Streitgespräch zwischen Bauernpräsident und Umweltbundesamt "Wir schmeißen doch nicht unnötig Dünger auf die Felder"

Landwirte und Bundespolitik liegen im Streit. Viele Bauern haben Existenzangst wegen der geplanten Düngemittelverordnung. In einem Streitgespräch reden der Präsident des Bauerverbandes Sachsen-Anhalt, Olaf Feuerborn, und die Vizepräsidentin des Umweltbundesamts, Franziska Kersten, über Vorwürfe und Lösungen.

Olaf Feuerborn und Franziska Kersten
Olaf Feuerborn und Franziska Kersten haben sich dem Doppelinterview gestellt. Bildrechte: MDR,dpa | Collage: Max Schörm

Die Landwirte protestieren deutschlandweit gegen die Agrarpolitik der Bundesregierung. Vor allem stört sie die geplante Düngemittelverordnung. Von Existenzangst ist gar die Rede. Eine Teilschuld geben die Landwirte dem Umweltbundesamt in Dessau. Denn das hat die Verordnung mitentwickelt.

MDR SACHSEN-ANHALT: Frau Kersten, der Ton auf Seiten der Landwirte ist rau. Können Sie die Wut der Bauern verstehen?

Franziska Kersten: Ich kann die Wut verstehen, aber es ist nicht angemessen, uns dafür verantwortlich zu machen, weil wir tatsächlich eine Behörde sind, die wissenschaftlich arbeitet und die nicht die Politik vorgibt.

Die Bauern sagen: Das Umweltbundesamt, das sind die, die quasi der Bundesregierung diese "verrückten Ideen" mit neuen Düngemittelverordnungen in den Kopf setzen. Also sie stehen schon mittelbar am Pranger.

Kersten: Wir haben vor dem Europäischen Gerichtshof einen Prozess verloren und sind darauf hingewiesen worden, dass wir praktisch ein Nitrat-Problem im Grundwasser haben. Wir sind darauf hingewiesen worden, dass wir das über die Düngeverordnung ändern müssen und dass wir da mehr oder weniger gar keine Handlungsmöglichkeit haben. Und das ist nichts, was das Umweltbundesamt gemacht hat, sondern ergibt sich tatsächlich aus der EU-Richtlinie.

Herr Feuerborn, sind Sie mit solchen Antworten zufrieden?

Olaf Feuerborn: Ich bin nicht ganz glücklich mit der Situation, die wir bezüglich der Düngeverordnung haben. Was wir grundsätzlich anprangern, ist – das haben wir aber vielleicht schon in den Neunzigerjahren verpasst als Berufsstand – wir haben Regionen in Deutschland, wo wir sicherlich ein größeres Problem haben. Aber das kann man doch nicht über ganz Deutschland einheitlich legen.

Olaf Feuerborn
Bildrechte: dpa

Wir haben uns aber in den letzten 25 oder 30 Jahren auch enorm mit technischem Know-how entwickelt.

Olaf Feuerborn, Bauernpräsident

Wenn man uns heute sagt, beispielgebend für uns ist Dänemark. Da muss man ganz klar sagen, Dänemark ist ein kleines Land, hat sehr viele Niederschläge, hat eine hohe Tierproduktion gehabt und hat dann seine Düngung entsprechend reduziert. Da war dann auch relativ kurzfristig im Grundwasserträger festzustellen, dass man dort Effekte erzielt hat. Und wir bezweifeln ganz einfach, dass wir flächenmäßig in Deutschland, wenn wir so über die Düngeverordnung einheitlich verhaftet werden, diese Effekte überhaupt erzielen werden.

Gerade hier in Sachsen Anhalt, wo wir ein Trockengebiet sind, wo wir wenig natürlichen Niederschlag haben, wo wir eigentlich die Sünden von vor 30 Jahren teilweise heute im Grundwasser wiederfinden.

Wir haben uns aber in den letzten 25 oder 30 Jahren auch enorm mit technischem Know-how entwickelt, sodass wir eigentlich der Meinung sind, dass wir nicht das große Problem haben, als Landwirtschaft etwas falsch zu machen. Wir müssen stattdessen einen Weg finden, wie wir mit dem, was wir an Erkenntnissen haben, mit dem, was wir an technischem Know-how einsetzen, dort auch positiv gesehen zu werden als Problemlöser. Und da sehen wir uns im Moment einheitlich verhaftet.

Ist denn die Landwirtschaft verantwortlich für den hohen Nitratgehalt im Boden oder im Grundwasser?

Kersten: Die Landwirtschaft hat einen erheblichen Anteil an der Nitratbelastung. Sie ist aber nicht allein dafür verantwortlich.

