25.03.2020 | 15:12 Uhr Homeoffice mit Kind: Wie meistern Familien die Herausforderung?

Seit einer Woche haben die Kitas und Schulen in Sachsen geschlossen. Wer in keinem sogenannten systemrelevanten Beruf arbeitet, muss sich anderweitig um die Betreuung seiner Kinder kümmern. Eltern, die von zu Hause arbeiten können, stehen seitdem vor einer großen Herausforderung: Wie bekommen sie ihre beruflichen Aufgaben erledigt und werden gleichzeitig ihrem Kind gerecht? Drei Familien erzählen, wie sie mit der Herausforderung umgehen.

Eine überforderte Mutter zwischen Arbeit und Kindererziehung
(Symbolbild) Arbeit von zu Hause und gleichzeitig die Kinder betreuen: Im Moment müssen viele Eltern diesen Spagat schaffen. Bildrechte: Colourbox.de

Jeden Morgen ab 8:30 Uhr sitzt Julia Sell zu Hause vor dem Computer. Sie nimmt an einer vierwöchigen Fortbildung teil, die wichtig ist für ihren möglichen künftigen Beruf. Seit Monaten läuft das Bewerbungsverfahren, der Lehrgang ist für sie also sehr wichtig.

"Auf den Abschluss dieser Fortbildung bin ich angewiesen und Fehlzeiten werden normalerweise nur in einem minimalen Rahmen geduldet", beschreibt sie die Situation. "Ich bin alleinerziehend und habe einen 4-jährigen Sohn. An einigen Tagen war mein Sohn zuhause, während ich am Computer der Live-Präsentation im virtuellen Klassenraum mit 27 Personen folgen musste."

"Es ist nicht machbar"

EIne traurige Frau sitzt vor dem Laptop
(Symbolbild) Kind zu Hause betreuen und gleichzeit konzentriert arbeiten? Bildrechte: Colourbox.de

Für die Mutter ist klar: Lange kann das nicht gut gehen. Es falle ihr auch ohne Kind schon schwer, am Bildschirm in digitaler Form konzentriert dem Unterricht zu folgen. "Wenn dann auch noch ein Kind daneben herumspringt und die ganze Zeit etwas von mir will, auch noch ein Hörspiel hört, dann ist mein Kopf kurz vorm Platzen. So viele Reize auf einmal bekomme ich nicht unter einen Hut."

Bis zu anderthalb Stunden gehe das gut, danach bekomme sie vom Lehrgang nichts mehr mit. Ihr Fazit: "Homeoffice und Kinderbetreuung gleichzeitig sind nicht zumutbar. Alle drei kommen zu kurz – Kind, Mama und Arbeit. Es ist nicht machbar. Und es ist nicht gut für die Familie."

In dieser Woche hat Sell Unterstützung: Der Vater kann tagsüber den gemeinsamen Sohn betreuen – ein Glücksfall für die junge Mutter. Doch schon kommende Woche stehe sie wieder alleine da: "Wie ich das dann hinbekommen soll, weiß ich noch nicht. Nach den nächsten Wochen in Isolation werden vielleicht die Corona-Fälle zurückgegangen sein. Aber vermutlich können wir dann mit ganz anderen aufgetauchten Krankheitsbildern rechnen."

"Sie verstehen die Situation"

Auch Lena Waldenburg (Name von der Redaktion geändert) ist zu Hause vor ihrem Laptop und arbeitet. Mit am Tisch sitzen ihre beiden Kinder. Sie zieht eine vorsichtige positive Bilanz: "Prinzipiell funktinioren Homeoffice und Schule hier ganz gut. Weil wir uns sehr lieb haben und uns alle darüber im klaren sind, dass es eine Extremsituation ist."

