#WirVsVirus Hackathon Sachsen-Anhalter gegen das Virus

Ein großer Mann mit Locken und Brille steht vor einer Betonwand.
Bildrechte: MDR/Viktoria Schackow

Ungewöhnliche Zeiten verlangen ungewöhnliche Lösungen. Was brauchen die Menschen, was braucht das Land in der Corona-Krise jetzt? Diesen großen Fragen haben sich am vergangenen Wochenende 40.000 Menschen im Internet gestellt und Lösungen entworfen. Eine solch große virtuelle Zusammenarbeit gab es weltweit noch nie. Und auch Menschen aus Sachsen-Anhalt haben sich daran beteiligt.

Zwei junge Männer sitzen vor einem Computer
Unter den 40.000 Menschen, die sich am Hackathon der Bundesregierung beteiligt haben, waren auch Sachsen-Anhalter. Bildrechte: MDR/PRpetuum GmbH

"Unglaublich", "beeindruckend", "extrem gut", "toll", "das pusht" oder "ein extremer Flow" – solche Bewertungen sind in diesen Tagen eher selten. Aber es gibt sie. Beim Hackathon #WirVsVirus am vergangenen Wochenende am 21. und 22. März. Alle Teilnehmer wirken nach wie vor euphorisiert: wie schnell Dinge in Deutschland bewegt werden können, wie einfach Menschen miteinander arbeiten können, wie unwichtig Alter, Geschlecht oder politische Ansichten sind.

Das Besondere am #WirVsVirus Hackathon: Er wurde innerhalb von wenigen Tagen auf die Beine gestellt, die Bundesregierung hat ihn kurzfristig unterstützt und er fand ausschließlich virtuell statt. Keines der mehr als 1500 Projekt-Teams konnte sich tatsächlich treffen. Insgesamt hatten sich mehr als 40.000 Menschen angemeldet: als Entwickler, als Mentoren oder als Paten. Damit war der Hackathon der größte, der jemals virtuell stattgefunden hat. Auch der Bundespräsident fand lobende Worte.

Was ist ein Hackathon?

Ein Hackathon – ein Mischwort aus "hacken" und "Marathon" – ist normalerweise eine Veranstaltung, bei der sich Entwickler von Soft- und Hardware treffen, um in kürzester Zeit ein oder mehrere Probleme zu lösen. Ein Hackathon bringt in der Regel Menschen aus unterschiedlichen Branchen und mit unterschiedlichen Erfahrungen zusammen. Meist dauert er 48 Stunden, während der die Teilnehmer oft nur wenig schlafen. Am Ende wollen die Teilnehmer bereits eine so weit wie möglich entwickelte Lösung haben: Das kann eine Software sein, eine Webseite, der Prototyp einer App oder eines Gerätes.

Eine Überführungs-App aus Halle

Davon angesprochen fühlen durften sich auch Sachsen-Anhalter. Sie haben an mehreren Projekten mitgearbeitet, die dabei helfen können, die Corona-Krise zu bewältigen. Zum Beispiel Stefanie Oeft-Geffarth. Sie wirkt noch Tage später am Telefon wie unter Strom: "Das war ein extremer Flow, in den zwei Tagen wollte man fast hyperaktiv durcharbeiten – das bringt Adrenalin und ein positives Gefühl in dieser Krise."

Oeft-Geffarth ist eigentlich Geschäftsführerin von Convela, einem Unternehmen aus Halle. Convela will, dass digitale Technologien auch in der Bestattungsbranche genutzt werden. Dafür betreibt das Unternehmen einen Online-Marktplatz rund um das Thema Bestattungen, vernetzt dort Privatmenschen und Bestatter. Bestattungsunternehmen können zum Beispiel eine App nutzen, mit der sich eine Trauerfeier organisieren lässt. Derzeit treibt Oeft-Geffarth die Sorge um, dass das Corona-Virus in Deutschland viele Tote fordert. "In Italien oder Spanien stapeln sich die Särge teilweise in den Kirchen. Eine dramatische Situation, die weitere gesundheitliche Risiken birgt." Ihre Idee: alle Beteiligten vernetzen. Denn auch der Tod ist ein Ereignis, an dem viele Menschen beteiligt sind.

