Interview Häusliche Gewalt: Wie Betroffene während der Corona-Krise unterstützt werden

Vesile Özcan
Bildrechte: MDR/ Vesile Özcan

Schon seit einigen Wochen gibt es die Befürchtung, dass durch die Corona-Pandemie häusliche Gewalt zunimmt. Lissy Hermann unterstützt in Magdeburg Opfer von häuslicher Gewalt und Stalking. Sie erklärt, wie sich ihre Arbeit durch Corona verändert hat und was Betroffene tun können.

Eine Frau versucht, sich vor der Gewalt eines Mannes zu schützen
Opfer häuslicher Gewalt wenden sich in letzter Zeit häufiger an telefonische Beratungsstellen. (Symbolbild) Bildrechte: dpa

Durch das Coronavirus hat sich der Alltag für viele Menschen verändert. Mittlerweile werden die Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie zwar wieder gelockert, oft spielt sich das Leben aber dennoch hauptsächlich zu Hause in den eigenen vier Wänden ab. Das ist ungewohnt und kann zu mehr Spannungen und Konflikten führen. Damit kommt die Frage auf, ob die Anzahl der Fälle häuslicher Gewalt gestiegen ist. MDR SACHSEN-ANHALT hat mit Lissy Herrmann von der Interventionsstelle Magdeburg darüber gesprochen.

MDR SACHSEN-ANHALT: Wie hat sich die Arbeit der Interventionsstelle durch das Coronavirus verändert?

Lissy Herrmann: Die aufsuchende Arbeit ist weggefallen. Wir haben uns, genauso wie andere Beratungsstellen auch, anders aufstellen müssen. Die Interventionsstelle ist aber nach wie vor durchgängig erreichbar. Momentan passiert eben viel auf telefonischem Wege und online. Die Online-Kommunikation per Mail hat in dieser Zeit wesentlich zugenommen.

Das ist eine Interventionsstelle

Die Interventionsstelle ist eine Fachberatungsstelle bei häuslicher Gewalt und Stalking. Sie hat eine beratende Funktion nach Gewaltsituationen. Nach einer Anzeige bei der Polizei wird der Fall mit Zustimmung der Betroffenen an die Interventionsstelle weitergeleitet.

Die Mitarbeiterinnen nehmen dann Kontakt mit den Betroffenen auf. Sie informieren über Rechte und leiten gegebenenfalls weiter an andere Einrichtungen – zum Beispiel das Frauenhaus. Die Beratung ist kostenfrei und vertraulich.

Lissy Herrmann ist zuständig für Magdeburg und die umliegenden Landkreise. Außerdem hat sie Kolleginnen in Dessau, Halle und Stendal.

Kontakt:
Interventionsstelle häusliche Gewalt und Stalking Wilhelm-Höpfner-Ring 4
39116 Magdeburg
Telefon: 0391/6106226
Fax: 0391/6106227
Mobil: 0176/25345132
Mail: interventionsstelle@gmx.net

Durch die Corona-Beschränkungen sind wesentlich mehr Menschen zu Hause. Gibt es dadurch mehr Betroffene häuslicher Gewalt?

Das ist eine Vermutung, die sicherlich so besteht. Fakt ist, dass die telefonischen Beratungen, wie zum Beispiel die Kummertelefone und die nationale Hotline, mehr nachgefragt werden. In dem Bereich gibt es ca. ein Viertel mehr Nachfrage als vorher.

Hilfetelefon: Hier gibt es Unterstützung

Gewalt gegen Frauen: 0800 116 016
Nummer gegen Kummer: 0800 1110 550
Kinder- und Jugendtelefon: 116 111
Pro Mann: 0391 7217 441

Bei unseren stationären Angeboten ist die Anfrage nicht gestiegen. Auch nach Rückfragen bei der Polizei können wir keinen nennenswerten Zulauf oder mehr Einsätze im Kontext häuslicher Gewalt feststellen. Es hat sich also erst einmal im Einsatzgeschehen oder in der Beratung nicht so viel verändert, wie wir eigentlich befürchtet haben.

Es ist sogar so, dass wir zwischendurch in manchen Frauenhäusern freie Plätze hatten. Das hatten wir sonst seit Monaten nicht. In Magdeburg waren zwischenzeitlich sechs Plätze frei. Das kann aber damit zusammenhängen, dass Frauen Angst vor einer Infizierung haben. Ein Frauenhaus ist letztendlich eine Gemeinschaftsunterkunft und man kann vorher nicht wissen, mit wem man unterkommt und ob sich diese Personen an die Hygieneregeln halten. Das könnte eine mögliche Hürde sein, in eine Schutzeinrichtung zu gehen.

Lissy Herrmann, Interventionsstelle Stalking häusliche Gewalt Magdeburg
Lissy Hermann berät in Magdeburg seit 16 Jahren Opfer von häuslicher Gewalt und Stalking. Bildrechte: MDR/ Kalina Bunk

Ähnlich ist es mit den Beratungsstellen. Da kann die Frage aufkommen, ob ich denn wirklich raus muss, um eine Beratung zu bekommen oder ich die Polizei zu mir nach Hause hole? Wir alle sind angehalten, Kontakte zu vermeiden. Und vielleicht zeigt sich das auch in diesem Bereich.

