Der 8. Mai Von Fußball und Flucht: Auf den Tag des Sieges!

Ihr Fluchtversuch aus der DDR und der Europapokalsieg ihres Herzensvereins – der 8. Mai ist für Anne Hahn ein besonderes Datum. Für MDR SACHSEN-ANHALT erinnert sie sich an Fan-Gesänge und Soldaten im Zug.

Autorin Anne Hahn aus Magdeburg
Anne Hahn Mitte der 1980er mit Freunden in Magdeburg Bildrechte: MDR/Privat

"S dnjom podedy!", rufe ich und lächle den Uniformierten an. Er dreht uns seine Orden-bestückte Brust zu. Ein goldener Streifen reflektiert einen Sonnenstrahl, blendet mich. Der Mann streicht über seinen Schnauzbart, nickt schließlich, klopft auf das helle runde Brot unter seinem Arm und geht weiter. Wir stehen wie angenagelt in der prallen Sonne und blinzeln ihm nach. Richtig, er dreht sich noch einmal um und fragt: "Wohin wollt ihr eigentlich, Kinder?"

Matthias atmet zischend aus, wie immer, wenn er denkt, jetzt haben sie uns. Ich greife nach seiner Hand und schaukele sie, während ich mit der anderen in die steil aufragenden Berge weise. "Wandern, da oben". Der Mann grinst, schüttelt den Kopf und verschwindet in einem der Häuser.

Es ist der Morgen des 9. Mai 1989. Wir sind vor wenigen Minuten in Mindschiwan, Aserbaidschan, aus dem Zug gestiegen. Hinter uns liegen zehn Tage Urlaub in einer Ferienanlage am Kaspischen Meer, die wir mit zwei Dutzend Pärchen aus dem Bezirk Magdeburg verbracht haben.

Wenn Onkel Horst laut "Tooor!" brüllt

In meiner Heimatstadt war ich nie beim Fußball. Ich hatte keinen älteren, nur einen kleinen Bruder und meine Eltern waren nach Magdeburg zugezogen. Die besten Zeiten des Clubs liegen im Nebel meiner Kindheit. Onkel Horst brüllte zwar ein einsames Tooor durch die Nacht, wenn er auf Montage war und uns besuchte, die Feiern in der Stadt und auf dem Marktplatz blieben mir jedoch unverständliches Schulhofgespräch.

Fußball spielte ich einen Sommer lang, mit 13. Mein Verehrer Marcus tänzelte mit einem Ball auf dem Parkplatz vor unserem Neubaublock und schoss gegen die Wand des Heizhauses. Mitunter schaffte er es, mich zum Mitspielen zu erwärmen und konterte hart – meine Stürze sorgten dafür, dass ich Marcus und dem Freiflächenfußball bald den Rücken zukehrte. Ich ließ die verschorften Knie abheilen. Radfahren im Stadtpark mit Nico war romantischer.

Mehrere Männer posieren vor einem Reisebus und lächeln in diue Kamera. 3 min
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Di 05.05.2020 14:36Uhr 03:17 min

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Als mich der Punk erwischte

Mitte der Achtziger erwischte mich der Punk. Wir waren ein paar Dutzend bunter Vögel in der Stadt, wir tranken, träumten, tanzten und hatten Ärger. Auf den Fahrten zu Punkkonzerten in Erfurt oder Ost-Berlin sangen meine Freunde von Paule Seguin und dem "Pokoooal", von Auswärtsspielen des 1. FCM kamen sie mit geklautem Schnaps und ausgeschlagenen Zähnen zurück.

Mit einem von ihnen stehe ich jetzt in der Sonne, bei 40 Grad. Wir sind auf der Flucht. Matthias und ich haben uns Ende April von Magdeburg verabschiedet. Freunden und Familie erzählt, dass wir an die Ostsee wollen, Klamotten nähen und verticken. Zogen los mit dem Ticket von Jugendtourist, Rucksäcken, Hundert Mark Westgeld, gefälschten Pässen, Wanderhosen und -Schuhen. Die DDR hatte sich für uns erledigt, wir mussten nur noch rauskommen. Durch einigen Unfug waren wir zu bekannt, um den üblichen Weg über die Tschechoslowakei und Ungarn einzuschlagen, deshalb die Sowjetunion.