Ihr Thema ist natürlich kein schönes, aber Oeft-Geffarths Idee ist: Wenn jemand in stirbt, sollen Angehörige, Pflegeeinrichtungen, Krankenhäuser, Bestatter, Überführungsdienste, Krematorien, Friedhofsverwaltung und auch Gesundheitsverwaltungen möglichst schnell Bescheid wissen. Und das geht eben besser mit digitaler Hilfe, mit einer Überführungs-App. In wenigen Tagen will Oeft-Geffarth eine erste App-Version entwickeln und sucht dafür dann Tester aus der Branchen.

Der Hackathon #WirVsVirus

Die 600 Mentoren des Hackathons haben die mehr als 1500 Projekte nach mehreren Kriterien bewertet: Welche Ideen sind wirklich neu, welche verbessern eine andere Idee und wie plausibel ist die technische Umsetzung. So werden mehr als 100 Projekte ausgewählt. Sie werden derzeit (bis Montagmittag 30.3.) von einer 40-köpfigen Jury bewertet, in der hochkarätige Vertreter der Wissenschaft, Wirtschaft, Technologie und Zivilgesellschaft vertreten sind.

Die Projekte, die diese Jury am besten bewertet, werden am Montag (30.3.) bekannt gegeben. Sie sollen eine öffentliche Förderung bekommen. Den Hackathon hatten sieben Organisationen initiiert, die Schirmherrschaft hatte Kanzleramtschef Helge Braun. Auf YouTube präsentieren sich alle Projekte mit einem kurzen Video.

Stefanie Oeft-Geffarth sagt, die deutschlandweite Zusammenarbeit hat sie total beeindruckt.

Mich freut dieses Prinzip Hoffnung. Im negativen Moment das Positive zu empfinden. Insofern pusht diese Krise die Digitalisierung in Deutschland.

Stefanie Oeft-Geffarth, Teilnehmerin des Hackathons

Sie sagt aber auch, dass es wichtig sei, den Aktionismus, den Spirit dieser Tage zu erhalten. Und egal, ob ihre Idee am Ende gewinnt: Sie will daran auf jeden Fall weiter daran arbeiten.

