Autobahnbau bei Dolle Der Umzugs-Service für Ameisen an der A14

Der von vielen herbeigesehnte Weiterbau der A14 hat begonnen. Das betrifft auch so kleine Wesen wie die Ameisen. Bis die Schneise in den Wald geschlagen wird, müssen sie umgezogen sein. Und das geht so.

Zwei Männern graben mit ihren Händen in einem Ameisenhaufen.
Ameisenwarte in Aktion: Hier organisieren sie den Umzug für einen Staat der Kleinen Roten Waldameise. Bildrechte: MDR/Andreas Müller

Nach dem ersten Spatenstich für die Autobahn 14 bei Lüderitz im Norden Sachsen-Anhalts beginnen nun die Naturschützer mit ihrer Arbeit in der Colbitz-Letzlinger Heide. Wo die nächsten 15 Kilometer Autobahn gebaut werden sollen, müssen zunächst die Ameisenstaaten umgesiedelt werden. Sachsen-Anhalts Landesregierung wird hier nach Aussagen von Verkehrsminister Thomas Webel (CDU) "die grünste Autobahn Deutschlands" bauen.

Für den neuen Abschnitt zwischen Dolle (Abzweig Tangerhütte) und Lüderitz werden ab Herbst 90 Hektar Wald gerodet. Vorher aber müssen die Ameisen in Sicherheit gebracht werden. Das in die Wege zu leiten, ist Mandy Beges Aufgabe.

"Die Ameisen sind streng geschützt. Sie haben eine wichtige Funktion im Ökosystem Wald", erklärt Bege. Immerhin vertilgen sie Schädlinge wie den Borkenkäfer, wie Bege weiter ausführt. Und: Sie belüften den Waldboden, verbreiten Pflanzensamen und sind für andere Tierarten eine Nahrungsgrundlage. "Bevor die Bagger kommen, bringen wir sie in Sicherheit."

Umsiedlung für A14-Bau Ein Umzugstag im Leben einer Waldameise

Hinter einem Ameisenhügel stehen 5 weiße Plastikfässer.
Hier wohnt die Kahlrückige Waldameise unter Kiefern. Die Fässer stehen als "Umzugskartons" bereit. Bildrechte: MDR/Andreas Müller
Hinter einem Ameisenhügel stehen 5 weiße Plastikfässer.
Hier wohnt die Kahlrückige Waldameise unter Kiefern. Die Fässer stehen als "Umzugskartons" bereit. Bildrechte: MDR/Andreas Müller
Zwei Männern graben mit ihren Händen in einem Ameisenhaufen.
Die beiden Ameisenschutzwarte Kristian Tost und Tilman Seeger (v.l.) verstauen die Masse des Ameisenhaufens mit bloßen Händen in den Fässern. Das ist sanfter als Schaufeln. Ein Ameisenhaufen füllt rasch sechs bis acht Fässer. Bildrechte: MDR/Andreas Müller
Ein Baumstumpf voller Ameisen
Die Waldameisen lieben es, ihre Nester um einen zerklüfteten Baumstumpf zu bauen. Die Höhlen und Ritzen sind ihre gute Stube. Die Ameisenschutzwarte müssen fast einen Meter tief in die Grube greifen, um auch die verborgenen Kammern der Ameisen zu bergen. Bildrechte: MDR/Andreas Müller
Eine Baumstumpf voller Ameisen liegt  im Inneren eines blauen Sacks.
Für das Herzstück des Ameisenhaufens nehmen die "Umzugshelfer" einen extra großen Sack. Bildrechte: MDR/Andreas Müller
Auf einer Schaufel liegt Erde, durch die Ameisen krabbeln.
Mit einer Schaufel werden auch kleine Mengen des Ameisenhaufens aufgenommen. Bildrechte: MDR/Andreas Müller
Eine Tüte mit Zucker liegt auf einem Waldboden.
Zum Schluss holen die Umzugshelfer ihr geheimes Mittelchen heraus. Bildrechte: MDR/Andreas Müller
In einem Erdloch ist eine Zuckerspur gelegt.
Mit der Zuckerspur werden auch die letzten Tierchen in die "Umzugskisten" gelockt. Bildrechte: MDR/Andreas Müller
Eine Mann hat seinen Arm am Rande eines Erdlochs abgelegt.
Tilman Seeger testet, ob noch Ameisen zurückgeblieben sind. Die allerletzten werden per Hand umgesiedelt. Zwar wehren sich die Tiere gegen die Unruhe, indem sie beißen und Säure spritzen, für die Schutzwarte ist das aber kein Problem.

