Radfahren in der Stadt Halle und das Fahrrad: eigentlich perfekte Partner

Frauke Rummler ist Studentin des Studiengangs Multimedia und Autorschaft an der Martin-Luther-Universität in Halle.
Bildrechte: Frauke Rummler

Grüne Parks, abwechslungsreiche Strecken und nahe Ziele: Halle hat gute Voraussetzungen zum Radfahren – dennoch geraten Radfahrende immer wieder in Gefahrensituationen. Initiativen und Vereine engagieren sich, um Fahrradwege besser und sicherer zu machen. Ein Gastbeitrag.

Ein Radweg auf einer Straße
Eine gute Infrastruktur ist entscheidend dafür, dass viele Menschen in einer Stadt mit dem Rad fahren. Bildrechte: Frauke Rummler

  • Verkehrsplanerisches Umdenken und eine stärkere Bedeutung des Radverkehrs können in Halle einen wichtigen Beitrag zur Entlastung von Klima und Umwelt leisten. Auch die Lebensqualität der Menschen in der Stadt kann dadurch erhöht werden.
  • Die Initiative Critical Mass versucht durch Veranstaltungen, bei denen Radfahrende in Verbänden fahren, auf die Belange und Rechte von unmotorisierten Verkehrsteilnehmenden gegenüber dem Autoverkehr aufmerksam zu machen.
  • Marco Gergele hat mit der Internetplattform Halle Verkehr(t) angefangen, sich für mehr politische Aufmerksamkeit einzusetzen, um die Planung und die Erschließung des Radverkehrsnetzes in der Stadt Halle voranzubringen.

Die Stadt Halle ist auf den ersten Blick ideal zum Radfahren: kurze Strecken, geringe Höhenunterschiede, viel Grün. Schaut man jedoch etwas genauer hin, wird schnell klar, dass das Radwegenetz in Halle nicht immer besonders fahrradfreundlich ist. Schlechte Radwege, rutschiges Kopfsteinpflaster, Straßenbahngleise, abbiegende Autos und viel Verkehr bringen Radfahrerinnen und Radfahrer in gefährliche Situationen. Immer wieder ereignen sich schwere Unfälle. So gab es allein im Jahr 2018 im Stadtgebiet Halle 292 Unfälle mit Fahrradfahrern, teilte das Statistische Bundesamt mit.

Ich selbst lebe seit etwa einem Jahr in Halle und versuche als begeisterte Radfahrerin, so viele Wege wie möglich mit dem Rad zu erledigen. Einerseits, weil fast alles in Halle gut mit dem Fahrrad zu erreichen ist. Andererseits müssen wir als Gesellschaft unser Verkehrsverhalten überdenken, um beim Klima- und Umweltschutz voranzukommen. Denn der Straßenverkehr ist laut Umweltbundesamt für knapp 19 Prozent des Treibhausgas-Ausstoßes verantwortlich.

Radfahren in Halle: Gefährliches Abbiegen

Autos, Straßenbahn und keine Radwegeführung: Das Abbiegen von der Bernburger Straße in den Mühlweg in der Nördlichen Innenstadt ist eng und gefährlich. Eine Alltagssituation.

Fahrradfahren in Halle: Ein Radfahrer biegt von der Bernburger Straße links in den Mühlweg ab.
Robert möchte an der Ampel aus der Bernburger Straße kommend nach links in den Mühlweg abbiegen. Bildrechte: Frauke Rummler
Fahrradfahren in Halle: Ein Radfahrer biegt von der Bernburger Straße links in den Mühlweg ab.
Robert möchte an der Ampel aus der Bernburger Straße kommend nach links in den Mühlweg abbiegen. Bildrechte: Frauke Rummler
Fahrradfahren in Halle: Ein Radfahrer biegt von der Bernburger Straße links in den Mühlweg ab.
Er fährt vor und muss aufpassen, mit dem Rad nicht in die Schienen zu geraten. Bildrechte: Frauke Rummler
Fahrradfahren in Halle: Ein Radfahrer biegt von der Bernburger Straße links in den Mühlweg ab.
Vorgefahren, muss er auf die ihm entgegenkommende Straßenbahn warten. Rechts an ihm fahren Autos vorbei. Es ist sehr eng. Bildrechte: Frauke Rummler
Fahrradfahren in Halle: Ein Radfahrer biegt von der Bernburger Straße links in den Mühlweg ab.
Es wird noch enger. Robert muss immer noch warten. Bildrechte: Frauke Rummler
Fahrradfahren in Halle: Ein Radfahrer biegt von der Bernburger Straße links in den Mühlweg ab.
Jetzt kann er abbiegen, muss dabei auf ihm entgegenkommende Autos, Radfahrer und Fußgänger sowie auf die Schienen achten. Bildrechte: Frauke Rummler
Fahrradfahren in Halle: Ein Radfahrer biegt von der Bernburger Straße links in den Mühlweg ab.
Auf dem Mühlweg angekommen, verengt sich Straße zwischen Bordstein und Schiene. Auch hier ist extreme Vorsicht geboten. Bildrechte: Frauke Rummler
Alle (6) Bilder anzeigen

Pkws in Deutschland und Halle: Daten und Fakten

Jedes Jahr werden von Pkws in Deutschland mehr als 115 Millionen Tonnen CO2 , sowie Feinstaub, Stickoxide und andere schädliche Gase in die Luft gepustet. Zusätzlich beanspruchen Pkws viel Platz und verursachen Lärm.

