was ich mache, ist Beratung. Da geht es darum , ganz aktiv zuzuhören und die Menschen auch wahrzunehmen. Nicht nur in ihren oberflächlichen Strukturen, auch tiefer. Das ist mir ein großes Anliegen, Menschen zu sich selbst zu führen."

Schwierig in Zeiten von Corona, mit Ausgangsbeschränkungen und Kontaktsperre: "Ich habe nur noch eine Person, die ich einmal in der Woche treffe, die ich auch länger begleite. Das ist möglich, eins zu eins in einem Raum mit genügend Abstand. Das darf man. Mit anderen Menschen mache ich das telefonisch. Das ist natürlich nicht das Wahre. Die persönliche Begegnung ist viel, viel intensiver. Man hat die ganze Energie da, die Körpersprache."

Chance in der Krise: Entschleunigung

Aufgrund seiner Telefonate hat van den Haak den Eindruck gewonnen, dass unter der Corona-bedingten Isolation nicht alle gleichermaßen leiden: "Leute, die es sowieso gewohnt sind, eigentlich isoliert zu sein, allein zu sein, alleinerziehend zu sein, die haben damit nicht so ein Problem. Mir scheint, dass es eher für Menschen, die sonst im Hamsterrad sind, die in der Firma Stress haben, ohne diesen Stress eigentlich fast nichts anderes mehr kennen. Das ist für die mitunter viel schwieriger als für uns Psychiatrie-betroffene, weil wir mit uns sozusagen schon immer viel zu tun gehabt haben." Insofern kann Willem van den Haak der Situation auch etwas Positives abgewinnen: "Die Entschleunigung, dass Menschen plötzlich mehr Zeit für die Familie oder für sich haben, dass sie auch mit sich selbst konfrontiert werden dadurch, das kann etwas sehr Positives bewirken."

Mehr zum Durchblick e.V.

Die Selbsthilfeorganisation versteht sich als Beratungs- und Anlaufstelle für psychisch Kranke und ihre Angehörigen. Hier bekommen sie eine erste Hilfe in Ausnahme-Situationen und Unterstützung nach stationären Aufenthalten. Der "Durchblick" will eine Brücke zurück ins normale Leben bauen.

Perspektivenwechsel im Museum

Im Sächsischen Psychiatriemuseum in Leipzig: Martin fromme im Gespräch mit Leiter Thomas Müller.
Blick in die Psychiatriegeschichte: Zwangsjacke in Vitrine, Martin Fromme mit Museumsleiter Thomas Müller Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Ein weiteres Projekt des Leipziger Vereins Durchblick e.V. ist das Sächsische Psychiatriemuseum. Die Ausstellung war für Besucher wegen der Corona-Pandemie geschlossen, darf nun aber wieder öffnen. Ein Lichtblick in Richtung Normalität, wie Leiter Thomas Müller sich freut. Er betont, dass die kleine Schau aus der Perspektive Betroffener gestaltet sei. Einzelne Lebensgeschichten stünden im Mittelpunkt. Anhand des Exponats einer Zwangsjacke wird Müller zufolge aber auch deutlich, wo die Psychiatrie ihren Anfang nahm, nämlich in dem Versuch, Menschen unter Zwang und mit Gewalt zu behandeln.

Auch wenn sich die Methoden verändert hätten, bleibe die Frage die gleiche wie vor 200 Jahren, findet Müller: "Wie geht man mit Menschen um, die von der Gesellschaft ausgegrenzt werden, die als verrückt gelten, die andere irritieren?" Die Psychiatrie müsse Antworten finden.

Und das gerade in Krisenzeiten wie diesen, wo von Risikogruppen, die zum eigenen Schutze zu isolieren seien, gesprochen wird.  

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Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Selbstbestimmt | 10. Mai 2020 | 08:00 Uhr