Welche Folgen hätte es, die Verordnung nicht umzusetzen?

Kersten: Die Probleme sind, dass möglicherweise durch die Lage im Trockengebiet mehr oder weniger eine Verdünnung nicht stattfindet. Und, dass wir auch eine langwierige Problematik bekommen. Dass das, was wir jetzt düngen, wirklich erst in vielen Jahren im Grundwasser ankommt. Das müssen wir uns nochmal anders anschauen.

Und da sehe ich es auch als eine sinnvolle Alternative, dass wir eine Binnendifferenzierung der Gebiete zulassen. Und dass wird natürlich den einzelnen Ländern aufgeben, ihre Messstellen anzuschauen, um da wirklich eine Repräsentativität der Messungen zu gewährleisten.

Die Messstellen wurden mehrfach kritisiert. Es seien zu wenige. Es würde zu oberflächlich, zu pauschal gemessen. Arbeiten Sie da wirklich wissenschaftlich zu schlecht?

Kersten: Wir sind nicht dafür verantwortlich. Wir sind praktisch nur die, die Daten der Länder zusammen sammeln. Es ist so, dass wir verschiedene Messnetze haben. Und die Tendenz ist in allen Messnetzen gleich. Also wir können nicht sagen, dass wir, wenn wir mehr Messstellen hätten, das Problem wegmessen könnten.

Frau im Interview mit Antonia Kaloff
Bildrechte: MDR/Hartmut Bösener

Wir müssen davon ausgehen, dass eine andere Ursache mehr oder weniger dazu führt, dass die Nitratwerte so hoch sind.

Franziska Kersten, Vizepräsident Umweltbundesamt

Wir müssen also davon ausgehen, dass eine andere Ursache mehr oder weniger dazu führt, dass die Nitratwerte so hoch sind. Mehr Messstellen helfen uns nicht, den Nitratwert runterzubringen.

Nun sagen viele Landwirte und Bauernvertreter, Dünger sei für sie extrem wichtig. Sie hätten schwere Jahre zu überstehen gehabt durch Trockenperioden, durch Ernteausfälle, durch Viehfutter, dasvernichtet wurde und durch die Hitze. Ist denn Dünger tatsächlich notwendig für die Landwirtschaft?

Feuerborn: Dünger ist ein unheimlich – vor allem Nitrat – wichtiger Ertragsfaktor für uns. Ohne Nitrat wächst nichts. Also wir brauchen Nitrat schon, um unsere Erträge entsprechend stabilisieren zu können.

Man muss natürlich sagen, wenn ich jetzt die letzten drei Jahre nehme, wo wir weniger geerntet haben auf Grund von Trockenheit: Dann sind wir doch als Landwirte nicht hingegangen und haben unnötig Dünger drauf geschmissen, weil war gehofft haben, dass wir damit noch mehr ernten. Nein, der kostet ja auch Geld, der Dünger, den wir da drauf werfen.

Sondern wir haben schon entsprechend der Witterung geguckt, welchen Ertrag können wir dieses Jahr erwarten? Und dann haben wir dementsprechend auch unsere Düngermenge angepasst. Wir haben versucht, uns darauf einzustellen. Das kann man nicht immer grundsätzlich über einen Kamm brechen.

Wir sind immer von der Natur oder mit der Natur. Wir leben davon, und wir müssen die Natur mit einbauen in unsere Überlegungen. Und dann gibt es immer wieder die dollsten Dinge, die wir dort auch erleben. Deswegen wird es immer spannend bleiben, wie man damit umgeht. Aber ich denke, wir sind auf einem guten Weg, und wir haben unsere Landwirtschaft unheimlich nach vorne entwickelt.

Das Verhältnis zwischen Politik bzw. der Bundesbehörde und den Bauern ist ziemlich ramponiert. Wie kann man dieses Verhältnis wieder glätten?

Kersten: Also ich gehe davon aus, dass wir dafür sehr viel reden müssen. Wir müssen also tatsächlich überlegen, was für eine Landwirtschaft wollen wir in Zukunft haben?

Wir müssen da praktisch alle Bevölkerungsgruppen mit einbeziehen. Wir können also nicht nur alleine mit den Landwirten reden. Wir müssen auch mit den Leuten reden, die sich als Naturschützer bezeichnen und mit Leuten, die aus dem städtischen Bereich kommen, die mit der Landwirtschaft direkt wenig Kontakt haben.

Alle müssen eigentlich mehr Geld aufwenden, um gute Lebensmittel zu erwerben. Und wenn das Geld dann bei den Landwirten ankommt, ist es auch wieder gerechtfertigt, da die Anforderungen dementsprechend zu erhöhen.