Am 1. Januar 2020 erreichte die Anzahl der in Deutschland gemeldeten Pkws mit rund 47,7 Millionen Fahrzeugen den bisher höchsten Wert. Die Anzahl der gemeldeten Pkws in Halle lag Ende des Jahres 2019 bei rund 95.000. Das heißt, auf jeden zweiten Hallenser über 18 Jahren kommt rein rechnerisch ein Auto. Die Tendenz der letzten Jahre: steigend.

Um herauszufinden, wie und wo sich Menschen in Halle für Radwege und bessere Verkehrskonzepte einsetzen, habe ich die Initiative Critical Mass begleitet und mich mit Marco Gergele, dem Gründer des Projektes Halle Verkehr(t), getroffen. Sie alle haben das Ziel, die Stadt fahrradfreundlicher zu machen.

Demonstrieren auf dem Fahrrad: Critical Mass

Einmal im Monat fahren Radfahrerinnen und Radfahrer zusammen durch die Stadt. Ich konnte die etwa 80 Fahrradaktivisten der Initiative Critical Mass bei einer Protestfahrt durch Halle begleiten und beobachten, wie sie mit Musik und geschmückten Rädern auf ihre Anliegen aufmerksam machen.

Fahrradfahrer der Initiative Critical Mass fahren gemeinsam in Halle.
Die Initiative Critical Mass fordert: Mehr Platz für alle Verkehrsteilnehmenden. Bildrechte: MDR/Frauke Rummler

Sie haben ein Ziel: unmotorisiert, das heißt auch ohne Auto, Motorrad und so weiter, als Verkehrsteilnehmende ernst genommen zu werden. Deswegen fahren sie unter dem Motto: "Ihr seid der Stau. Wir sind der Verkehr". Mit den Aktionen will die Bewegung die Politik dazu bringen, mehr Platz für alle Verkehrsteilnehmenden zu schaffen, Tempolimits einzuführen und das Radfahren so sicherer zu gestalten.

Die Initiative Critical Mass ist eine weltweite Bewegung. Radfahrer und Radfahrerinnen treffen sich dabei regelmäßig zu gemeinsamen Fahrten durch die Innenstädte. Dabei wollen sie auf ihre Rechte gegenüber dem Autoverkehr aufmerksam machen, heißt es auf der Webseite der Initiative. Es gehe nicht darum, den Verkehr absichtlich zu stören, sondern mit ihren Protesten die Stadt fahrrad-, lauf- und lebensfreundlicher zu gestalten.

In Halle finden die Critical Mass-Fahrten immer am ersten Freitag im Monat statt und starten um 18:00 Uhr am August-Bebel-Platz. Der nächste Termin ist der 3. April 2020.

Dokumentieren von Gefahrenstellen: Halle Verkehr(t)

Eine weitere Initiative, die sich für den Radverkehr in Halle einsetzt, ist Halle Verkehr(t). Halle Verkehr(t) ist eine lokale Internetplattform, auf der Gefahrenstellen für Radfahrende dokumentiert, Beiträge verfasst und Ziele festgehalten werden können.

Wie funktioniert das Portal Halle Verkehr(t)?

Auf der Internetplattform Halle Verkehr(t) können Aktionen geplant und verschiedene Themen diskutiert werden. Außerdem bietet eine interaktive Karte die Möglichkeit Gefahrenstellen oder Orte mit schwieriger Verkehrsführung einzutragen. Damit soll der Ausbau von Radwegen geförderte werden. Außerdem können Falschparker gemeldet werden. Halle Verkehr(t) arbeite mit dem ADFC Regionalverband Halle zusammen, einem Verein, der sich ebenfalls seit vielen Jahren an der Verkehrspolitik in und um Halle beteiligt.

Marco Gergele hat die Initiative 2017 gegründet, um auf den Radverkehr und ein besseres Radverkehrsnetz aufmerksam zu machen – und manchmal auch mehr Platz und Sicherheit für den Fuß- und Radverkehr einzuklagen.Denn ein städteplanerischer Ansatz beim Thema Radverkehrsnetz fehle, so Gergele. Vieles könne schon mit wenig Aufwand fahrradfreundlicher geplant werden. Nicht immer müsse umgebaut werden.

