Interview Waldsterben im Harz hat (noch) keine Auswirkungen auf Tourismus

Der Harz steht für üppige Wälder – doch viele tote Bäume stören das Bild. Schilder an Wanderwegen warnen sogar vor umstürzenden Bäumen. Schuld sind neben Schädlingen auch Stürme und Dürren. In Schierke ist die Lage besonders prekär. Ein Gespräch mit dem Oberbürgermeister von Wernigerode, Peter Gaffert.

Oberbürgermeister von Wernigerode Peter Gaffert.
Der Oberbürgermeister von Wernigerode, Peter Gaffert, ist besorgt um den Wald im Harz. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

MDR SACHSEN-ANHALT: Wie schlimm ist die Situation hier im Harz?

Peter Gaffert: Es ist immer eine Frage der Betrachtung. Es ist natürlich ein komplett verändertes Waldbild, das die Menschen hier zu Gesicht bekommen. Das Entsetzen bei vielen ist zunächst erstmal groß, weil sie die Zusammenhänge nicht kennen, weil sie das nicht einordnen können. Wir sind nun mal die Region mit den meisten Touristen hier im Land, wo jedes Jahr Hunderttausende kommen. Und da ist natürlich die Bestürzung groß und die Menschen fragen sich, was ist hier eigentlich passiert? Insofern kann man auf der einen Seite sagen, es ist schlimm, auf der anderen Seite sind es natürliche Prozesse und denen können wir uns nicht ohne Weiteres widersetzen.

Warum gibt es so viele tote Bäume im Harz?

Die Hitze und Trockenheit der vergangenen Sommer 2018 und 2019 hat dem Wald zugesetzt. Hinzu kam der Sturm Friederike im Januar 2018 und die Schäden durch den Borkenkäfer.

Welche Auswirkungen hat die Situation Ihrer Meinung nach auf den Tourismus?

Im Moment ist es überhaupt noch nicht spürbar. Wir hoffen natürlich, dass es so bleibt. Allerdings ist diese Situation, wie wir sie aktuell vorfinden ehrlicherweise erst im letzten Jahr eingetreten – also das Jahr 2018 mit der Trockenheit und den hohen Temperaturen und das Jahr 2019, ebenfalls extrem trocken mit wenigen Niederschlägen.

Im Winter gab es hier oben sehr viel Schnee, allerdings im Frühjahr wenig Regen und extrem hohe Temperaturen im Sommer. Das hat diesem Wald extrem zugesetzt. Das sieht man ganz deutlich. Und dann ist da ja noch die Kombination mit dem Borkenkäfer. Menschen reagieren verstört, wenn sie das hier sehen. Deshalb muss man schauen, wie man das kommuniziert und wie es mit der Wiederbewaldung weitergeht.

Wird ihrer Meinung nach genug getan für den Wald?

Oberbürgermeister von Wernigerode Peter Gaffert mit Isabell Hartung
Peter Gaffert mit MDR-Reporterin Isabell Hartung inmitten toter Bäume Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Zunächst hat man natürlich viel zu tun mit dem Aufräumen, besonders im Hinblick auf die Verkehrssicherungspflicht. Die toten Bäume müssen von den Verkehrswegen weg. Da haben die Waldarbeiter und Förster extreme Arbeit gehabt, alle Achtung dafür, was sie da geleistet haben. Wir brauchen aus meiner Sicht dringend und schnellstmöglich ein Programm für die Wiederbewaldung hier im unmittelbaren Umfeld des Ortes Schierke. Denn hierher kommen ja sehr, sehr viele Touristen und wir haben hier riesige Kahlschläge und wir wissen, die Wiederbewaldung dauert.

Man kann das natürlich auch unter anderen Aspekten sehen. Man kann sagen, in den Hochlagen des Nationalparks kann man es der natürlichen Dynamik überlassen und der Wald regeneriert sich. Es ist dann lediglich eine Frage der Zeit. Aber es dauert. Und wir wollen natürlich auch im nächsten Jahr wieder viele Gäste hier haben. Und wenn man in den Harz fährt, dann will man insbesondere hierher, um Wald zu haben.

Was bedeutet es dann für die Zukunft?

Also entweder man setzt auf die natürliche Dynamik des Waldes und sagt, die Wildnis regeneriert sich selbst. Das dauert erstmal. Aber dann kommen zuerst die Pionierbaumarten, wie die Birke und Eberesche. Und irgendwann kommen auch andere Baumarten.

Oder man geht den anderen Weg und das ist hier sicher angeraten, dass man schnellstmöglich ein Aufforstungsprogramm startet. Die Baumarten sind aber in der heutigen Zeit schwer zu definieren. Wir sind bislang in der Vergangenheit davon ausgegangen, dass insbesondere die Buche und der Ahorn widerstandsfähiger sind.

Allerdings hat uns die Realität hier Lügen gestraft. Wenn man ins Vorland schaut, dann sind dort auch die Buchen wegen der Trockenheit abgestorben. Also ich glaube, mittelfristig werden wir eine völlige Veränderung unseres Waldbildes erleben und das ist eine emotionale Frage, die die Menschen bewegt und ich glaube, man muss hier eine große Kampagne starten, die auch von der Politik mitgetragen werden muss, um die Menschen mitzunehmen, die hier leben und den Tourismus zu erhalten.

Waldfläche mit geschädigten Bäumen.
Besonders deutlich wird das Ausmaß des Waldsterbens von oben: Alles, was nicht grün ist, ist tot. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Sie waren früher Leiter des Nationalparks, was haben Sie hier früher gepflanzt?

Damals war die Strategie des Nationalparks, dass man in diese Fichten-Monokulturen Initiale schafft. Also auf kleinerer Fläche Laubbäume pflanzen, wie die Buche oder den Ahorn, um diese monostrukturierte Waldfläche zu durchbrechen. Denn gleichaltrige Baumbestände gleicher Baumart sind anfällig gegen ein einziges Insekt. Aber ein Baum ist wie ein kleines Kind, es braucht Zeit zum Wachsen. Das Anpflanzen war vor 25 Jahren und jetzt sind die Bäume mannshoch.

Welche Auswirkungen hat es auf die Kommunalfinanzen?

Wir als Stadt Wernigerode sind auch Eigentümer einer recht großen Waldfläche – etwa 2.000 Hektar. Die Schäden sind ja auch an uns nicht vorbeigegangen. Wir haben extreme Verluste in den Fichtenwäldern, die zum Teil abgeerntet werden müssen. Hinzu kommt, dass der Holzpreis am Boden ist. Da geht es aber allen so – den privaten Waldbesitzern, dem Staat und der Stadt Wernigerode.

Und wir haben im Moment Kosten, die gerade so durch die Erlöse gedeckt werden, zum Beispiel beim Thema Verkehrssicherheit. Wir haben einige hunderttausend Euro bereitstellen müssen zusätzlich, um das aufzufangen. Und das Ende ist noch nicht absehbar. Für die, die vom Wald leben müssen, ist es wirtschaftlich eine kleine Katastrophe. Es dauert zudem viele Jahre, bis man aus diesem Loch wieder rauskommt. Denn der Wald ist nun mal ein Prozess und keine Landwirtschaft, in der man im Frühjahr etwas pflanzt und im Herbst erntet.

Das Interview führte Isabell Hartung.

Quelle: MDR/pat

Dieses Thema im Programm: FAKT IST! | 07. Oktober 2019 | 22:05 Uhr

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