Eindrücke Hackathon WirvsVirus

Ein Logo
Mehr als 27.000 Menschen haben am vergangenen Wochenende bei #WirVsVirus teilgenommen und an 1500 ganz konkreten Lösungen in der Corona-Krise gearbeitet. Darunter natürlich auch Sachsen-Anhalter. Am Montag entscheidet sich, welche Projekte eine Förderung bekommen. Bildrechte: MDR/Marcel Roth
Ein Logo
Mehr als 27.000 Menschen haben am vergangenen Wochenende bei #WirVsVirus teilgenommen und an 1500 ganz konkreten Lösungen in der Corona-Krise gearbeitet. Darunter natürlich auch Sachsen-Anhalter. Am Montag entscheidet sich, welche Projekte eine Förderung bekommen. Bildrechte: MDR/Marcel Roth
Ein Mann im Anzug
Raik Pechfelder, 40 Jahre, Systemadministrator aus Schkopau. Er war Mentor und hat das Initialdokument „Crashkurs Datenschutz“ für alle Teilnehmer des Hackathons erstellt und stand für alle Teams zur Verfügung: Er hat zum Beispiel Fragen beantwortet, wie sich Teams am besten organisieren können, welche IT-Werkzeuge sinnvoll und welche Datenschutzregel wichtig sind. „Das war eine einzigartige Teamleistung und eine super Organisation.“ Bildrechte: MDR/Raik Pechfelder
Stefanie Oeft-Geffarth, 43 Jahre, Chefin von Convela aus Halle. Sie und ihr Team waren in mehreren Teams engagiert. Besonders am Herz liegt ihr die „Überführungs-App“, mit der Krankenhäuser, Krematorien, Bestatter und andere besser mit einer Vielzahl von Toten umgehen können. Bildrechte: MDR/Stefanie Öfft-Geffarth
Ein junger Mann schaut in die Kamera
Konstantin Litzenberg, BWL-Student aus Blankenburg hat in einem Projekt mit 70 Leuten mitgeholfen, das innerhalb von zwei Tagen die Internetseite https://www.kmuvscorona.de/ veröffentlicht hat und dort alle Informationen für kleine Unternehmen, Selbständige und Künstler sammelt: Ideen, Hilfsmittel und Finanzierungsquellen. Bildrechte: MDR/Konstantin Litzenberg
Ein Mann im Anzug
Hannes Norbert Göring, 22 Jahre, aus Naumburg, dualer Student der Wirtschaftsinformatik bei der Telekom AG. Er war Mentor bei Karmakurier, hat u. a. das Projekt strukturiert und die virtuellen Treffen organisiert. Bildrechte: MDR/Hannes Norbert Göring
Zwei junge Männer sitzen vor einem Computer
Robert Gühne und Chris Walter aus Halle haben gerade ihre Firma wirewire gegründet. Dort entwickeln sie einen smarten Medikamentenspender. Bildrechte: MDR/PRpetuum GmbH
Verschiedene Bildschirme, in denen gezeigt wird, wie die Oberfläche der App aussieht
Im Hackathon haben sie mit 20 anderen die App „Pandoa“ entworfen. Sie informiert den Nutzer, wenn er Kontakt zu einem infizierten Menschen hatte. Bildrechte: MDR/Marcel Roth
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Der Karmakurier aus Naumburg

Sachsen-Anhalter haben auch an anderen Projekten mitgearbeitet: Blankenburger, die bei einer Internetseite geholfen haben, auf der sich Selbständige, kleine Unternehmen und Künstler über staatliche Hilfe informieren können. Hallenser, die eine App entwickeln, die den Nutzern mitteilt, wenn sie Kontakt zu einem Infizierten hatten und so auch Gesundheitsämtern helfen kann. Oder der Naumburger Hannes Norbert Göring, der Karmakurier mit organisiert hat. Ein Dienst, der Hilfesuchende Helfende vermittelt – auch ohne Internet.

"Gerade ältere Menschen, die kein Internet haben, brauchen Hilfe. Die können dann bei Karmakurier anrufen", sagt Göring. Er ist 22 Jahre alt und dualer Student der Wirtschaftsinformatik. "Der Plan ist, dass uns Hilfesuchende anrufen und wir sie dann direkt mit Helfenden verbinden." So könnten Menschen für ihre älteren Nachbarn einkaufen. Das Ganze geht natürlich auch online. Zum Konzept gehören auch die "Karmapunkte". Sie sollen bei Unternehmen gegen Gutscheine, Dienstleistungen o. ä. eingetauscht werden können. Damit niemand auf seinen Kosten sitzen bleibt, falls jemand den Einkauf nicht bezahlt, soll es einen Fonds zur Absicherung geben. Karmakurier schätzt, dass in Deutschland 50 Helfende auf einen Hilfesuchenden kommen.

Wir waren an dem Wochenende 40 Menschen, die sich koordiniert haben. Und dabei war es völlig egal, wie alt jemand war oder ob er ausreichend Erfahrung hatte.

Hannes Norbert Göring, Teilnehmer des Hackathons

Auch Göring ist von der Zusammenarbeit und dem Engagement beim Hackathon begeistert. Jeder hätte jedem geholfen oder einen Kontakt vermittelt, der helfen konnte. "Unglaublich, wie wildfremde Menschen in so kurzer Zeit zueinander kamen und zusammengearbeitet haben!"
Nach dem Ende des Hackathons haben sich die Karmakurier-Macher mit dem Projekt "Corona Connect" zusammengetan, das an derselben Idee arbeitet.

