01.06.2020 | 14:42 Uhr Vor 30 Jahren: Aus Karl-Marx-Stadt wird wieder Chemnitz

Drei Viertel aller Karl-Marx-Städter wollten 1990 wieder Chemnitzer werden. Der erste Beschluss des gerade gegründeten damaligen Stadtrates setzte den Bürgerwillen um. Die Stadt an der Chemnitz hieß wieder Chemnitz.

Das Karl-Marx-Monument, im Volksmund auch "Nischel" genannt, im Zentrum von Chemnitz in der blauen Stunde des Tages.
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Am 1. Juni vor 30 Jahren hat die Stadt Chemnitz ihren ursprünglichen Namen zurückerhalten. In Karl-Marx-Stadt hatten 1989 Bürger auf den Montagsdemonstrationen nicht nur unter anderem Reise-, Redefreiheit und freie Wahlen gefordert: Sehr schnell wurden auch die Rufe lauter, der Stadt ihren ursprünglichen Namen "Chemnitz" zurückzugeben.

Einwohner forderten Rückbenennung

Bereits am 25. Oktober 1989 gründete sich eine Initiativgruppe. Die Mitglieder sammelten Unterschriften und verteilten Flugblätter und kämpften so lange für die Rückbenennung, bis die Karl-Marx-Städter in einer sechstägigen Briefwahl darüber abstimmten. Von den 251.962 Wahlberechtigten stimmten gut 76 Prozent für die Rückbenennung.

Erste Amtshandlung

Im Amtsblatt vom 12. Juni 1990 wurde vermerkt: Die frisch gewählte Stadtverordnetenversammlung von Karl-Marx-Stadt nahm in ihrer konstituierenden Sitzung am 1. Juni als ersten rechtsgültigen Beschluss die sofortige Rückbenennung der Stadt von Karl-Marx-Stadt in Chemnitz vor.

Ortsschilder waren schon weg

Wolfgang Uhlmann, Vorstand im Chemnitzer Geschichtsverein, erinnert sich: "Es sollte in einer Art feierlichen Akt das Ortseingangsschild 'Karl-Marx-Stadt' abgenommen und durch das Schild 'Chemnitz' ersetzt werden. Aber Souvenirsammler hatten schon alle 'Karl-Marx-Stadt'-Schilder abgenommen, es fand sich keines mehr." Es sei dann für die Kamera ein altes Schild aus einem Depot geholt worden, kurz angeschraubt worden, um es gleich darauf mit dem neuen "Chemnitz"-Schild zu ersetzen.

Chemnitzer wurden 1953 nicht gefragt

Die damalige Umbenennung von Chemnitz in Karl-Marx-Stadt erfolgte nicht per Bürgerabstimmung, sondern per Beschluss vom Zentralkomitee der SED. Der in der zweiten Aprilhälfte 1953 gefasste Beschluss wurde bereits am 10. Mai in die Tat umgesetzt. Fast 200.000 Einwohner wohnten der Feierstunde bei.

Karl Marx war nie in Chemnitz

Erst 1971, also bald 20 Jahre nach der Umbenennung, wurde ein künstliche Verbindung zwischen der Stadt und ihrem Namensgeber geschaffen. Das Karl-Marx-Monument wurde am 9. Oktober 1971 im Beisein von 250.000 Menschen eingeweiht. Auch ein Urenkel von Karl Marx war angereist.

Die Straße entlang des Monumentes wurde in "Karl-Marx-Allee" umbenannt. Aber diese Namen gingen nicht in den Sprachgebrauch über, erinnert sich Historiker Uhlmann. Aus dem riesigen Denkmal des Marx-Kopfes wurde der "Nischel". Und die Allee nannten viele Einwohner "Schädelgasse".

Quelle: MDR/nk

Dieses Thema bei MDR SACHSEN: MDR SACHSEN - Das Sachsenradio | 01.06.2020 | 16:20 Uhr

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