Wanderung mit einem Nationalpark-Ranger Zurück zur Wildnis: Die Verwandlung des Waldes im Harz

Maria Hendrischke
Bildrechte: MDR/Jörn Rettig

Der Wald im Harz stirbt – und der Nationalpark sieht tatenlos zu. So wirkt es auf Besucher. Was passiert, wenn man der Natur freien Lauf lässt: Beim Rundgang erklärt ein Ranger, welchen Plan der Nationalpark für den Wald hat. Teil 4 der Serie über Waldschäden in Sachsen-Anhalt.

Nationalpark-Ranger Harald Papies führt eine Gruppe durch den Wald im Harz.
Nationalpark-Ranger Harald Papies (Mitte) erklärt bei einem Rundgang, was mit dem Wald im Harz passiert. Bildrechte: MDR/Maria Hendrischke

Schierke im Harz, ein Dienstagvormittag im Juli. Cafés und Restaurants haben noch geschlossen, Menschen sind nur wenige zu sehen. Außer vor der Tourist-Info. Auf der schattigen Terrasse neben dem rotbraunen Holzhaus haben sich etwa 20 Personen aller Altersklassen versammelt. Sie wollen an einer Wanderung teilnehmen, die von einem Ranger des Nationalparks geführt wird. Es soll um den Wald im Harz gehen. Denn dieser sieht an vielen Stellen im Park besorgniserregend tot aus.   

Die Wanderer sind überpünktlich, offenbar ehrlich am Thema der Tour interessiert. Punkt 10 Uhr geht es schließlich los. "Mit dem Glockenschlag", sagt Harald Papies – Sonnenbrille, Schirmmütze, Schnauzer – der sich als Ranger vorstellt.

Harzbesucher machen sich Sorgen um den Wald

Der Nationalpark Harz bietet die Führung "Wald im Wandel" erst seit diesem Jahr an. Der Grund: Touristen haben die Mitarbeiter in den Nationalpark-Zentren oder die Ranger häufig auf die kahlen Bäume angesprochen. "Der Grundtenor war: 'Oh Gott, warum sieht der Wald so schrecklich aus?'", erzählt Papies. Einige seien aber auch ausfällig geworden und hätten den Rangern vorgeworfen, dass sie ihre Arbeit nicht ordentlich machten. "Dadurch haben wir gesehen: Es gibt Informationsbedarf." Neben der Führung informiert der Nationalpark auch mit einem Video und Flyern.  

Wie sich der Wald im Harz verändert

Führung durch den Nationalpark Harz.
Wo einmal Fichten standen, blüht nun lila Fingerhut: Borkenkäfer haben sich in den vergangenen Jahren an vielen Stellen im Harz verbreitet. Um wirtschaftlich genutzte Wälder zu schützen, werden die toten Bäume an den Rändern des Nationalparks entfernt. Sonst werden sie als Nährstofflieferant liegen gelassen. Bildrechte: MDR/Maria Hendrischke
Führung durch den Nationalpark Harz.
Wo einmal Fichten standen, blüht nun lila Fingerhut: Borkenkäfer haben sich in den vergangenen Jahren an vielen Stellen im Harz verbreitet. Um wirtschaftlich genutzte Wälder zu schützen, werden die toten Bäume an den Rändern des Nationalparks entfernt. Sonst werden sie als Nährstofflieferant liegen gelassen. Bildrechte: MDR/Maria Hendrischke
Ein Fichtenwald im Harz.
Fichtenwälder haben ihren Charme. Dort, wo sie im Harz von Natur aus vorkommen – ab 700 Metern Höhe – sollen sie auch weiterhin zusammen mit Laubbäumen stehen. Ab 800 Metern Höhe übernehmen die Nadelbäume den Wald ganz. Laubbäume wachsen dort nicht mehr. Bildrechte: MDR/Maria Hendrischke
Naturbelassener Wald im Nationalpark Harz.
Anders als bei gepflanzten Fichten-Monokulturen kommen in einem naturbelassenen Wald Bäume jeden Alters vor, so wie hier im Bild bereits zu erkennen. Auch tote Bäume gehören zu einem eher chaotisch wirkenden naturbelassenen Wald dazu. Bildrechte: MDR/Maria Hendrischke
Ranger Harald Papies im Nationalpark Harz.
Ranger Harald Papies arbeitet seit 22 Jahren im Nationalpark Harz.

