Gaming Wie Pokémon GO in Halle Menschen zusammenbringt

MMA-Studentin Britta Zwigart
Bildrechte: Julia Rufle

Es klingt wie aus einer anderen Zeit. Im Sommer 2016 kommt Pokémon GO für Smartphones auf den Markt – ein Spiel, das nicht nur junge Spielende anzieht. Wie das Handy-Spiel in Halle immer noch viele begeistert und bunt gemischte Gruppen zusammenbringt – zumindest bis das Coronavirus vorerst das Ausgehen und Treffen vieler Menschen erschwert hat. Ein Gastbeitrag.

Pokémon-Go-Gruppenadmins Lukas und Markus als Avatare
Die Pokémon-GO-Avatare der Studierenden Lukas und Markus (v.l.) – die beiden sind zwei der Administratoren des Telegram-Kanals @raidshalle. Bildrechte: Britta Zwigart

Anmerkung der Redaktion: Bitte halten Sie auch beim Spielen von Pokémon Go die Vorsorgeregeln während der Corona-Krise ein. Die Stadt Halle empfiehlt: "Bitte verlassen Sie das Haus nur noch für dringende Angelegenheiten. Aufenthalte im Freien sind nur allein oder zu zweit oder für Menschen aus demselben Haushalt möglich." Bleiben Sie also zu Hause, treffen Sie sich nicht in Gruppen, halten Sie zwei Meter Abstand zu anderen Menschen. Dieser Artikel ist im Rahmen der Zusammenarbeit mit einem Studiengang der Universität Halle entstanden. Zum Zeitpunkt des Entstehens des Artikels hatte die Corona-Krise das öffentliche Leben und gemeinsame Spielen noch nicht verhindert.

An einem Freitagabend im Februar bildet sich eine Gruppe von Menschen um das Händeldenkmal auf dem Marktplatz in Halle – zwei junge Pärchen, einige Studierende, mehrere Männer zwischen 20 und 30 Jahren – fast zehn Leute. Trotz niedriger Temperaturen warten sie dort, bis sich alle eingefunden haben. Eine junge Familie – Vater, Mutter und Kind – stößt dazu: "Mein Kind braucht noch ein Turtok", sagt die Mutter. Aber auch beide Eltern haben das Smartphone gezückt.

Ein Turtok. Was für Uneingeweihte wie ein Versprecher klingen mag, bezeichnet ein sogenanntes Pokémon. Pokémons sind so etwas wie virtuelle Haustiere – Fantasie-Wesen, die man fangen, sammeln, trainieren und tauschen kann. Und die bunt gemischte Gruppe von Menschen trifft sich nicht etwa auf dem Markt in Halle, um das Antlitz des Barock-Komponisten zu bewundern. Sie sind gekommen, um auf die Jagd nach genau diesen Wesen zu gehen.

Ein Pikachu vor dem Händel-Denkmal in Halle im Spiel Pokémon GO
Pikachu und Händel Bildrechte: Sören Engels

Wie sich die Spielenden vernetzen


Die Gruppe trifft sich nicht zufällig, aber kennen tun sich die meisten auch nicht: Sie haben ihr Treffen über den Online-Messenger-Dienst Telegram verabredet. Dort gibt es einen Kanal für Pokémon-GO-Spielerinnen mit verschiedenen Gesprächsgruppen.

Die beiden Studenten Markus und Lukas sind zwei von 13 Administratoren, die den Telegram-Kanal @raidshalle betreiben. Markus hat den Kanal im Sommer 2017 gegründet. Auch heute zählt er noch mehr als 1.700 Mitglieder. "Ich kann mich noch ganz genau daran erinnern – das war an einem Morgen vor der UniC. Anschließend sei er zu vielen Raids gegangen und habe jedem davon erzählt. "Dadurch habe ich auch recht schnell den Spitznamen 'Telegram-Mann' bekommen", erinnert sich Markus. Seine Mühe lohnt sich – schon nach einem Tag zählt der Kanal mehr als 100 Mitglieder, etwas mehr als einen Monat später sind es 700.

Das sind Raids

Bei Raids treffen sich Spielerinnen und Spieler in Gruppen, um gemeinsam ein seltenes und besonders starkes Pokémon zu besiegen und anschließend zu fangen.

Wer spielt Pokémon GO?

Hört diese Begeisterung irgendwann mal wieder auf? "Tatsächlich glaube ich, dass Pokémon GO seinen Zenit erreicht hat", vermutet Markus. "Die aktuelle Generation an Pokémon, die ins Spiel kommt, kam 2009 oder 2010 raus – dafür sind unsere Spieler einfach zu alt. Viele sind Kinder der 90er und spielen aus Nostalgie", ergänzt Lukas.

Aber nicht nur die Generationen, die Pokémon aus ihrer Kindheit kennen, gehen auf die Jagd: "Das ist ein ganz bunter Haufen – von fünf bis 75 Jahren ist wirklich alles dabei", sagt Markus. Er erzählt von einem ehemaligen Schuldirektor, der auch begeisterter Pokémon GO-Fan ist: "Der ist schon Mitte 70 und hat angefangen zu spielen, als er mit seinem Enkel im Urlaub war." Damit der Kleine nicht alleine spielen musste, habe sich der Großvater auch die App heruntergeladen und sei dann dabei geblieben. "Das ist oft so – die Jungen animieren die Alten", fasst Markus zusammen.

