13. Februar 1945 | Ein Zeitzeuge erzählt "Alte, gestandene Männer weinten"

Siegfried Knich begrüßt mich mit den Worten: "Was wollen Sie noch hören? Die Geschichte vom 13. Februar ist schon tausendfach erzählt. Von Menschen mit schlimmeren Schicksalen als meinem." Von Anfang an ist klar: Der pensionierte Kraftfahrer hat eine gewisse Demut und mag es nicht, sich selbst in den Mittelpunkt zu stellen. Seine Erlebnisse, wie die Flucht aus Dresden per Leichenkutsche, das Schmuggeln von Nahrung in ein Frauengefangenenlager, klingen dann für Nachgeborene wie Szenen aus einem Spielfilm. Doch es ist kein Spielfilm, sondern sein Leben. Das Gespräch wurde zum Jahresbeginn 2015 aufgezeichnet.

Ein Mann in seinem Wohnzimmer
Letztlich ist es die "Rotzsuppe" an die er sich während des Interviews erinnert, die Herrn Knich endgültig aus der Reserve lockt. Bildrechte: MDR/Sandra Thiele

Herr Knich, schon am Telefon sagten Sie mir, dass Sie eigentlich genervt sind vom ständigen Erinnern an den 13. Februar.

Wie es vor dem Angriff war erzähle ich lieber, als vom Angriff selbst. Denn das ist tausendfach erzählt. Vor allem stört mich, dass viele Zeitzeugen, die 1945 gerade erst 6-7 Jahre alt waren, davon erzählen und Sachen miteinbeziehen, die erst im Nachhinein klar geworden sind. Zum Beispiel dachten wir als Kinder - so hatten wir es in der Schule und als Pimpfe gelernt - dass Deutschland angegriffen worden war. Von dem Überfall auf Polen wussten wir nichts. Die Feinde wollten zu uns kommen, so sagte man.

Welche Erinnerung haben Sie an Ihre Kindheit im NS-Regime?

Meine Erinnerungen beginnen mit zehn Jahren. Damals musste ich zum Jungvolk. Das war verpflichtend im Alter von 10 bis 14 Jahren. Dort mussten wir marschieren lernen und sogenannte Geländespiele auf dem Heller machen. Wir bekamen rote Bändel um den Arm und mussten uns gegenseitig bekriegen. Wer das Bändel abgerissen bekam, war tot. Mir hat das keinen Spaß gemacht und ich war im damaligen Sinne feige. Ich riss mir das Band selbst ab, weil ich keine Prügel bekommen wollte. Die Älteren prügelten die Jungen. Lieder die wir damals gesungen haben, haben sich bei mir bis heute eingeprägt. Eines ging so:

"Uns're Fahne flattert uns voran.
Uns're Fahne ist die neue Zeit.
Und die Fahne führt uns in die Ewigkeit!
Ja die Fahne ist mehr als der Tod!"

Ein alter handgeschriebener Brief liegt auf einem Tisch.
Der letzte Feldpostbrief von Siegfried Knichs Vater nach dem 13.2. 1945. Danach hörte die Familie nie wieder von ihm. Bildrechte: MDR/Sandra Thiele

Mit diesem Humbug sind wir erzogen worden. Ein anderes Beispiel für den Drill dieser Zeit: In der Grundschule vor dem Unterricht versammelten sich die Klassenbesten an der Tür und schlugen Alarm, wenn der Lehrer kam: "Jetzt kommt er." Dann rannten alle zu ihren Plätzen, richteten sich auf wenn er reinkam und hoben den Arm zum Gruß. Ich hatte mich an einem Morgen verquatscht, der Arm war noch nicht richtig oben. Da hieß es gleich: "Knich vorkommen, den Ranzen mitbringen." Das tat ich und der sogenannte Lehrer kippte meinen Ranzen aus und schleuderte alles im Klassenraum herum. Das musste ich alles wieder aufsammeln und die ganze Stunde in der Ecke stehen. So waren die Verhältnisse damals.

Auch sonst gab es Gewalt, wenn man beispielsweise beim Rechnen zu lange brauchte. Man bekam eine Faust in den Nacken gedrückt. Vor Schreck konnte man in manchen Situationen gar nicht mehr denken. Dieser Drill, dieser Gehorsam - das widerstrebte mir schon als Kind.

Wie war die Stimmung vor dem 13. Februar 1945 in Dresden?