Quelle: MDR/mh
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Schon am Vormittag ist es in der Sonne fast unerträglich heiß. Am Ortsrand von Schierke beginnt direkt der Wald. Zum Glück, denn dort ist es deutlich kühler, den Schatten spendenden Bäumen sei Dank. Papies legt den ersten Stopp ein. Er erzählt, wie der ursprüngliche Buchenwald des Harzes für den Bergbau abgeholzt wurde. Anschließend sei zwar überall wieder aufgeforstet worden, aber mit Fichten, die schnell wachsen und zudem gutes Bauholz liefern. Von Natur aus kommt diese Baumart im Harz jedoch erst ab 700 Metern Höhe vor. Und fast 60 Prozent des Nationalpark-Areals liegen unter dieser Höhe.

Borkenkäfer hat sich über die Fichten hergemacht

Die Gänge des Borkenkäfers auf einem Ast.
Auf dem Ast sind die Borkenkäfer-Gänge zu erkennen. Bildrechte: MDR/Maria Hendrischke

Es ist der Anblick der Fichtenwälder, der Harz-Touristen Sorgen macht: Denn diese sind großflächig geschädigt. Grau-braune, staksige Stämme statt dichter, grüner Nadelwald. Dort hat Borkenkäfer zugeschlagen. Der sei immer mal wieder durch den Harz gezogen – aber so stark und schnell wie in den vergangenen Jahren habe sich der Käfer nie ausbreiten können, sagt Papies, der seit 22 Jahren im Nationalpark arbeitet.

Baumschäden nach Stürmen und die anhaltende Trockenheit haben die Verbreitung des Borkenkäfers begünstigt. Hinzu kommt noch ein Faktor, den der Mensch zu verantworten hat: Die Fichten im Harz sind alle gleich alt, weil sie angepflanzt wurden. In einem natürlichen Wald würden nicht alle Bäume gleich alt sein, sagt Papies. Der Borkenkäfer gehe nur in schwache – ältere – Fichten und in überhaupt keine andere Baumart. Die alten, reinen Fichtenbestände sind also buchstäblich ein gefundenes Fressen, während der Käfer in einem naturbelassenen Mischwald keinen so flächendeckenden Schaden anrichten könnte.

Abgestorbene Bäume 1 min
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Do 18.07.2019 15:34Uhr 00:48 min

https://www.mdr.de/sachsen-anhalt/magdeburg/video-320446.html

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Video

Natur einfach Natur sein lassen

Was tut der Nationalpark gegen den Borkenkäfer? Nichts, sagt Papies. Also, fast nicht. An Straßen werden betroffene Bäume, die umfallen könnten, zur Sicherheit gefällt. Ebenso werden sie an den Grenzen des Nationalparks entfernt, damit der Borkenkäfer nicht auf die benachbarten, wirtschaftlich genutzten Forste übergreift. Papies zeigt das an einer etwa 500 Meter breiten, freigeräumten Schneise, auf der einst Fichten standen. Nun blüht dort lila Fingerhut.

Zeit spielt im Wald im Nationalpark keine Rolle.

Harald Papies, Ranger im Nationalpark Harz
Eine Schutzschneise zwischen Nationalpark und wirtschaftlich genutztem Wald bei Schierke.
Wirtschaftlicher Forst, Schneise, abgestorbene Fichten: Nur am Rand des Nationalparks werden Bäume, in denen der Borkenkäfer war, entfernt. Bildrechte: MDR/Maria Hendrischke

Ein paar Meter höher liegen die toten, trockenen Stämme noch im Wald. Es ist nicht geplant, sie wegzuräumen: Dort bleibe es der Natur und den darauf spezialisierten Arten überlassen, die Zersetzung der Bäume an Ort und Stelle zu übernehmen, erklärt Papies. Viele Lebewesen nutzen das tote Holz als Nahrungsquelle. "Wie lang dauert es, bis die Stämme ganz verrottet sind?", erkundigt sich eine Frau. Papies zuckt mit den Schultern. "Das kommt drauf an. Wenn das Holz feucht ist, geht es schneller." Er schmunzelt, bevor er weiterredet. "Es dauert so lange, wie es dauert. Zeit spielt im Wald im Nationalpark keine Rolle."