Kind lernt zuhause
(Symbolbild) "Je größer und selbstständiger die Kinder sind, desto besser funktioniert es", meint Lena Waldenburg. Sie arbeitet derzeit von zu Hause, betreut ihre zwei Kinder und hilft bei den Hausaufgaben. Bildrechte: IMAGO images / Lehtikuva / AnttixAimo-Koivisto

Zwei Frauen, die bei der Doppelbelastung zu völlig anderen Ergebnissen kommen. Das liegt gleich an mehreren Gründen: Waldenburg arbeitet als Redakteurin der Stadtverwaltung in einer sächsischen Großstadt. "Mein Arbeitgeber hat Verständnis dafür, dass ich hier mit meinen Kindern sitze und eben nicht zu 100 Prozent das leisten kann, was ich sonst tue." Außerdem teilen sich die 32-Jährige und der Vater ihrer Kinder die Betreuung der beiden Grundschüler: In dieser Woche leben sie bei der Mutter, kommende Woche kümmert sich der Vater. Kinderbetreuung und Arbeit gleichzeitig sind also für beide Erwachsenen zeitlich begrenzt.

Auch das Alter spiele eine entscheidende Rolle, meint Waldenburg: "Je größer und selbstständiger die Kinder sind, desto besser funktioniert es. Sie verstehen die Situation. Beide gehen in die Grundschule, bei dem Lernstoff kann ich ohne Probleme helfen. Aber ich merke auch, dass ich beiden hier nicht ausreichend Aufmerksamkeit geben kann." Das liege einerseits an den beruflichen Aufgaben, aber eben auch an den häuslichen: Schließlich müsse sie nebenbei noch Essen kochen und dafür sorgen, dass die Wohnung nicht im Chaos versinke.

"Wir teilen das"

Aufgabenteilung und ein zeitlicher Rahmen, wie lange es funktionieren muss – das scheinen zumindest zwei der entscheidenden Punkte zu sein, um die momentane Situation so gelassen wie möglich zu meistern. Für Natalie Münster spielt außerdem der Arbeitgeber eine wichtige Rolle: "Wenn der flexibel und entspannt ist, dann kann das Homeoffice gut gelingen. Aber man muss auch selbst versuchen, flexibel zu sein, soweit es eben geht."

Münster und ihr Mann sind gerade mit den zwei Söhnen zu Hause. Beide Eltern dürfen von dort arbeiten, tun das aber nicht gleichzeitig: "Wir teilen das. Jeden Morgen machen wir einen neuen Plan: Wann habe ich eine Telefonkonferenz, wann mein Mann? Welche Aufgaben stehen an? Das machen wir auch für unseren großen Sohn, der schon zu Schule geht." Hausaufgaben stehen dann auf dem Tagesplan des Sechsjährigen, Mama oder Papa hilft und kümmert sich gleichzeitig um den zweijährigen Bruder.

Neben einer guten Organisation plädiert die 33-Jährige vor allem für Gelassenheit: "Es ist nicht möglich, das gleiche zu leisten wie sonst im Büro. Wir haben jetzt mehrere Jobs gleichzeitig, das muss allen klar sein." Zu viel Druck – sowohl von außen als auch durch den eigenen Anspruch - machten alles nur schlimmer.

Organisation Homeoffice mit Kind
Organisation und Priorisierung: Natalie Münster und ihre Familie machen sich jeden Tag einen neuen Plan und damit das beste aus der anstrengenden Situation. Bildrechte: Natalie Münster

"Es ist wahnsinnig anstrengend"

"Ich halte es auch für legitim, jetzt mal etwas lockerer mit der Medienzeit der Kinder umzugehen", meint Münster. "Sicher ist das nicht als digitale Nanny gedacht, aber als Ausgleich und Abwechslung." Denn ein großer Teil der sonstigen Freizeit ihrer Kinder sei weggebrochen: draußen mit Freunden spielen. Stattdessen gehören nun Videokonferenzen mit den Großeltern, Lern-Apps und abends eine Runde mit Papa zocken zum Alltag.

Das Fazit der Zweifach-Mutter: "Ich weiß, dass wir in einer wirklich komfortablen Situation sind. Ich kann auch arbeiten, wenn die Kinder im Bett sind, und wir teilen uns hier auf. Es ist machbar, aber schon zu zweit wahnsinnig anstrengend."

Quelle: MDR/kp

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