Es herrschte eine gedrückte Stimmung bei den Frauen und Müttern, die lange nichts gehört hatten von ihren Männern und Söhnen, die im Krieg waren. In Dresden selbst fühlte man sich einigermaßen sicher. Es gab einige Mutmaßungen über die Sicherheit in Dresden, mit denen man sich beruhigen wollte. Vier Thesen kursierten: Dresden werde als Kunststadt verschont bleiben, Dresden ist mit seiner Tallage nicht angreifbar, Winston Churchill hatte hier Verwandte und die Alliierten wollten Dresden als künftige neue deutsche Hauptstadt erhalten. Nichts davon traf am Ende zu. Ich persönlich vermute, dass die Alliierten Dresden auch anvisierten, weil damals Deutschland schon in Besatzungszonen aufgeteilt war - und der Osten ging an die Russen.

Ansonsten war die Zeit von Hunger geprägt. Es gab Lebensmittelmarken. Dabei erinnere mich jetzt besonders an eins: Die Rotzsuppe. Das waren rohe geriebene Kartoffeln in Wasser gekocht. Furchtbar. Das hatte ich schon verdrängt. (lacht)

Wie haben Sie den 13. Februar 1945 erlebt?

An dem Tag mussten wir in unserer Uniform marschieren. Nur wenige Kinder liefen verkleidet herum. Auf Fasching hatte keiner richtig Lust. Gegen 22 Uhr, ich war zu dieser Zeit schon im Bett, gab es Hauptalarm. Und jetzt kam das, was andere Leute schon hundertfach erzählt haben: Die sogenannten Christbäume machten die Nacht zum Tage und wir wussten, es wir heute ernst. Wir stiegen in unseren Keller hinab. Dort ist mir eins besonders im Gedächtnis geblieben: Weinende alte Männer, die sich umarmten. Das habe ich zuvor noch nie gesehen. Dass Erwachsene weinen konnten war mir neu. Frauen zitterten und beteten. Das ganze Haus begann zu beben. Zwei Brandbomben kamen durch das Fenster. Die erste konnten die Männer löschen, bei der zweiten sahen wir vor Nebel nichts mehr und mussten das Haus verlassen.

Etwas ist mir besonders im Gedächtnis geblieben: Weinende alte Männer, die sich umarmten. Das habe ich zuvor noch nie gesehen. Dass Erwachsene weinen konnten war mir neu.

Siegfried Knich

Noch während des Angriffs rannten wir über die Straße mit nassen Decken geschützt. Wir hatten Glück, dass die Nachbarn uns noch reinließen in ihren Doppelkeller. Das war nicht in allen Fällen so, wie ich später von Bekannten hörten, oft waren Keller schon überfüllt und keiner konnte mehr rein. Nach dem Angriff war Totenstille. In der Hitze auf der Straße sahen wir unser Haus lichterloh brennen. In meiner kindlichen Art dachte ich an meine zwei Eisenbahnen. Und auch an das Diamant-Fahrrad meiner Mutter, das ich manchmal benutzen durfte. Ich machte meiner Mutter Vorwürfe: "Wie konntest du das Fahrrad oben lassen?" Das sag ich manchmal heute noch zu meiner Mutter. Sie ist 101 Jahre alt und wohnt im Altenheim. Sie 'verteidigt' sich dann mit den Worten: "Ich musste es doch vor Diebstahl schützen, so ein Rad war heißbegehrt." (lacht)

Danach wollten wir zu Verwandten nach Leuben, um irgendwo in der Nacht unterzukommen. Auf der Wehlener Straße in Strießen gab es wieder Alarm. Wir retteten uns in ein Hinterhaus, wo es ein Waschhaus gab und legten uns flach auf den Boden. Dieser zweite Angriff war für mich schlimmer. Es gab viele Luftminen, der Lärm war ohrenbetäubend. Die Scheiben flogen ein, meine Mutter rief voller Angst meinen Namen, wollte dass ich ein Lebenszeichen von mir gab. Man sagt, dieser Angriff ging 35 Minuten, wir empfanden es als eine Ewigkeit.

Glaubte man nach den Angriffen noch an einen Sieg der Deutschen?

Nein, es war klar: "Jetzt kommt der Russe!" Mein Großvater hörte Radio London - aber das habe ich erst nach dem Krieg erfahren. Ich sah ihn nur öfters mit der Decke über den Kopf Radio hören und wunderte mich. Deswegen wusste er schon frühzeitig, dass die Russen schon an der Oder standen. Meine Familie glaubte daher schon früh nicht mehr an einen Sieg.

Wie ging es dann weiter für Sie und ihre Familie?