"WirVsVirus war echt etwas Besonderes"

Uneitel und lösungsorientiert – so haben zehntausende Menschen in Deutschland zusammengearbeitet. Die Corona-Krise macht so etwas möglich. "Wenn nicht jetzt, wann dann", sagt Raik Pechfelder aus Schkopau. Er ist Systemadministrator bei Mercateo, einer Beschaffungsplattform für Geschäftskunden. "Natürlich haben wir in der Firma schon einmal einen Hackathon organisiert. Aber #WirVsVirus war echt etwas Besonderes." Niemand versuchte, sich zu profilieren, jeder hat jedem geholfen – egal ob jemand einen Doktor-Titel oder gar keinen Abschluss hat.

Pechfelder war Mentor beim Hackathon und hat bei etwa 15 Projekten geholfen. Ihm liegt vor allem der Datenschutz am Herzen. "Ich habe das Initialdokument 'Crashkurs Datenschutz' erstellt, das jedes Team nutzen konnte." An seinem freien Wochenende hat er so wohl mehr als acht Stunden gearbeitet. Das sei allerdings nichts gegen so manche Software-Entwickler, die vermutlich kaum geschlafen hätten. Sein Smartphone hatte er praktisch ständig in der Hand – und den erhobenen Zeigefinder seiner Frau und seiner Kinder vor Augen.

Der größte Hackathon der Welt

"Mir war wichtig, auch das Wissen einer IT-Abteilung einzubringen. Und ich arbeite ganz klar weiter an dem Projekt." Als Mentor versuche er Kontakte zu Sponsoren für das gesamte Projekt #WirVsVirus zu vermitteln. "Ich spreche gerade mit einem großen PC-Hersteller aus Halle." Für Pechfelder sind die entstandenen Projekte vor allem eines: eine Teamleistung, hinter der eine gute Organisation und ein wahnsinnig professioneller Umgang stecke.

Mich hat auch beeindruckt, wie viele kleine Probleme mit Digitalisierung gelöst werden können – oder zumindest verbessert.

Raik Pechfelder war als Mentor beim Hackathon dabei

Auch wenn Pechfelder natürlich keine Lieblingsprojekte hat, weist er auf CoronaVZ hin – ein Verzeichnis, mit dem sich jeder einen Überblick über alle Lösungen rund um die Krise verschaffen kann und in der jeder nach einer Lösung für sein Problem suchen kann. "Außerdem ist Museum@home ein tolles Projekt. Dort können Museen und Künstler digitale Ausstellungen anlegen."

Zehntausende Menschen, IT-erfahrene, Anwälte, Marketingfachleute und Experten aus vielen Branchen – sie alle haben virtuell die Köpfe zusammengesteckt und den #WirVsVirus Hackathon zum größten Hackathon der Welt gemacht. Und womöglich lassen sich damit auch die größten Probleme der Krise lösen. Vielleicht auch mit Ideen aus Sachsen-Anhalt.

Ein großer Mann mit Locken und Brille steht vor einer Betonwand.
Bildrechte: MDR/Viktoria Schackow

Über den Autor Marcel Roth arbeitet seit 2008 als Redakteur und Reporter bei "MDR SACHSEN-ANHALT – Das Radio wie wir". Nach seinem Abitur hat der gebürtige Magdeburger Zivildienst im Behindertenwohnheim gemacht, in Bochum studiert, in England unterrichtet und in München die Deutsche Journalistenschule absolviert. Anschließend arbeitete er für den Westdeutschen Rundfunk in Köln. Bei MDR SACHSEN-ANHALT berichtet er über Sprachassistenten und Virtual Reality, über Künstliche Intelligenz, Breitbandausbau, Fake News und IT-Angriffe. Außerdem ist er Gastgeber des MDR-SACHSEN-ANHALT-Podcasts "Digital leben".

Quelle: MDR/aso,ld

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