Der Wolf in Sachsen-Anhalt – Erfahrungen von Landwirten "Der Wolf hat seine Scheu vor dem Menschen verloren"

Luca Deutschländer
Bildrechte: MDR/Jörn Rettig

Sie sind diejenigen, denen der Wolf wohl am meisten zu schaffen macht: Tierhalter in Sachsen-Anhalt. Berichte über Nutztierrisse häufen sich, besonders auf Schafherden hat es der Wolf abgesehen. Für den Themenschwerpunkt zum Wolf hat MDR SACHSEN-ANHALT mit zwei Landwirten gesprochen, die Erfahrungen mit dem Wolf und gerissenen Tieren gemacht haben.

Die Ziegen von Jan de Vries

Der Sommer steht bevor – und die meisten Sachsen-Anhalter freuen sich darauf. Jan de Vries aber blickt mit Sorge auf die kommenden Monate. Nicht, dass er den Sommer nicht mögen würde. Nein, de Vries ist besorgt wegen seiner Ziegen. Mehrere Hundert hält er auf seinem Hof in Hagendorf bei Zerbst – in zwei offenen Ställen. Wenn es draußen warm wird, werden die Luftpolster an den Seitenwänden automatisch heruntergefahren. Und der Wolf hätte, so fürchtet de Vries, leichtes Spiel.

Bislang, erzählt er, sei glücklicherweise keine seiner Ziegen gerissen worden. Seine Stimme ist ruhig, wenn de Vries darüber spricht. Sie lässt aber eines vermuten: seine Befürchtung, dass das wohl nur noch eine Frage der Zeit zu sein scheint. Schon mehrfach hat der Niederländer darüber nachgedacht, ein Gitter vor den offenen Stall zu bauen. Das hätte aber gleich mehrere Nachteile: Reparaturen würden schwieriger und Vögel könnten nicht mehr ein- und ausfliegen und die Ziegen von nervigen Fliegen befreien – von den Kosten für die Gitter ganz zu schweigen.

Die Hoffnung, dass den Ziegen nichts geschieht

So bleibt es vorerst bei Hoffnungen. Bei seinen Schafen hat sich diese Hoffnung zuletzt allerdings nicht erfüllt: Vier Tiere wurden in den vergangenen gut eineinhalb Jahren gerissen. "Das sind zu viele", sagt de Vries. Die knapp 20 Schafe hält er zur Landschaftspflege auf dem Hof, finanziell also haben die Risse ihm keine Sorgen gebracht – wohl aber einen emotionalen Verlust. Vor allem vorigen Herbst, als einer seiner Mitarbeiter den Wolf auf frischer Tat ertappt hat. Morgens gegen 5.30 Uhr war das. Die Schafe, die seit dem ersten Wolfsriss jede Nacht in den Stall geholt werden, hatten in jener Nacht im September 2017 ausnahmsweise draußen gestanden. Als de Vries' Mitarbeiter am Morgen nach den Tieren schaute, entdeckte er ein Schaf tot auf der Wiese. Ein zweites Tier war gerade vom Wolf in die Kehle gebissen worden – auf dem Betriebsgelände, keine fünf Meter vom Ziegenstall entfernt. Der Mitarbeiter vertrieb den Wolf mit lauten Schreien.

Dass der Wolf ausgerechnet in dieser einen Nacht zugeschlagen hat, in der die Schafe draußen standen, macht für de Vries eines deutlich: "Er muss eigentlich jede Nacht hier vorbeiziehen." Und das, obwohl Hof und Wohnhaus dicht beieinander liegen und Hagendorf direkt nebenan ist. De Vries zieht daraus folgende Konsequenz: "Wenn der Mensch den Wolf schon sehen kann, sollte man Teile der Population zum Abschuss freigeben", meint er. Stattdessen würden "ewig lange Verfahren" geführt, um einen sogenannten verhaltensauffälligen Wolf zu belegen. Nur dann ist es erlaubt, einen Wolf zu schießen. So sieht es die Leitlinie Wolf des Landes vor. Jan de Vries kann das angesichts der jüngsten Entwicklungen nicht nachvollziehen. "Der Wolf hat seine Scheu verloren, weil er in dem Menschen keine Gefahr sieht und keine natürlichen Feinde mehr hat."