Eine Gruppe spielt Pokémon GO in Halle
Pokémon-GO-Gruppe am Hansering in Halle Bildrechte: Sven Götze

Lukas sieht große Vorteile in der Vernetzung über die Telegram-Gruppe: "Online spielt es keine Rolle, wie jemand aussieht oder ob er vielleicht schon 70 ist. Man lernt die Leute ohne ihre sozialen Hintergründe kennen." Erst, wenn man sich bei einem Raid trifft, schaue man sich um, wer denn die Person hinter dem Telegram-Account sei. Das führe dazu, dass bei den Treffen Menschen aus allen sozialen Schichten und mit ganz unterschiedlichen Hintergründen zusammenfinden. Zwischen ihnen sinke die Hemmschwelle, "wenn man vorher schon auf Telegram miteinander gesprochen hat."

Was ist der Reiz an Pokémon GO?

Lukas versucht zu erklären, woher die Euphorie für Pokémons kommt: "Fangen und Sammeln ist doch schon immer so ein Ding gewesen", meint er. "Das war auch in den 90ern so, als Pokémon zum ersten Mal erschienen ist", führt er weiter aus. Er könne sich auch noch erinnern, wie die Menschen in den Anfängen von Pokémon GO buchstäblich zu den Pokémons hingerannt seien, um dann später sagen zu können: "Ich habe meinen Pokédex voll".

Das ist ein Pokédex

Im Pokédex werden alle bisher gefangenen Pokémon erfasst. Er gibt einen Überblick darüber, was in der Sammlung noch fehlt.

"Bei mir ist das der Jagdinstinkt", sagt Markus mit einem Lächeln. Auch er erinnert sich zurück an die Anfänge und gerät dabei fast ins Schwelgen: "Anfangs hat Pokémon GO noch hauptsächlich auf der Peißnitz stattgefunden. Da hat man sich abends um 19 Uhr getroffen und hat teilweise bis 5 Uhr Pokémon gefangen".

Ein Pokémon-Nest im Bergzoo

Laut Lukas hat Pokémon GO oft einen schlechten Ruf: "Wir laufen aber nicht nur rum, schauen auf unsere Handys und behindern Leute." Die Weinbergwiesen, der Schlosspark Dieskau oder auch der Stadtpark seien durch die vielen Pokémon-Fängerinnen wieder mehr besucht.

Außerdem gebe es eine Gruppe von Spielenden, die daran arbeite, das System der App in Halle zu erweitern, indem sie neue Pokéstops und Arenen an die Entwickler sende. "Dadurch geht man einfach mit offenen Augen durch die Stadt und sucht Orte, die als Pokéstops in Frage kommen." Dafür müsse man sich auch über die einzelnen Standorte informieren und erfahre viel über die Stadt Halle. 

Das sind Pokéstops und Arenen

Pokéstops sind Orte, die auf einer Karte markiert sind und an denen man wichtige Gegenstände fürs Spiel erhalten kann.

Arenen sind meist bekanntere Orte oder größere Gebäude, die auf einer Karte markiert sind und an denen beispielsweise Raid-Kämpfe stattfinden.

Als es im letzten Jahr für einige Zeit ein Sichlor-Nest im Bergzoo gab, pilgerten viele Spieler in den Tierpark, um das begehrte Käfer-Pokémon zu ergattern. Sogenannte Nester sind Orte, an denen für eine bestimmte Zeit ein Pokémon vermehrt auftaucht. Über den Telegram-Kanal konnte man davon erfahren und Markus konnte sogar einen Rabatt mit dem Zoo aushandeln. Auch mit einem Kino in Neustadt gab es schon eine Kooperation.

Große Pläne für 2020

Mehrere Menschen spielen Pokémon GO auf dem Marktplatz in Halle
Als das Coronavirus noch nicht das Treffen vieler Menschen so erschwert hatte: Pokémon GO begeistert in Halle nicht nur junge Menschen. (Archiv) Bildrechte: Mark Danilov

Für 2020 haben Halles Pokémon-Fans aber viel größere Pläne: Sie haben sich mit einem Video für das Niantic-Live-Event beworben – eine Veranstaltung, bei der viele tausende Menschen gemeinsam eine Stadt erkunden und mehrere Tage lang auf die Jagd nach Pokémons gehen. Im vergangenen Jahr haben solche Feste beispielsweise in Yokohama, Chicago und Dortmund stattgefunden. Obwohl Halle nicht ganz in diese Größenordnung passt, haben die Hallenser ihr Glück versucht. 

Als Markus davon erzählt, dass Halle vielleicht doch Chancen hätte, hakt Lukas nach: "Glaubst du da wirklich dran?" Er klingt ungläubig. "Nicht wirklich, aber wer weiß", erwidert Markus. Eine kleine Hoffnung sieht man ihm jedenfalls an.

MMA-Studentin Britta Zwigart
Bildrechte: Julia Rufle

Über die Autorin Britta Zwigart ist 27 Jahre alt und studiert seit Herbst 2019 MultiMedia und Autorschaft an der Uni Halle. Davor studierte sie Anglistik und Linguistik in Stuttgart. Am neuen Journalismus-Studiengang gefällt ihr vor allem die praktische Arbeit und der Austausch mit Kommilitoninnen aus vielen verschiedenen Fachrichtungen.

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Quelle: MDR/mh

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