Frauentag Die eGouvernante, die Airbnb für Bäume anbietet

Ein großer Mann mit Locken und Brille steht vor einer Betonwand.
Bildrechte: MDR/Viktoria Schackow

Keine Frage: In der IT-Branche arbeiten zu wenige Frauen. Aber trotzdem gibt es sie. Sabine Griebsch aus Bitterfeld-Wolfen ist eine von ihnen. Das Besondere an ihr: Sie ist Open-Data-Fan. Im Internet nennt sie sich nur "eGouvernante". Sie arbeitet für den Landkreis Anhalt-Bitterfeld und hat ein Unternehmen, das aus Daten über Bäume ein Geschäftsmodell gemacht hat.

Eine Frau im Studio
Sabine Griebsch nennt sich selbst die "eGouvernante". Ihr Herz schlägt für Open Data. Bildrechte: MDR/Stephan Schulz

Man muss sich schon ein wenig hineindenken – in das, was Sabine Griebsch macht: Mit ihrem Unternehmen Ecotaia dokumentiert sie, ob und wie Naturschutzmaßnahmen funktionieren. Wenn zum Beispiel eine Fabrik, ein Einkaufszentrum oder ein anderes Gebäude gebaut werden soll und dafür Bäume gefällt werden müssen, dann kommt Ecotaia ins Spiel: "Sehr salopp gesagt, muss für jeden schützenswerten Baum, der gefällt wird, ein Ausgleich geschaffen werden. Und dabei helfe ich." Eine Art Airbnb für Bäume.

Gefällte Bäume müssen ersetzt oder anderweitig ausgeglichen werden. Deshalb beauftragen deutschlandweit Investoren Griebsch damit, Bäume zu pflanzen und diese Kompensationsmaßnahmen zu beaufsichtigen. So erfährt Sabine Griebsch eine ganze Menge über Bäume. Forstdienstleister melden ihr, welche Baumschule welche Bäume liefert und wo sie genau angepflanzt wurden. "Die Forstdienstleister spielen mir die Daten ins System und ich gebe die Rohdaten kostenlos frei für die Forstwirtschaft und die Wissenschaft."

Was sind Open Data?

Als Open Data, als offene Daten, bezeichnet man Daten, die frei verfügbar sind. Jeder kann sie zu jedem Zweck nutzen, verbreiten und weiterverwenden. Grundsätzlich sind Open Data nie personenbezogene Daten; denn letztere sind besonders schutzbedürftig und fallen unter die Datenschutz-Gundverordnung. Die Open Knowledge Foundation https://okfn.org/ verlangt von Open Data, dass sie maschinenlesbar sind und "zu nicht mehr als angemessenen Reproduktionskosten" am besten über das Internet bereitgestellt werden. Die Daten sollten in offenen Dateiformaten gespeichert sein – also eher CSV und nicht PDF- oder Excel-Dateien. Viele Experten sagen, mit Open Data sollten Nutzer alles anstellen können – auch Dienstleistungen daraus entwickeln, die sich verkaufen lassen. Nur sollten auch auf diesen Daten keine weiteren Lizenz-Beschränkungen liegen.

Quellen für Open Data liegen bei Behörden (Open Government Data), aber können auch "erschaffen" werden. Zum Beispiel haben Millionen Menschen weltweit für das Projekt OpenStreetMap Geodaten gesammelt und so eine Alternative zu kommerziellen Navigationsdienstleistern und Kartendiensten entwickelt. In der Digitalen Agenda hat sich auch Sachsen-Anhalt zu Open Data bekannt (S.47).

Sabine Griebsch will mit Daten die Welt verbessern und sicherstellen, dass Gesetze eingehalten werden. "Für mich war damals der Anreiz, solche Baumpflanzungen kontrollierbar und vergleichbar zu machen", sagt Sabine Griebsch im Podcast "Digital leben" von MDR SACHSEN-ANHALT. Wenn also ein Investor verspricht, für gefällte Bäume neue zu pflanzen, lässt sich das mit den Daten, die die Investoren sowieso erheben müssen, auch öffentlich überprüfen.