Anreise per Flugzeug von Berlin-Schönefeld nach Moskau und weiter nach Baku, von dort mit dem Bus an seltsamen Silhouetten vorbei. Staub, flache rote Erde, in sie tunkende Ölpumpen, dahinter hochragende Denkmäler und eine blasse Großstadt. Wir haben frühchristliche Klöster besichtigt, Bakus Neubauviertel und Riesen-Lenin-Statuen von nahem bestaunt, Tennis gespielt, Kwas getrunken und sind jeden Tag geschwommen. Wir haben Durchfall, Sonnenbrand und Angst.

Die Zähne klapperten im Gleichtakt der Schienen

Am 8. Mai klettern wir in einen Waggon des Nachtzuges von Baku nach Armenien, in der Ferienanlage ahnt keiner etwas. Bei uns in der DDR wird die Befreiung vom Faschismus am Tag zuvor gefeiert, unsere sowjetischen Freunde zelebrieren den Tag des Sieges am 9. Mai – die Uhren gingen 45‘ mal wieder anders zwischen Moskau und Berlin.

Ich habe mehrfach Gelegenheit, auf den Tag des Sieges zu sprechen zu kommen in dieser Nacht. Jeder Waggon wird von einem Zugbegleiter betreut, zwei Soldaten patrouillieren pro Waggon, ein paar Offiziere den gesamten Zug. Alle fragen nach unseren Pässen und Ziel. Bis auf den aserbaidschanischen Großvater in unserem Abteil kann ich die Männer überzeugen, dass wir wandern gehen wollen – im kaukasisch-iranischen Grenzgebiet!

Dass es ein schöner Feiertag wird morgen, wir Ferien haben und uns freuen auf die Berge. Zeige immer wieder unsere grünen buchförmigen Sozialversicherungs-Ausweise, in die wir Passbilder eingeklebt haben. Der Alte sitzt die ganze Nacht auf seiner Pritsche und starrt uns an, kaut auf den Schnurrbartenden. Wir schlafen nicht, mitunter klappern unsere Zähne im Gleichtakt der Schienen.

Autorin Anne Hahn aus Magdeburg
Der Ausweis, den Anne Hahn damals im Zug vorzeigte. Bildrechte: MDR/Privat

Die Welt stand mir offen, Magdeburg lag fern

Mindschiwan ist ein Wellblechhüttendorf in den Bergen, das letzte in Aserbaidschan, geradeaus liegt Armenien und hinter dem Aras, der schmelzwasserprall durchs Tal donnert, der Iran. Da wollen wir hin. Es ist früh am Morgen und heiß. Wir stehen schwitzend am Fuß der kahlen Gipfel und murmeln dem Offizier hinterher: Einen schönen Tag des Sieges!

Es ging nicht gut aus für uns an diesem Tag im Kaukasus. Obwohl wir tatsächlich wanderten, alle Grenzzäune überkletterten und nicht erschossen wurden. Wir kamen bis kurz vor den Fluss, da kriegten sie uns. Wir wurden verhaftet, verhört und zurück gebracht nach Ost-Berlin, am 17. November kam ich aus dem Gefängnis und war die letzte aus meinem Freundeskreis, die im Westen landete. Die Welt stand mir offen, Magdeburg lag fern.

Klettern über den Zaun im HKS

Inzwischen fahre ich mehrmals im Jahr nach Magdeburg, um meine Mannschaft spielen zu sehen. Ich habe einen schlafenden Riesen erwachen sehen und lieben gelernt. Kriegte Gänsehaut, während die Magdeburger lauter sangen als ein ganzes Dynamo-Stadion unter orangem Tuch. Wurde auf der Tribüne im Paradies von einem Kind beschimpft, als ich bei unserem fünften Tor in den Gästeblock grinste. Kletterte im HKS über den Zaun und stand unter tausenden Blau-Weißen auf dem Rasen. Sang mit meinen älter gewordenen Kumpels in Bochum gegen die Niederlage an und vermisste den Block U.

Am 8. Mai werde ich mit meinen Freunden nach Rotterdam reisen, ein Zugticket habe ich schon. Es gibt etwas zu feiern: im "Kuip" von Rotterdam gewann am 8. Mai 1974 der 1. FC Magdeburg den Europapokal der Pokalsieger gegen den AC Milan. Auf den Tag des Sieges!  

Autorin Anne Hahn aus Magdeburg
Bildrechte: MDR/Privat

Über die Autorin Anne Hahn wurde 1966 in Magdeburg geboren. Sie ist Autorin und Subkulturforscherin, schrieb mehrere Romane und ist Mitautorin mehrerer Sachbücher und Reportagen zum Thema Fußball.

Quelle: MDR/dg

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT HEUTE | 08. Mai 2020 | 19:00 Uhr

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