16.01.2020 | 18:20 Uhr Zwischen Resignation und neuem Mut: Boxberg vor der Stilllegung des Kraftwerks

Schon 2029 sollen in Boxberg erste Kraftwerksblöcke stillgelegt werden. Das haben der Bund und die vier Kohle-Länder vereinbart. Den Menschen in der Gemeinde bereitet diese Entscheidung große Sorgen.

Braunkohlekraftwerk Boxberg am Baerwalder See Lausitz
Bildrechte: imago/photothek

"Das ist für alle in der Region sehr schlecht", urteilt Mario Haßler. Der 54-Jährige steht mit seiner Gulaschkanone in der Ortsmitte, verkauft Kartoffelsuppe und Soljanka. Mit einer langen Kelle langt Haßler in die Kanone und füllt einem Kunden den mitgebrachten Topf.

Mit der Vereinbarung zum Kohleausstieg sieht Mario Haßler schwarz für Boxberg: "Es werden weniger Menschen werden in der Region – noch weniger. Weil: Wo sollen sie hin?" Haßlers Frau arbeitet in der Kraftwerkskantine, sein Schwiegersohn in der Entwässerung der LEAG-Tagebaue. Von ihnen hört er, dass sich viele Kumpel mit dem Kohleausstieg 2038 schon "ein bisschen abgefunden" haben. Dass für Teile des Betriebs nun ein noch früheres Ende beschlossen wurde, werde die Bergleute entsetzen.

Kein Vertrauen in Strukturwandel

"Ich wage es zu bezweifeln, dass das mit Tourismus oder irgendwelchen anderen Ideen ausgeglichen werden kann. Daran glaube ich nicht", sagt Haßler resigniert. Dabei lebt er selbst ein Stück weit vom Tourismus. Mit der Gulaschkanone ist er nur in den Wintermonaten in der Gegend unterwegs. Im Sommer betreibt er einen Imbiss am benachbarten Bärwalder See, dem früheren Tagebau Bärwalde. Nach der Flutung wurde daraus Sachsens größter See.

Zunächst wollte er einen festen Imbiss am Bärwalder Strand errichten. Doch daraus wurde nichts. Die Gemeinde habe ihre Flächen am See an private Investoren verkauft. Für sein Vorhaben habe Haßler keine Unterstützung gefunden. Seit fünf Jahren betreibt er nun seinen Imbiss am gegenüberliegenden Klittener Ufer. Dort hat Mario Haßler einen Container stehen und Ein-Jahres-Verträge für seinen Betrieb.

Von der Politik ist er enttäuscht. Versprochene Hilfen seien in der Gemeinde bislang nicht angekommen. "Was soll hier passieren? Wer soll denn hierher kommen? Wir sind doch hier am Ende. Wir sind doch am Ende Deutschlands, ziemlich außen."

Ein Boot auf dem Bärwalder See vor einem Leuchtturm
Der Bärwalder See war früher ein Tagebau. Er gehört zu einem der vielen Lausitzer Seen. Dass die Seen als Touristenmagnet den Verlust aus dem Kohleausstieg ausgleichen können, glauben viele Menschen in der Region nicht. Bildrechte: MDR/Katrin Funke

Überalterung befürchtet

An der Hauptstraße, auf der am Mittag nur wenig Autos entlangfahren, hat sich Astrid Sprenger auf eine Bank gesetzt und eine Zigarette angesteckt. Von der Vereinbarung zum Kohleausstieg hält sie nichts: "Das ist ein Schuss in den Ofen. Das wird alles einschlafen hier und vergreisen. Die jungen Leute gehen weg, gehen da hin, wo die Arbeit ist. Ich sehe keine Zukunft hier."

Sprenger wohnt in Mücka, 15 Kilometer südöstlich von Boxberg. In Görlitz arbeitet sie in einer Autowerkstatt, kümmert sich um die Fahrzeugaufbereitung. "Dass hier neue Jobs entstehen können, glaube ich erst, wenn es soweit ist. Es ist ja schon soviel versprochen worden. Was soll hier entstehen, wenn die Kohleverstromung wegfällt?"

Enttäuscht und niedergeschlagen

Astrid Sprenger gibt gleich selbst eine Antwort: "Vielleicht die Kohlelöcher volllaufen lassen für Erholungsgebiete. Aber das bringt es auch nicht." Die Seen brächten nur in den Sommermonaten Einnahmen. Außerdem müsse die Region von Besuchern erst einmal entdeckt werden. "Ehe das mal anläuft, ist die Gegend leer, tot", sagt die gelernte Lackiererin. "Es ist schade drum. Das ist eine schöne Gegend. Aber die Leute gehen dahin, wo die Arbeit ist. So ist das nun mal."

Sprenger hat Bekannte im Bergbau und dem Kraftwerk. "Die sind natürlich enttäuscht und niedergeschlagen - grad die jungen Leute, die hier eigentlich Fuß gefasst haben, die sehen hier keine große Zukunft."

Ein "bedenklicher" Schritt

Boxbergs Bürgermeister hat auf der Rückfahrt von einem Termin aus dem Autoradio vom Fahrplan für den Kohleausstieg erfahren. Dass in Boxberg zwei Kraftwerksblöcke schon 2029 abgeschaltet werden sollen, bezeichnet Armin Junker als "bedenklich". Über den Ausstiegsplan sei er geteilter Meinung: "Ich befürchte, dass Deutschland der Strom ausgehen wird. Diese Befürchtung habe ich trotz Gas aus Russland und so weiter. Wir sollten doch hauptsächlich unsere eigenen Rohstoffe nutzen. Ich kann aber mitgehen, wenn für unsere Bürger und für die Leute, die im Kraftwerk und dem Tagebau arbeiten auch sichere neue Arbeitsplätze da sind."

Für positiv hält Junker, dass nun endlich Planungssicherheit da ist. Die lange Zeit zwischen der Empfehlung der Kohlekommission bis zur Vereinbarung zum Kohleausstieg habe "genervt". Junker ist sich sicher, dass der Kraftwerksbetreiber Leag mit den nun festgelegten Zielen umgehen kann und er hofft, dass mit der Vereinbarung jetzt die Strukturentwicklung in der Region vorangetrieben wird, erste Fördermittel fließen und neue Arbeitsplätze entstehen können.

Die Hoffnung nicht ganz aufgeben

In Junkers Arbeitszimmer hängt eine große Luftaufnahme des Kraftwerks an der Wand, daneben ein gerahmtes Gemälde: die rauchenden Kraftwerkstürme vor einer zerpflügten Landschaft. "Die Hoffnung stirbt zuletzt", sagt Armin Junker. "Wir werden sehen, was das Gesetz hergibt, wie wir hier in der Lausitz und auch die kernbetroffenen Zonen gefördert und gefordert sind. Daran wird sich vieles entscheiden." Dann sagt er nochmal, vielleicht, um wie viele seiner Bürger nicht auch noch den Glauben daran zu verlieren: "Hoffnung ist da."

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Dieses Thema im Programm bei MDR SACHSEN MDR SACHSEN - Das Sachsenradio | 16.01.2020 | 14:30 Uhr im Regionalreport aus dem Studio Bautzen

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