Dieses Thema im Programm:
MDR SACHSEN-ANHALT – Das Radio wie wir | 29.08.2018 | 06:10 Uhr

Quelle: MDR/cw
Bildrechte: MDR/Andreas Müller
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Nun sind zwei Ameisenschutzwarte damit beschäftigt, die Ameisenhügel zu kartieren, um sie an einen neuen, sicheren Standort zu bringen. Das machen Kristian Tost und Tilman Seeger. Die beiden Fachleute sind vom Büro für Landschaftsplanung und Ökogutachten in Rangsdorf in der Heide und gehören zu den wenigen in Deutschland, die Ameisenhaufen umsiedeln dürfen. Dafür sind sie speziell ausgebildet.

Ameisenhügel wird tief ausgehoben

Auf der künftigen Autobahntrasse bei Dolle haben sie bereits 16 Ameisenhügel mit GPS-Daten kartiert und sind jeden Tag früh morgens damit beschäftigt, einen nach dem anderen umzusetzen: Zunächst werden die zehntausenden Tierchen eines solchen Ameisenstaates mitsamt der von ihnen aufgeschütteten Masse aus Kiefernnadeln, Blättchen und Zweigen per Hand vorsichtig in große Fässer gefüllt. Die Naturschützer tragen dabei eng anliegende Handschuhe. Doch blitzschnell krabbeln dennoch viele Ameisen über ihre nackten Arme.

Kristian Tost kennt das und nimmt es locker: "Die beißen in die Haut und injizieren dann ihre Säure. Das brennt ein wenig, ist aber ungefährlich. Ich habe mich längst daran gewöhnt, zumal es keine Nebenwirkungen gibt." Mückenstiche findet er unangenehmer. "Angeblich sollen Ameisenbisse ja gut gegen Rheuma sein. Damit habe ich aber noch keine Erfahrungen."

Nachzügler werden hinterhergetragen

Eine Tüte mit Zucker liegt auf einem Waldboden.
Alles auf Zucker? Der soll den Ameisen den Einzug ins neue Domizil erleichtern. Bildrechte: MDR/Andreas Müller

Bei den Ameisen in der Heide handelt es sich um die Kahlrückige Waldameise, auch Kleine Rote Waldameise genannt, die ihr Nest mit Vorliebe um einen alten Baumstumpf herum aufschichtet. Nachdem die beiden Tierschützer mehrere Fässer mit dem Baumaterial und Tausenden Ameisen gefüllt haben, wird der Stubben als "gute Stube" der Insekten mitsamt Bewohnern in einem Plastiksack verstaut.

Wie sich herausstellt, hat der Ameisenstaat aber auch noch tief im Boden einige Kammern und Appartements für die Königinnen. Das alles wird verpackt. Damit nichts zurückbleibt, graben Tost und Seeger weit über einen Meter tief.

Tilman Seeger sagt, so werde fast der gesamten Staat aus zehntausenden Individuen umgesiedelt. Allerdings würden einige Tierchen ihr Zuhause suchen, wenn sie von der Nahrungssuche zurückkehren. "Wir locken sie mit einer Zuckerspur in den verbliebenen Krater und bringen sie einen Tag später ihrer Großfamilie hinterher."

Neue Adresse wird mit Zucker markiert

Der neue Wohnort der Ameisen liegt außerhalb der Autobahn-Baustelle. Die Insektenstaaten werden dort mitsamt ihres Lieblingsbaumstumpfes in einem geschützten Gebiet ausgesetzt. Um ihnen den Umzug zu versüßen, wird die neue Adresse mit ein wenig Zucker noch markiert.

Die Ameisenschutzwarte berichten, dass das schon dutzendfach funktioniert hat. Kristian Tost: "Dort sind sie sicher und entwickeln sich munter weiter."

Quelle: MDR/mg

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT - Das Radio wie wir | 29. August 2018 | 06:10 Uhr

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2 Kommentare

29.08.2018 23:38 bolle 2

ein dank an die ameisenexperten und den mdr, daß darüber berichtet wird! ich finde es wichtig, daß auch so vermeindliche kleinigkeiten bei solchen bauvorhaben eingeplant und umgesetzt werden (müssen?). viel zu oft gilt 'gier frißt hirn' und die verbleibenden schäden und spätwirkungen werden den nachfolgenden generationen hinterlassen. bitte mehr von den 'guten nachrichten'!


Anmerkung des MDR SACHSEN-ANHALT:

Vielen Dank für das Lob. Wir freuen uns.

29.08.2018 22:46 Oswald 1

..Macke...

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