Sorgen vor einem "wahren Blutrausch"

Nach dem zweiten Riss eines Schafs hat de Vries vom Wolfskompetenzzentrum einen mobilen Schutzzaun bekommen. Der, sagt er, nütze ihm aber kaum. "Wir wandern nicht, die Schafe stehen auf einer Wiese." Der mobile Zaun werde außerdem schnell mal von einem Schaf oder Reh umgerannt. Nur: Ein fester Zaun werde bei ihm nicht bezuschusst, sagt de Vries. Der Zaun steht jetzt wenige Meter vom offenen Ziegenstall entfernt.

Die Sicherheit der Ziegen, deren Milch de Vries an eine Molkerei verkauft, bereitet dem Landwirt unterdessen weiter Kopfzerbrechen – zu Recht, sagt Jonas Döhring. Er ist ehrenamtlicher Wolfsbeauftragter der Jägerschaft Zerbst und prognostiziert, dass der Wolf in einen "wahren Blutrausch" verfallen würde, sollte er in einen der offenen Ställe von Jan de Vries eindringen. Die Ziegen würden in Panik verfallen – und der wirtschaftliche Schaden für den Landwirt wäre wohl immens, wenn nicht gar existenzbedrohend. Jan de Vries nickt zustimmend. Solange die Wolfspopulation weiter wächst, wird sich an seinem mulmigen Gefühl jeden Morgen wohl nichts ändern – besonders jetzt, da der Sommer bevorsteht.

Große Rotten beschädigen Ackerfläche Der Wolf bereitet vielen Landwirten in Sachsen-Anhalt Kopfzerbrechen – besonders natürlich denen, die Tiere halten. Aber auch Landwirte, die Ackerfläche bewirtschaften, haben zumindest indirekt ihre Probleme mit der Rückkehr des Wolfs: Um besser auf die Gefahr durch den Wolf zu reagieren, tut sich das Schwarzwild immer häufiger zu immer größeren Rotten zusammen. Die Folge: mitunter enorme Schäden auf Ackerflächen.

Die Schafe von Rainer Frischbier

Ortswechsel. In Pakendorf im Landkreis Anhalt-Bitterfeld strahlt die Sonne, es ist frühsommerlich warm. Am Zaun vor dem Wohnhaus von Rainer Frischbier und seiner Familie zeigen Schaf-Figuren auf dem Zaun, dass man hier richtig ist. Denn: Rainer Frischbier ist Schäfer. Seit 1991 schon, damals hat er sich selbstständig gemacht. Frischbier arbeitet seitdem, man kann das so sagen, 365 Tage im Jahr. Und manchmal auch rund um die Uhr. Der 48-Jährige ist Chef eines Ein-Mann-Betriebs. Da gehört das dazu, wie bei so vielen anderen Landwirten in Sachsen-Anhalt.

Etwa 1.000 Schafe hält Frischbier, aufgeteilt auf vier Herden. Im Stall bei Pakendorf sind die Mutterschafe und ihre Lämmer untergebracht. Wenn wie in diesen Tagen regelmäßig Lämmchen zur Welt kommen, weiß Rainer Frischbier, warum er seinen Job liebt. Wenn man den Mutterschafen zusieht, wie sie ihren Nachwuchs hegen und pflegen, wie das Lämmchen seine ersten Schritte macht, Muttermilch saugt – dann weiß man: Das sind die schönen Seiten des Berufs.

Irgendwann muss ich nun auch mal schlafen.

Schäfer Rainer Frischbier

Die anderen, schlimmen Seiten, die ahnt man, wenn Rainer Frischbier über jenen kühlen Morgen im Januar 2014 spricht. Da hat der Wolf das erste Mal bei ihm zugeschlagen. Vier Schafe waren tot. Ein paar Menschen aus dem Dorf hatten ihn damals angerufen, seine Schafen seien von der Weide ausgebrochen. Rainer Frischbier hat sich gewundert. "Eigentlich brechen die nicht aus dem Elektrozaun aus", sagt er. Als er auf der Weide ankam, waren kaum noch Schafe da. Viele waren in ihrer Panik vor dem Wolf geflüchtet – trotz des Zauns. Die Schafe, die der Wolf getötet hatte, lagen verteilt auf dem Acker. "Es sah aus, als würden sie schlafen", sagt Rainer Frischbier. Erst als er sie umgedreht habe, habe der die "Löcher im Hals" gesehen, erinnert sich der Züchter. Ein Kehlbiss – typisches Merkmal bei Wolfsangriffen. Ein paar Schafe haben er und der Tierarzt noch gerettet. Bei vier Tieren aber kam jede Hilfe zu spät. Sie alle waren hochtragend. Die Lämmer hat Frischbier bei den vier toten Schafen erst gar nicht mitgerechnet.

