Appell an Profisportler Bitte seid mehr als nur Athleten!

Daniel George
Bildrechte: MDR/Jörn Rettig

Sportler sind Vorbilder. Deshalb sollten sie auf gesellschaftliche Missstände aufmerksam machen – und mehr Haltung zeigen. Damit sie das ohne Angst können, sind jedoch auch andere gefragt. Ein Kommentar.

Colin Kaepernick auf einem Webeplakat von NIKE
US-Footballspieler Colin Kaepernick kniete sich 2016 während der Nationalhymne hin, um gegen Rassismus und Polizeigewalt in den USA zu protestieren. Er wurde zum Aushängeschild mündiger Athleten auf der ganzen Welt. Bildrechte: imago/Levine-Roberts

Timo Perthel hat es getan: Der Fußballprofi des 1. FC Magdeburg hat sich zu etwas anderem als Fußball geäußert – und zwar zur Corona-Krise. "Wacht endlich mal auf und überlegt lieber mal, wann der normale Bürger wieder arbeiten gehen kann, damit er nicht pleite geht und seine Familie noch ernähren kann, " schrieb der 31-Jährige auf Instagram. "Fußball ist nicht wichtig in dieser Zeit."

Es ist erstaunlich, dass Äußerungen wie diese eine Seltenheit sind. Obwohl gerade darüber diskutiert wird, ob Bundesliga-Spieler bald wieder gegeneinander antreten dürfen oder ob sie sich damit über die Gesellschaft stellen würden.

Ihre Meinungen behalten die meisten von ihnen trotzdem lieber für sich. Warum? Weil es bequemer ist. Denn wer sich zu Themen abseits des Sports äußert, muss sich erklären, der eckt an – mit Vereinen, Sponsoren, Beratern oder Fans.

Warum Profisportler dennoch mehr als nur Athleten sein sollten? Basketball-Profi Konstantin Konga hat es in unserer Dokumentation "Warum schweigen Profisportler?" auf den Punkt gebracht: "Ich will keinen Sportler dazu zwingen, Stellung zu beziehen. Aber es gibt einfach Themen, zu denen du dich äußern musst, wenn du ein bisschen Charakter hast."

Macht auf Missstände aufmerksam!

Nicht jeder Sportler interessiert sich für Politik. Nicht jeder Sportler weiß genug, um sich fundiert zu äußern. Und das ist verständlich. Das ist okay. Denn es geht nicht um parteipolitische Inhalte, über die Athleten sprechen sollten. Es geht nicht um forschungsbasierte Einschätzungen zur Corona-Lage, wie sie Virologen treffen können.

Bei der Frage, ob Athleten sich öfter abseits ihrer Sportart äußern sollten, geht es einzig um Haltung. In einer Welt, die auf allen Seiten immer extremer wird, erscheint das umso wichtiger. Profisportler sollten ihre Vorbildrolle nutzen, um auf gesellschaftliche Missstände aufmerksam zu machen, wenn sie das wollen.

Sie sollten es nicht nur aus Bequemlichkeit unterlassen. Sie sind wie wir alle dazu aufgerufen, die Werte zu verteidigen, auf die wir uns als demokratische Gesellschaft geeinigt haben – und klar zu benennen, was sie gefährdet: Antisemitismus, Rechtsextremismus oder Rassismus zum Beispiel.

Haltung zeigen statt Strandfotos – oder: beides

Klar: Sportler konzentrieren sich in erster Linie auf ihren Sport. Das berühmte "Im-Tunnel-Sein" ist für sie essenziell. Ruderer Maximilian Planer erklärt das so: "Dieser Weg, ganz auf das Ziel fokussiert zu sein, ist ganz wichtig, um erfolgreich zu sein. Du machst dich immer angreifbar, wenn du dich äußerst. Viele Sportler bringt das aus dem Fokus, wenn Gegenwind oder Kritik kommt."

Verlieren sie den Fokus, haben sie keinen Erfolg. Haben sie keinen Erfolg, verschwinden sie aus dem Rampenlicht. Verschwinden sie aus dem Rampenlicht, sinkt ihre Reichweite – und Äußerungen zu gesellschaftlichen Missständen haben zumindest nicht mehr den ganz großen Wert.