Ein Foto und ein Zettel liegen auf einem Tisch.
Siegfried Knichs Mutter (Foto) lebt mit 101 Jahren im Heim. An ihre Flucht auf der Leichenkutsche erinnert sie sich noch heute lebhaft. Bildrechte: MDR/Sandra Thiele

Meine kleine Schwester Hannelore war damals noch ganz klein. Sie brauchte Milch, die Stadt brannte noch tagelang. Meine Mutter entschied: "Wir müssen aufs Land!" Wir machten uns zu Fuß auf nach Niederau, wo wir entfernte Verwandte hatten. Die Reise dauerte einen halben Tag und war ein Abenteuer. Am Elbufer entlang ging es los. Dort sah ich meine ersten Toten. Viele Leichen in Krankenhauskluft lagen auf der Wiese, unter den Brückenbögen lagen sie schon gestapelt. Es waren Kranke aus dem Johannstädter Krankenhaus, die an der Elbe Zuflucht gesucht hatten. In der Neustadt sah ich verkohlte Leichen.

In Radebeul trafen wir auf einen Kutscher, der einen Sarg transportierte. Meine Mutter bat ihn, uns aufsteigen zu lassen. Er nahm uns dann bis Weinböhla mit - wir saßen auf dem Sarg. Nachher machten wir Witze darüber: "Was, wenn der Sarg aufgegangen wäre?"

Auf dem Gut habe ich in einer Obststiege im Keller geschlafen. Auf dem Dorf herrschte noch Ordnug und ich musste gleich wieder in die Schule. Aber diese scheinbare Normalität hielt nicht lange an. Denn die Russen waren schon im Nachbardorf. Als die Niederrauer Kirche von einem Angriff niederbrannte, entschlossen wir uns, in die Stadt zurückzugehen. Denn es gingen Geschichten rum, dass die Russen, Frauen vergewaltigten. Goebbels hatte ja schon gesagt: "Wenn die Russen kommen werden die Männer getötet und die Frauen vergewaltigt." Damals verstand ich noch nicht, was das ist, eine Vergewaltigung. In Niederau habe ich aber auch erfahren, was ausländische Frauen, also Strafgefangene in Deutschland erleiden mussten...

Was meinen Sie damit?

Kinder aus dem Dorf sagten mir: "Geh mal auf die Wiese dort gucken gehen." Die offene Wiese war voller Frauen, die von einzelnen Männern bewacht wurden. Eine Art ungezäuntes Lager für Zwangsarbeiter - vorwiegend Frauen aus dem Osten. Die Menschen waren elend. Es kam ein dampfender Wagen angefahren, er transportierte gekochte, ungeschälte Kartoffeln. Die wurden an die Frauen verteilt, sie konnten es vor Hunger kaum erwarten. Da hatte ich großes Mitleid. Die Szene werde ich nie vergessen. Ich ging auf unseren Hof zurück. Dort gab es einen Sandhaufen, in dem im Winter Möhren gelagert wurden. Ich mauste welche heraus, stopfte mir die Taschen voll und rannte zurück in das Lager. Dort ließ ich sie unauffällig fallen. Es gab nicht viele Wachen. Die Frauen, die alle eine andere Sprache sprachen, stürzten sich darauf. Drei, vier Frauen auf eine Möhre.

Hofften Sie bei der Gründung der DDR auf bessere Zeiten?

Die Hoffnung auf eine bessere Zukunft in der jungen DDR war groß. Alles ging aufwärts. Ich war selbst SED-Mitglied als Wismut-Arbeiter. Wir wollten ein neues, besseres Deutschland und die Nazi-Zeit vergessen. Ich dachte damals das sei ein guter Weg und wollte mitmachen.

Hymnus auf Dresden (Gedicht von Siegfried Knich) Geh' ich durch die hellen Straßen
meiner lieben Heimatstadt
seh' ich oft gepflegten Rasen
wo manch' Bau gestanden hat.

Dabei denk ich an die Zeiten,
wo ich an der Vaterhand
konnte durch Alt-Dresden schreiten,
das noch unzerstört bestand.

Und ich denke an die Stunden
in der feigen Bombennacht,
wo in Asche das gesunken,
was der Mensch so stolz vollbracht.

Wieviel dachten sich denn damals,
sollte es das Ende sein?
Überall nur Trümmerberge
und nicht mal ein Hoffnungsschein.

Doch wir wollten nicht verzagen,
räumten Schutt und Asche fort.
Knurrte oftmals auch der Magen,
trotzdem hielten alle Wort.

Eine neue Stadt zu bauen,
sollte unser Ziel jetzt sein
und mit neuem Kraftvertrauen
fügten wir nun Stein auf Stein.

Imposant steh'n heut die Bauten,
denn ein neuer Mensch schuf sie
und es glänzen in alter Schönheit
Oper, Zwinger, Galerie.

Stolz die neue Zeit verkündet,
die Frauenkirche grüßt ins Land.
Aller Dank gilt den Erbauern,
dass das Kunstwerk neu erstand.

Steig ich in den Abendstunden
aufwärts zu des Berges Höhn
seh ich tausend Lichter funkeln
Elbflorenz, wie bist du schön.