Die Sorge vor der großen Panik Eine der größten Sorgen von Rainer Frischbier: dass panische Schafe bei einem Wolfsangriff von der Weide ausbrechen und auf Straßen wie die B184 laufen. Was dann passiere, wolle er sich gar nicht ausmalen, sagt er. Die Angst vor genau so einem Fall hätten auch viele seiner Kollegen. "Darum kümmert sich bis heute kein Mensch, das interessiert niemanden", kritisiert er. Ein, zwei Schafe ließen sich bei einer vernünftigten Entschädigungszahlung ersetzen. Wenn aber eine Panik unter den Schafen ausbricht, kann das, so hört man aus Frischbiers Worten, schnell existenzbedrohend werden.

Zwei weitere Wolfsangriffe hat Rainer Frischbier danach erlebt. Im November 2016. Und dann, zwei Wochen später, im Dezember 2016. Zehn Schafe hat er insgesamt an den Wolf verloren. Die Schafe jede Nacht in den Stall zu stellen, wie das einige den Schäfern immer wieder zuraunen, ist keine Option. Die Wege wären zu weit, logistisch wäre das Tag für Tag nicht zu schaffen. "Du kannst nächtelang nicht schlafen, wachst schweißgebadet auf, weil du denkst, jetzt könnte der Wolf da sein", sagt Frischbier. "Du richtest dein Leben nur noch nach dem Wolf aus – und am Ende ist er trotzdem immer schneller." Es klingt ernüchternd, wenn Rainer Frischbier über die Gedanken spricht, die in den Tagen und Nächten nach einem Wolfsangriff in seinem Kopf kreisen. "Wenn der Wolf sagen würde: Sonntagabend um Acht bin ich da, dann könnte ich die Schafe ja schützen", sagt der Schäfer. "Aber er kommt ja dann, wenn ich einen schwachen Moment habe. Und irgendwann muss ich nun auch mal schlafen."

Den Wolf in die Schranken weisen

Der Mindestschutz, den Schäfer für ihre Herden bereithalten sollen und der vom Land gefördert werden kann, besteht aus 90 Zentimeter hohen Elektrozäunen. Das, sagt Frischbier, könne er gerade noch bewerkstelligen in seinem Ein-Mann-Betrieb. "Alles, was darüber hinausgeht, kann ich allein gar nicht leisten." Da brauche er noch drei zusätzliche Leute, sagt er. So ein Zaun will gewartet und gepflegt werden – und ist an so mancher Stelle auf unebenem Boden sowieso schon kaum oder gar nicht anzubringen. An einigen Stellen hat Rainer Frischbier trotzdem aufgestockt, dort stehen jetzt 106 Zentimeter hohe Zäune. "Standard darf das aber nicht werden."

Vom Land wünscht sich Frischbier mehr Sinn für die Realität. Vieles von dem, was bei Entschädigungen oder den Herdenschutz angeboten wird, gehe an der Realität vorbei. "Jeder Schäfer hat nun mal andere Bedingungen." Seine Arbeit hat sich stark verändert. Nach einem Riss etwa fällt jede Menge Papierkram an. Auch die Entschädigung selbst ist nach Meinung des Schäfers mitunter zu niedrig. Eine Zahlung pro Kilogramm, das könnte er sich vorstellen.