Und weil Gesetz und Verordnungen vorschreiben, dass Investoren diese Daten an Behörden liefern müssen, liegen die Daten eben auch bei der öffentlichen Hand. Nur: Sie sind (noch) nicht für jeden so einfach zugänglich. Das soll sich ändern. Dafür gibt es mehrere Gesetze und auch eine aktive Szene in Sachsen-Anhalt. Dabei unterscheidet Griebsch zwischen Open Data und Open Government Data aus Behörden.

Bitterfelder Verwaltungsexpertin

Sabine Griebsch ist 38 Jahre alt und gelernte Verwaltungswirtin. Aufgewachsen ist sie in Bitterfeld, hat dort ihren Schulabschluss gemacht und dann in Halberstadt Verwaltungwissenschaften studiert. Open Data spielte damals keine Rolle in ihrer Ausbildung. "Und auch heute kommt das Thema bei der Ausbildung von Verwaltungsexperten zu kurz." Sie versteht sich als Verwaltungsinformatikerin, obwohl sie selbst inzwischen eher wenig programmiert, sondern vor allem Menschen und Unternehmen sucht, die das können.

Griebsch ist politisch engagiert. Sie ist Mitglied bei Bündnis90/Die Grünen und dort Sprecherin der Landesfachgruppe Digitales und Medien. Sie saß im Kreistag Anhalt-Bitterfeld und sitzt im Stadtrat von Bitterfeld-Wolfen. Als Expertin für Digitales arbeitet sie auch für den Landestourismusverband. Wer sie fragt, wie sie das alles schafft, wird angelacht. "Es macht einfach auch sehr viel Spaß."

Mühsame Umsetzung

Seit Anfang 2020 ist Griebsch Digitalisierungsbeauftragte im Landkreis Anhalt-Bitterfeld und dort vor allem dafür zuständig, das Online-Zugangsgesetz umzusetzen. Damit sollen Behördengänge online erledigt werden können: die Anmeldung des Autos, BaföG- oder Hortantrag. Insgesamt 575 Verwaltungsdienstleistungen sollen bis Ende 2022 online erledigt werden können. Dazu müssen die Portale von Bund, Ländern, Landkreisen und Kommunen verknüpft werden. Eine Herkulesaufgabe.

"Es gibt natürlich schon elektronische Rechnungen, Fachanwendungen und Datenaustausch. Aber wir analysieren gerade, wie der Datenstrom genau fließen kann." So kommen die Verwaltung und ihre Prozesse auf den Prüfstand: Welche Anwendungen und Schnittstellen gibt es und wer muss wann und wie daran angebunden sein? "Das ist ja unglaublich vielfältig und fängt beim Einwohnermeldeamt an, geht beim Gesundheitsamt weiter und hört bei der Tierseuchenkasse noch nicht auf."

Open Data by default

Bei ihrem Job im Landkreis hat sie noch ein weiteres Ziel vor Augen: "Ich strebe dabei Open Data by default an." Der Open-Data-Gedanke soll also von Anfang an auch in der Verwaltung im Landkreis dabei sein. So ließen sich viele Ideen verwirklichen: "Ach, es gibt ja ganz viele Möglichkeiten für kommunales Open Data: wo ist ein Parkplatz, wo eine Toilette, wo blühen Kirschbäume oder wo findet sich welcher Marktstand."

Sabine Griebsch sprudelt förmlich, wenn sie von Open Data schwärmt: "Touristisch ist das spannend: Wo sind Fahrradständer, eBike-Tankstellen oder Hundetoiletten? Wie sauber sind Badegewässer, wie die Pegelstände, wann öffnen die Schleusen?" Daten, die eine Verwaltung natürlich besitzt, an die aber oft nur beschwerlich heranzukommen ist. "In einer Arztpraxis oder einer Behörde würde ich mir auch einen Bildschirm wünschen, der mir zeigt, wann der nächste Bus oder die nächste Straßenbahn vor der Tür abfährt."