Die Kunst ist, den richtigen Zeitpunkt zu finden – in der Karriere und in der Saison. Wann der ist, weiß jeder nur für sich selbst. Wohl eher als gestandener Sportler denn als ambitioniertes Talent. Möglichkeiten in einer Saison gibt es genug: bei Fußballprofis die Sommerpause zum Beispiel. Haltung zeigen statt Strand-Fotos auf Instagram posten! Wobei: Im Grunde bleibt Zeit für beides. Es könnte so einfach sein.

Vereine, Funktionäre, Berater und Medien – alle sind gefragt

Ist es aber nicht. Und das liegt nicht an den Sportlern. Zu sagen, manche von ihnen seien zu bequem, ist nur ein kleiner Teil des Problems. Vielmehr sind andere gefragt: Vereine, Berater, Fans und Medien. Sie alle müssen ein Umfeld schaffen, in dem es möglich ist, dass sich Profisportler ohne Angst äußern können.

"Wir bekommen einen Maulkorb umgespannt", sagt Zehnkämpfer Rico Freimuth. Eine frustrierende Aussage. Warum dürfen Funktionäre sich regelmäßig zu politischen oder gesellschaftlichen Themen äußern, wenn genau das den Athleten beispielsweise bei Olympischen Wettkämpfen und Siegerehrungen verwehrt bleibt?

Die Protagonisten des Films "Wir bekommen einen Maulkorb umgespannt"

Rico Freimuth
Rico Freimuth aus Halle ist Zehnkämpfer. Er sagt: "Das Problem heutzutage ist: Wir bekommen einen Maulkorb umgespannt." Bildrechte: imago/Chai v.d. Laage
Rico Freimuth
Rico Freimuth aus Halle ist Zehnkämpfer. Er sagt: "Das Problem heutzutage ist: Wir bekommen einen Maulkorb umgespannt." Bildrechte: imago/Chai v.d. Laage
Terrence Boyd
Terrence Boyd ist Fußballprofi beim Halleschen FC. Er sagt: "Ich finde es blöd, dass Politik ein Tabu-Thema ist. Aber das ist mir scheißegal. Ich lasse mir von keinem den Mund verbieten." Bildrechte: imago images/Hartmut Bösener
Tremmell Darden
Tremmell Darden aus Los Angeles ist Basketballprofi beim Mitteldeutschen BC. Er sagt: "Wir spielen dieses Spiel, um die Leute auf der ganzen Welt zu unterhalten. Aber als Profisportler willst du auch für gesellschaftliche Veränderungen sorgen." Bildrechte: imago images/Hartmut Bösener
Konstantin Konga
Konstantin Konga ist Basketballprofi in Ludwigsburg und wurde beim Auswärtsspiel gegen den MBC mit Affenlauten beleidigt. Er sagt: "Es gibt einfach Themen, zu denen du Stellung beziehen musst, wenn du ein bisschen Charakter hast." Bildrechte: imago images/Nordphoto
Martin Geissler in der Arena Leipzig.
Martin Geissler ist Geschäftsführer des Mitteldeutschen Basketball Clubs. Er sagt: "Die Spieler stehen in einer gewissen äußeren Erwartungshaltung. Und die ist, dass sie lieber einmal mehr sagen sollen, wie schlimm manche Sachen sind, anstatt auch besänftigend einzuwirken." Bildrechte: imago images/Hartmut Boesener
Jens Peltsch-Hahnemann (Vorsitzender MBC-Fanclub Alphawölfe)
Jens Peltsch-Hahnemann ist Vorsitzender eines MBC-Fanclubs. Er sagt: "Ein Spieler würde sich unglaubwürdig machen, wenn er eine Äußerung zu gesellschaftlichen Themen in der Region macht und dann in der nächste Saison weg ist – oder wenn das von oben vorgegeben wird." Bildrechte: imago images / Hartmut Bösener
Mario Gomez (Stuttgart, re.) gegen Maik Franz (Karlsruhe).
Maik Franz (l.) war Bundesligaprofi und ist heute Sportlicher Leiter beim 1. FC Magdeburg. Er sagt: "Wir prangern jeden möglichen Scheiß an, zu allem haben wir eine Meinung. Zu Sachen wie Rassismus sind die Meinungen bei den meisten klar, aber sie dann auch nach außen zu vertreten, ist wichtig. Wir sind alle dazu angehalten, Gesicht zu zeigen." Bildrechte: imago/Sven Simon
Mario Kallnik
Mario Kallnik ist Geschäftsführer des 1. FC Magdeburg. Er sagt: "Wenn ein prominenter Profifußballer direkt für eine Partei werben würde, wäre das nicht in Ordnung." Bildrechte: imago/foto2press
Ruderer Maximilian Planer Olympia
Max Planer aus Bernburg ist Ruderer. Er sagt: "Früher gab es Nelson Mandela, heute gibt es Profisportler, die ihre Karriere aufs Spiel setzen, um gesellschaftliche Veränderungen herbeizuführen." Bildrechte: Deutscher Ruderverband/Schwier
Robert Claus bei einer Lesung in Chemnitz
Robert Claus ist Fan- und Extremismusforscher. Er sagt: "Rechtsextremismus geht die ganze Gesellschaft an und ist bedrohlich für die Demokratie. Da sind Sportler nicht ausgenommen, sich dazu zu positionieren und diese Gefahr als solche zu benennen." Bildrechte: MDR/Anett Linke
Christoph Karpe, Sportchef der Mitteldeutschen Zeitung
Christoph Karpe ist Sportchef bei der Mitteldeutschen Zeitung. Er sagt: "Natürlich haben Sportler eine Vorbildwirkung. Der sind sie sich vielleicht nicht bewusst – oder sie werden gebremst, von Vereinen, Beratern und eigenen Skrupeln." Bildrechte: MDR/Daniel George
Markus Hein, HFC
Markus Hein aus Wittenberg ist Spielerberater. Er sagt: "Rassismus ist keine Meinung, sondern ein Verbrechen. Dazu sollten noch mehr Profifußballer klar Stellung beziehen." Bildrechte: imago/Picture Point
Trainer Thomas Hoߟmang (Magdeburg)
Thomas Hoßmang ist Nachwuchsleiter beim 1. FC Magdeburg. Er sagt: "Es ist wichtig, dass man in der heutigen Zeit Jungs hat, die eine Meinung haben und Verantwortung übernehmen."