Zusammenfassend lässt sich in Absprache mit meinen Kolleginnen aus den anderen Standorten sagen, dass es bei Telefonberatungen ohne Zweifel mehr Nachfrage gibt, aber bei ambulanten Beratungs-und Unterstützungsangeboten erst einmal dieser Zulauf nicht so massiv gestiegen ist. Mit klaren Zahlen kann man das noch nicht ausdrücken. Dafür ist es zu früh. Es kann natürlich auch sein, dass es innerhalb von ein bis zwei Wochen wieder vollkommen anders aussieht.

Gibt es aufgrund der Pandemie Anpassungen oder neue Maßnahmen, um Betroffene in dieser Zeit besser unterstützen zu können?

Wir haben aufgrund von Corona noch keine neuen Systeme entwickelt, weil wir schon ein gutes System von Unterstützungseinrichtungen und Hilfsmöglichkeiten haben. Dieses System funktioniert auch jetzt. Es ist nicht zusammengebrochen. Es gibt zwar Einschränkungen, zum Beispiel dass es kontaktlose Unterstützung geben muss, aber die war auch vorher schon möglich.

Was gut und wichtig ist, dass das nationale Hilfetelefon existiert und 24/7 geschaltet ist. Darauf wird auch in vielen Zusammenhängen aufmerksam gemacht. Das ist eine ganz wichtige Aktion. Die Beratung wird mehrsprachig angeboten. Derzeit sind 17 Sprachen möglich. In heiklen Situationen kann von Seiten der Hotline ggf. die Polizei informiert werden. Das ist eine sehr schnelle und umfassende Hilfe. Ich halte eigentlich nichts davon, Angebote zu zersplittern. Es ist wichtig, dass man feste und stabile Angebote transportiert, die dann auch wirklich erreichbar sind.

Das LIKO-Netzwerk

In Sachsen-Anhalt gibt es eine Landeskoordination für alle staatlichen Beratungs- und Unterstützungsangebote im Bereich häuslicher Gewalt. Das Netzwerk "Ein Leben ohne Gewalt" gehört auch dazu. Folgende Partner sind ein Teil von LIKO (Landesintervention und –koordination bei häuslicher Gewalt und Stalking):

  • Landesarbeitsgemeinschaft der Frauenzentren
  • Landesarbeitsgemeinschaft der Frauenhäuser
  • Interventionsstellen für Betroffene von häuslicher Gewalt und Stalking
  • Beratungsstellen für Betroffene von sexualisierter Gewalt
  • Beratungsstelle ProMann für Jungen und Männer
  • Vera – Fachstelle gegen Frauenhandel, Zwangsverheiratung und ehrbezogene Gewalt
  • Landesfrauenrat Sachsen-Anhalt

Gibt es bestimmte Gruppen, die eher betroffen sind? Kann man sagen, dass Missbrauchsfälle in gewissen Gesellschaftsschichten eher ein Thema sind?

Es gibt keine Unterschiede. Gewalt kommt überall vor, auch in den besten Familien. Ein Unterschied ist vielleicht der Umgang. Frauen, die nicht das entsprechende Einkommen haben, nehmen eher die Angebote eines Schutzhauses in Anspruch, als Frauen, die den finanziellen Rahmen haben. Die haben dann auch die Möglichkeit, einfach mal raus zu gehen und sich in eine Pension einzumieten oder wegzufahren. Das soziale Umfeld mit entsprechenden Unterbringungsmöglichkeiten und auch Unterstützung finanzieller Art macht was aus. Dadurch kann eine Trennung schneller herbeigeführt werden.

Aber der Fakt der häuslichen Gewalt zieht sich durch alle Schichten und auch durch alle kulturellen Gegebenheiten. Es gibt keine großen Unterschiede, die prekär irgendwo auftauchen. Es kommen auch oft Akademiker-Frauen und -Männer hier in die Beratung. Wir haben alle verschiedene Rollen. Jede Person hat eine häusliche Rolle, eine Rolle im Berufsleben usw. Zwischen diesen Rollen kann es große Unterschiede geben.

Gibt es Unterschiede zwischen ländlichem und urbanem Raum?

Die meisten Betroffenen kommen aus dem urbanen Raum. Es gibt sicherlich verschiedene Gründe dafür. Ich glaube, im ländlichen Raum funktioniert das soziale Leben anders. Es spielt sicherlich auch eine Rolle, wie schnell die Polizei da sein kann. Entscheidend kann auch sein, ob Betroffene überhaupt die Polizei dazu ziehen möchten. Im Dorf wird das sicherlich schnell ein Gesprächsthema, wenn die Polizei kommt, um einen Streit zu schlichten. Das scheuen dann viele eher.

Daher ist es in den Interventionsstellen tatsächlich so, dass wir den meisten Zulauf aus den Städten beziehen. Aber natürlich findet häusliche Gewalt genauso im ländlichen Raum statt. Für uns bedeutet das dann eben auch, dass wir Beratungen nicht nur in der Stadt anbieten, sondern zur Beratung auch rausfahren.

Was ist Ihre Empfehlung an Betroffene?

Ich möchte allen Betroffenen sagen: Thematisiert es. Sucht euch Unterstützung. Gewalt ist nicht normal. Sprecht mit eurem Umfeld. Meistens bekommt man dann Unterstützung aus Ecken, die man vorher nicht erwartet hätte. Wie zum Beispiel, dass Nachbarn versichern, dass sie die Polizei anrufen werden, sobald sie etwas hören oder dass sie Unterkunft anbieten. Wir haben ein gutes Gewaltschutzgesetz. Das ist ein gutes Mittel, um Ruhe und Sicherheit zu bieten.

Die Fragen stellte Vesile Özcan.

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Quelle: MDR/kb

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