Ist das nur ein Kommunikationsproblem, Herr Feuerborn?

Feuerborn: Es ist größtenteils ein Kommunikationsproblem. Aber es ist ja so: Wir haben als erstes die Aufgabe, Nahrungsmittel in ausreichender Menge zur Verfügung zu stellen, um unsere Bevölkerung auch in Notzeiten ernähren zu können. Wenn man nur mal das Jahr 2018 nimmt. Da war Deutschland Nettoimporteur von Getreide, vom Brot-Getreide, weil wir einfach nicht genug hatten.

Bei dem Verbrauch, den wir heute an Nahrungsmitteln in Kilokalorien in der Summe zu uns nehmen, da müsste unsere Ackerfläche schon doppelt so groß sein, wie wir sie in Deutschland heute haben. Das heißt also, wir importieren heute schon fast 54 Prozent unserer Nahrungsmittel, die wir tagtäglich zu uns nehmen. Das sagt eine Studie aus dem Umweltbundesamt.

Also das können wir nicht von der Hand wischen. Wir können natürlich sagen, wir können in Deutschland die Insel der Glückseligen werden. Dann müssen wir als Bauern entsprechend entschädigt werden. Dann legen wir unsere Füße hoch, dann tun wir nichts mehr. Aber das kann nicht Ziel und kann auch nicht der Sinn dieser ganzen Dinge sein, sondern wir wollen als Landwirte nach wie vor Nahrungsmittel produzieren für den heimischen Markt.

Und dafür wollen wir auch entsprechend bezahlt werden. Wir wollen keine Subventionsempfänger sein, das wollen wir überhaupt gar nicht. Sondern wir wollen von dem, was wir mit unserer Hände Arbeit tun, richtig entlohnt werden.

Menschen stehen bei einer Demo auf einer Asphaltfläche. Im Vordergrund ist rot-weißes Absprerrband gespannt.
In Dessau-Roßlau waren am Donnerstag etwa 500 Landwirte vor das Umweltbundesamt gezogen. Bildrechte: MDR/André Damm

Frau Kersten, Sie hatten ein Gesprächsangebot unterbreitet und gesagt, man könne im Umweltbundesamt mal darüber reden. Dass mal die Karten auf den Tisch gelegt werden. Was ist daraus geworden?

Kersten: Wir haben das heute angeboten, aber sie haben alle gesagt, dass es heute nicht der passende Rahmen ist, sondern wir schieben diesen Termin in die nächsten Wochen. Sie möchten gern, dass der Präsident Professor Messner (Anm. der Redaktion: Präsident des Umweltbundesamtes) dabei ist, weil der als Nachhaltigkeitsexperte sicherlich auch noch ein paar kluge Ideen dazugeben kann. So sind wir auseinander gegangen.

Wir wollen ja auch im Prinzip mit den Landwirten darüber reden, was für eine Perspektive wir praktisch aufzeigen können. Und das wäre für uns Anliegen, da mit allen Leuten erst mal ins Gespräch zu kommen und vielleicht auch Missverständnisse aufzuklären. Es wird auch viel falsch dargestellt. Da würden wir gerne mal ein paar Sachen klarstellen.

Herr Feuerborn, ist die Düngeverordnung unter Dach und Fach oder kann man da tatsächlich noch nachbessern?

Feuerborn: Also es ist laut Gesetzgeber unter Dach und Fach. Wir werden nicht mehr viel daran ändern können. Wir haben aber jetzt noch ein bisschen Zeit, ein halbes Jahr ungefähr, um eine Binnendifferenzierung aller Länder entsprechend auf den Weg zu bringen. Und wir hoffen, dass wir auf dem Weg auch noch die eine oder andere Möglichkeit haben, etwas nachzubessern – auch hier im Land.

In Sachsen-Anhalt haben wir ja schon eine Binnendifferenzierung gemacht und haben einen Großteil der roten Gebiete schon runterdifferenzieren können.

Rote Gebiete

Mit Nitrat belastete Gebiete gelten als sogenannte rote Gebiete. Der neue Entwurf der Düngeverordnung sieht vor, dass Landwirte, die über einem belasteten Grundwasserleiter Landwirtschaft betreiben, ihre Düngung um 20 Prozent reduzieren sollen.

Nur hoffen wir, dass wir da vielleicht auch noch einmal die Möglichkeit haben, Korrekturen herbeizuführen. Ob das aber in einem halben Jahr geht, weiß ich nicht. Wir hoffen es.

Das Gespräch führte André Damm.

Quelle: MDR/ff

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT - Das Radio wie wir | 05. März 2020 | 13:00 Uhr

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