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Rico Freimuth
Rico Freimuth aus Halle ist Zehnkämpfer. Er sagt: "Das Problem heutzutage ist: Wir bekommen einen Maulkorb umgespannt." Bildrechte: imago/Chai v.d. Laage

Warum ist es gängige Praxis, dass Presseabteilungen von Fußballabteilungen zur Autorisierung vorgelegte Interviews glattbügeln, wenn die Aussagen auch nur den Anschein erwecken, polarisieren zu können? Warum empfehlen Berater ihren Schützlingen, sich mit gesellschaftlichen Botschaften zurückzuhalten? Warum verkürzen Medien manchmal Aussagen sinnentstellend oder fragen gar nicht erst zu Themen abseits des Sports? Das gilt nicht für alle Beteiligten, aber für einige.

Und deshalb, liebe Profisportler, bitte ich Euch: Seid mehr als nur Athleten – seid mehr wie Terrence Boyd, Konstantin Konga, Leon Goretzka, Satou Sabally, Max Hartung, Gina Lückenkemper, Bastian Doreth und all die anderen, die Haltung zeigen. Seid Vorbilder.

Daniel George
Bildrechte: MDR/Jörn Rettig

Über den Autor Daniel George wurde 1992 in Magdeburg geboren. Nach dem Studium Journalistik und Medienmanagement zog es ihn erst nach Dessau und später nach Halle. Dort arbeitete er für die Mitteldeutsche Zeitung.

Vom Internet und den neuen Möglichkeiten darin ist er fasziniert. Deshalb zog es ihn im April 2017 zurück in seine Heimatstadt, in der er seitdem in der Online-Redaktion von MDR SACHSEN-ANHALT arbeitet – als Sport-, Social-Media- und Politik-Redakteur, immer auf der Suche nach guten Geschichten, immer im Austausch mit unseren Nutzern.

Quelle: MDR/dg

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT | 04. Mai 2020 | 19:00 Uhr

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