Marco Gergele, Gründer der Internetplattform Halle Verkehr(t)
Der Hallenser Marco Gergele hat die Internetplattform Halle Verkehr(t) gegründet. Bildrechte: MDR/Frauke Rummler

Das Problem sei vor allem, dass es keine für Radfahrende ausgebauten Nord-Süd- und Ost-West-Achse durch die Stadt gebe. Auch der Bahnhof, als einer der Hauptknotenpunkte der Stadt, sei durch fehlende Radwege mit dem Fahrrad nur schwer zu passieren.

Für den Hallenser Gergele war das Thema Verkehrswende auch schon vor der Gründung der Initiative wichtig. Er habe bereits in den 1990er Jahren beschlossen, autofrei zu leben. In dieser Zeit hatte Mitteldeutschland, wie er erzählt, einen regelrechten "Autoschock" erlebt.

Ein weiterer wichtiger Punkt seines Engagements ist die Mitarbeit am "Runden Tisch Radverkehr" der Stadt. Bei dem städtisch organisierten Gremium beraten Verantwortliche der Verwaltung der Stadt, Bürgerinnen und Bürger, Fahrradaktivistinnen und Fahrradaktivisten, Vereine und die Polizei darüber, wie man den Radverkehr verbessern kann.

"An sich ist die Idee sehr gut", erzählt Gergele. Es sei anfangs allerdings eine sehr eingefahrene Situation gewesen. "Es waren sehr harte Fronten." Radfahrer hätten berichtet, was notwendig sei und die Stadt habe erst einmal immer nein gesagt. Verärgert habe Gergele damals vor allem die Art des Umgangs und das fehlende Verständnis für die Wichtigkeit eines funktionierenden und sicheren Radverkehrsnetzes. Das habe ihn motiviert, die Internetplattform aufzubauen. "Ok, Fotoapparat raus, schöne Texte geschrieben und dann einfach diese Seite aufzusetzen", so Gergele. Heute, so sagt er, habe sich der Tonfall, aber auch die Zusammenarbeit deutlich verbessert.

Stadt Halle: Konzepte für den Radverkehr

Im Gespräch mit Gergele wird mir klar, dass Radfahrende in der Verkehrsplanung noch immer weniger berücksichtigt werden als Auto- und Öffentlicher Nahverkehr – obwohl in den letzten Jahrzehnten durchaus einiges passiert ist.

So wurde bereits 1994 die Arbeitsgemeinschaft Rad, die später dann zum Runden Tisch Radverkehr wurde, eingerichtet. Seit 1997 gibt es einen städtischen Radverkehrsbeauftragten. Außerdem konnte die Länge der Radwege von 1995 bis 2018 nahezu verdreifacht werden, so die Stadt. Halle hat ein Radverkehrskonzept entwickelt, in dem Ideen und Pläne festgehalten werden, um die Stadt fahrradfreundlicher zu machen.

"Das Fahrrad und Halle sind eigentlich perfekte Partner", erzählt mir Marco Gergele. Und ich kann dem nur zustimmen.

Weitere Initiativen und Aktionen in Halle

Runder Tisch Radverkehr: Offenes Gremium, in dem über Möglichkeiten der Verbesserung der Radverkehrsbedingungen in der Stadt Halle beraten wird.
Nächster Treff: April oder Mai 2020, der Termin wird noch bekannt gegeben.

AG Rad des ADFC Regionalverband Halle: Der Verein engagiert sich zum Thema Verkehrspolitik.
Nächster Treff: Immer am vierten Mittwoch im Monat; 19:30 Uhr; Reformhaus Halle.

LuWu frei(t)räumen: Auf das Thema Verkehrswende soll mit einem bunten Straßenfest hingewiesen werden.
Termin: 20. März 2020, 15:00-18:00 Uhr, Ludwig-Wucherer-Straße.

Frauke Rummler ist Studentin des Studiengangs Multimedia und Autorschaft an der Martin-Luther-Universität in Halle.
Bildrechte: Frauke Rummler

Über die Autorin Frauke Rummler, 25 Jahre alt, studiert seit Oktober 2019 Multimedia und Autorschaft an der Universität in Halle. Aufgewachsen in Berlin hat es sie zunächst erst einmal nach Leipzig verschlagen, wo sie im Bachelor Romanische Studien studierte. Sie begeistert sich vor allem für Sprache und Literatur, sowie für Menschen und ihre Geschichten.

Am Journalismus gefällt ihr die Vielfältigkeit, sowie die Möglichkeit eigene Interessen mit anderen teilen zu können.

Quelle: MDR/mp

404 Not Found

Not Found

The requested URL /api/v1/talk/includes/html/fa53780b-02bb-4640-af10-d0886c6d1dd9 was not found on this server.

Mehr aus dem Raum Halle und Leipzig

Mehr aus Sachsen-Anhalt