Grundsteinlegung für den Wald-Neubau

Umzäunte Fläche im Nationalpark Harz, auf der Buchen gepflanzt wurden.
Unscheinbarer Grundstein: In diesem umzäunten Feld wachsen kleine Laubbäume geschützt auf. Bildrechte: MDR/Maria Hendrischke

Wo ehemals Fichtenwald stand, zeigt Papies der Wandergruppe eine holzumzäunte Fläche. Das unscheinbare Rechteck ist gewissermaßen ein Grundstein für einen Wald-Neubau im Harz. Dort wachsen Laubbäume, die noch ganz klein sind: Buchen, Birken, Ebereschen. Die Buchen sind von Nationalpark-Mitarbeitern gepflanzt worden. Denn weit und breit steht keine Buche, die sich von selbst vermehren könnte. Der Holzzaun schützt die jungen Bäume vor hungrigem Wild. "Leider hat der Wolf den Harz bisher links liegen lassen", sagt Papies. Als natürlicher Jäger wäre er hier eigentlich äußerst willkommen.

80 Prozent aller Bäume im Nationalpark Harz sind Nadelbäume – vorrangig Fichten. Wenn es nach der Nationalpark-Verwaltung geht, soll sich das grundlegend ändern: Nadelbäume sollen nur noch 32 Prozent ausmachen. Die übrigen zwei Drittel sollen Laubbäume sein. Vor allem Buchen, die vor der wirtschaftlichen Rodung den Harz dominiert haben.

Während der fichtenvernichtende Borkenkäfer in wirtschaftlich genutzten Forsten eine Katastrophe sein kann, wird er im Nationalpark Harz eher als Abrisshelfer betrachtet. Er schafft Platz für den geplanten Mischwald.  

Waldentwicklung im Harz

In nur zehn Jahren hat sich der Wald auf dem Meineberg nach dem Borkenkäfer wieder erholt.

Der Wald auf dem Meineberg bei Ilsenburg 2008
Bildrechte: Marzel Drube
Der Wald auf dem Meineberg bei Ilsenburg 2008
Bildrechte: Marzel Drube
Der Wald auf dem Meineberg bei Ilsenburg 2018
Bildrechte: Mandy Gebara
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Trockenheit macht es den Bäumen schwer

Die anhaltende Trockenheit erschwert den Waldumbau im Nationalpark. Denn sie mache den Bäumen zu schaffen, auch den jungen, erklärt Papies. Die neu gesetzten Bäume könnten durch das Wetter eingehen. "Ein Förster meinte in einem Interview, seinetwegen könnte es ab jetzt bis Dezember durchregnen. Ich würde mich da anschließen", so der Ranger. Wobei zu viel Regen natürlich auch wieder schlecht für den Wald wäre, ergänzt er.

Die Wandergruppe hört den Erklärungen des Rangers aufmerksam zu. Und sie fragen nach: Auch zwischen den Stopps der Führung wird Papies stets um noch mehr Details gebeten. "Also haben wir im Harz jahrhundertelang die falschen Bäume gepflanzt – und jetzt machen wir es richtig?", will zum Beispiel eine junge Frau wissen. "Zumindest richtiger", antwortet Papies. Zwar orientiere man sich an dem ursprünglichen Buchenwald, der den Harz bis ins Mittelalter bedeckt habe. Doch dieser echte Urwald sei unwiederbringlich verloren, stellt Papies klar. Beim "Nachbau" handele es sich lediglich um einen sogenannten naturbelassenen Wald, nicht aber um einen wirklich natürlich entstandenen Wald.