Rainer Frischbier ist so oder so der Meinung, dass Teile des Wolfs "entnommen" werden müssen. Der 100-prozentige Schutzstatus, den Wölfe aktuell haben, funktioniere auf Dauer nicht. Es gibt Menschen, die sagen, der Schutzstatus sei schon deshalb nicht mehr gerechtfertigt, weil in Sachsen-Anhalt inzwischen mindestens 80 Wölfe leben – und die Population nicht mehr gefährdet sei. Frischbier hat seine eigene Meinung dazu: "Es ist egal, ob wir viele oder wenig Wölfe haben. In dem Moment, in dem Wölfe Schutzzäune überwinden, muss gehandelt werden. Wenn ich mit dem Auto immer bei Rot über die Ampel fahre, werde ich auch irgendwann bestraft – egal, ob viele oder wenig Autofahrer unterwegs sind." Auch der Wolf müsse bestraft werden.

Dabei will er nicht den Eindruck erwecken, alle Wölfe schießen zu wollen. "Um Gottes Willen", sagt der Schäfer. Es müsse aber klar sein, dass es bestimmte Grenzen gibt. "Und wenn er sich an die nicht hält, dann muss er in die Schranken gewiesen werden."

Die Rückkehr des Wolfs nach Sachsen-Anhalt macht Schäfern wie Rainer Frischbier viele Sorgen. Sie zeigt die unschönen Seiten des Berufs – und bringt Erfahrungen, auf die sicher jeder Schäfer nur zu gern verzichtet hätte.

Im vierten Teil des Themenschwerpunkts Wolf wird MDR SACHSEN-ANHALT am Donnerstag über den Standpunkt des Naturschutzbundes NABU zum Wolf berichten.

Luca Deutschländer
Bildrechte: MDR/Jörn Rettig

Über den Autor Luca Deutschländer arbeitet seit Anfang 2016 bei MDR SACHSEN-ANHALT – meist in der Online-Redaktion, außerdem für den Hörfunk. Seine Schwerpunkte sind Themen aus Politik und Gesellschaft. Bevor er zu MDR SACHSEN-ANHALT kam, hat der gebürtige Hesse bei der Hessischen/Niedersächsischen Allgemeine in Kassel gearbeitet. Während des Journalistik-Studiums in Magdeburg Praktika bei dpa, Hessischem Rundfunk, Süddeutsche.de und dem Kindermagazin "Dein Spiegel". Seine Lieblingsorte in Sachsen-Anhalt sind das Schleinufer in Magdeburg und der Saaleradweg – besonders rund um Naumburg.

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Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT – Das Radio wie wir | 07.05.2018 | 11:40 Uhr

Quelle: MDR/ld

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9 Kommentare

10.05.2018 23:35 Axel 9

Und wieder trifft es immer nur die kleinen !!!
Tiere rein holen uns so nen Quatsch - Städter haben immer gut reden die keine Ahnung haben wie das ware (Land)Leben ist...

10.05.2018 22:48 Elke Mitweg 8

Rank Heinrich... dann ist einer der ehrenamtlichen Wolfsbotschafter, der hauptamtliche Umweltbildungsreferent beim NABU SA, H. von Bach, wohl die totale Fehlbesetzung. Er geht nämlich in seiner Freizeit u.a. gerne auf Jagd mit Gewehr und seinem ausgebildeten Jagdhund. Anders gesagt: in der Woche wirbt er für Akzeptanz für den Wolf, belehrt die Naturschutzjugend, und macht sich Gedanken über Herdenschutz... und am Wochenende schießt er den Wölfen das Futter weg. Die holen sich dann die angeblich verkauften Milchlämmer, die Frauke Garstig in der Fleischtheke vermutet. (Übrigens... bevor man von "geheuchelten Emotionen" spricht, sollte man sich vielleicht lieber informieren, liebe Frauke, sonst macht man sich unglaubwürdig.) Man sieht mal wieder, nicht alles was glänzt ist sauber... vor allem nicht, wenn es um Geld geht!

10.05.2018 18:41 Walter 7

Wenn ich die Wolffreunde hier so lese, dann ok, keine, von den anderen Grünen geforderte, ökologische Haltung auf der Weide. Dann eben Ställe. Gefällt Euch aber auch nicht.
Was wollt Ihr Städter?
Die Ziege und das Schaf hat das selbe recht als „Individum“ geschützt zu werden.
Ihr sagt, es ist ok, wenn der Wolf seine Nahrung reist. Aber Eure Kollegen fordern Hauspflicht für Katzen, weil sie Vögel fressen. Ist 100% das gleiche, Nahrungskette.
Also einigt Euch zuerst, bevor man weiter diskutiert.

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