Natur-Baustelle im Harz braucht viel Zeit

Möglicherweise werde der neu entstehende Wald im Harz nicht wie der vor etwa 500 Jahren vor allem aus Buchen bestehen, sondern sich ganz anders zusammensetzen, sagt Papies. Überhaupt: "'Fertig' ist ein naturbelassener Wald nie." Stattdessen sollte sich so ein Wald immer wieder von selbst wandeln.

Was wir jetzt für den Wald im Harz machen, ist für die Generationen nach uns.

Harald Papies, Ranger im Nationalpark Harz

Wann genau statt toter Fichten wieder flächendeckend grüne Laubbäume den Harz prägen werden, sei überhaupt nicht abzuschätzen, sagt Papies. Das verdeutlichen einige vor 20 Jahren gepflanzte Buchen, die im Vergleich zu den abgestorbenen Fichten im Hintergrund immer noch eher klein sind – und nur einen winzigen Teil des Harzwalds ausmachen. Klar ist aber: "Was wir jetzt für den Wald im Harz machen, ist weniger für uns, sondern viel mehr für die Generationen nach uns."

Junge Buchen vor abgestorbenen Fichten im Nationalpark Harz.
Erster Schritt zurück zur Natur: Etwa 20 Jahre alte Buchen vor abgestorbenen Fichten-Beständen. Bildrechte: MDR/Maria Hendrischke
Maria Hendrischke
Bildrechte: MDR/Jörn Rettig

Über die Autorin Maria Hendrischke arbeitet seit Mai 2017 als Online-Redakteurin für MDR SACHSEN-ANHALT - in Halle und in Magdeburg. Ihre Schwerpunkte sind Nachrichten aus dem Süden Sachsen-Anhalts, Politik sowie Erklärstücke und Datenprojekte. Ihre erste Station in Sachsen-Anhalt war Magdeburg, wo sie ihren Journalistik-Bachelor machte. Darauf folgten Auslandssemester in Auckland und Lissabon sowie ein Masterstudium der Kommunikationsforschung mit Schwerpunkt Politik in Erfurt und Austin, Texas. Nach einem Volontariat in einer Online-Redaktion in Berlin ging es schließlich zurück nach Sachsen-Anhalt, dieses Mal aber in die Landeshauptstadt der Herzen – nach Halle. Ihr Lieblingsort in Sachsen-Anhalt sind die Klausberge an der Saale. Aber der Harz ist auch ein Traum, findet sie.

Quelle: MDR/hm

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT – Das Radio wie wir | 28. Juli 2019 | 12:00 Uhr

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5 Kommentare

29.07.2019 22:03 HauRuck 5

Bitte schaut Euch im letzten Fichtennutzwald die Harvesterspuren alle 20 Meter an, dazu die angelegten Waldautobahnen und Wendestellen mit Splitt, wie z.Bsp. oberhalb von Schierke und unterhalb des Barenberg, das ist reiner Nutzwald, für immer und ewig durch den Landesforst kaputtgefahren und da sehe ich mir wirklich lieber die grauen Baumleichen an. Das Schlimmste ist, das diese Fichten gar keiner haben will, der Preis sinkt ins Bodenlose, da wäre es wirkliche ratsam, hier lieber nichts mehr zu machen, von der Produktion von Mücken in den Pfützen der Fahrspuren möchte ich gar nicht reden, der Mensch hat hier jegliches Gespür im Umgang mit dem Boden und dem Wald verloren, dazu kommt, das die Wasserspeicherfähigkeit des Waldes verloren geht, in Schierke werden aktuell die Wasserabflüsse vergrößert, warum wohl?

29.07.2019 16:57 Sachse43 4

Wenn man dort von Tourismus lebt, kann keiner so dämlich sein, diese Grundlage aufzugeben, nur weil grüne Förster jetzt gar nicht mehr arbeiten wollen.

29.07.2019 14:51 Emil 3

Was sagen denn eigentlich die Schierker dazu, daß der Wald so konsequent umgebaut wird ? Manche haben investiert, um Gäste zu beherbergen und jetzt bleiben diese aus. Die Leute haben nicht Jahre Zeit, bis der Wald wieder nachgewachsen ist.

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