Wenn dieses Wissen frei zugänglich wäre, ließen sich auch Geschäftsideen daraus entwickelt, ist Sabine Griebsch überzeugt und nennt ein weiteres Beispiel: "Wenn man weiß, dass eine Linde in einem bestimmten Zeitraum blüht und tropft, dann kann man diese Information zum Beispiel einem autonom fahrenden Auto zukommen lassen." So würde das Auto vielleicht nicht unter der Linde parken und müsste weniger häufig gereinigt werden.

Digital leben, Digitalpodcast Logo 47 min
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Mehr Open Data aus der Verwaltung

Auch wenn es genug Ideen gibt, Daten der öffentlichen Hand für alle zur Verfügung zu stellen – momentan ist es für viele Verwaltungen ein Mehraufwand, sagt Griebsch. "Die Verwaltung arbeitet oft noch nicht digital. Als Datenfluss gilt manchmal auch ein Pdf-Dokument oder die Papierform." Oft ließen sich die Mitarbeiter in Verwaltungen auch nicht gern in ihre Arbeit blicken. Dabei ließe sich gerade mehr Bürgerbeteiligung erreichen, glaubt Sabine Griebsch. "Alles, was in den Daten steckt, spielt sich vor den Haustüren der Menschen ab."

Vieles müsse auch systematischer veröffentlicht werden. "Wenn ich zum Beispiel einen Überblick über die Wasserqualität in Sachsen-Anhalt haben möchte, müsste ich das bei jeder einzelnen Behörde abfragen." Deshalb findet sie das Portal fragdenstaat.de ziemlich gut. Die Internetplattform hat sich als Ziel gesetzt, Bürgern die Anfragen an Behörden zu erleichtern. Grundlage dafür sind vor allem die die Informationsfreiheitsgesetze. In Sachsen-Anhalt heißt das Gesetz Informationszugangsgesetz, gilt seit 2008 und soll laut "Digitaler Agenda" zum Informationsfreiheitsgesetz weiterentwickelt werden (S.48).

Bei fragdenstaat.de hat Sabine Griebsch selbst bereits mehrere Anfragen gestellt. "Besonders gut finde ich das Projekt ‚topfsecret‘, das Hygienekontrollen in Restaurants öffentlich macht." Die Macher fragen "Wie sauber ist Ihr Lieblingsrestaurant?", so ließen sich zwar schwarze Schafe unter den Restaurant- und Imbissbetreibern ausmachen, aber gleichzeitig ließe sich auch bestätigen, wenn ein Restaurant gut ist, glaubt eGouvernante Sabine Griebsch.

Was ist eGovernment?

Unter dem Schlagwort eGovernment versteht man vor allem, dass Behörden, Verwaltungen, Gerichte, Parlamente, Institutionen und Unternehmen sich mit modernen Technologien organisieren und miteinander kommunizieren. Das soll auch den Bürgern etwas bringen. Für die Behörden des Bundes gibt es das Gesetz zur Förderung der elektronischen Verwaltung. In Sachsen-Anhalt gilt seit Juli 2019 ein ähnliches Gesetz. Ein Stichwort hierbei ist vor allem die elektronische Akte.

Die eGouvernante

Die Idee zu dem Namen ihrer Internetseite hat Sabine Griebsch vor mehr als zehn Jahren gehabt, als sie sich schon mit eGovernment befasst hat. "Ich habe mit einem Kollegen herumgealbert und wir landeten erst beim Gouverneur und dann auch schnell bei der Gouvernante." Dabei ist Griebsch alles andere als eine Gouvernante: Sie weiß zwar, was sie will und gibt ihr Wissen auch gern weiter – wirkt aber alles andere als streng, belehrend oder "gouvernantenhaft".

Nur in einem zeigt sich die eGouvernante unnachgiebig: Open Data müsse mehr ins Bewusstsein rücken, fordert Griebsch. "Eine Verwaltung muss Bürger dabei proaktiv beteiligen und sagen, welche Daten sie hat und auch Anwendungsbeispiele liefern". Denn oft seien viele von der Fülle des Datenmaterials erschlagen: "Das ist wie in einem Warenhaus, man weiß nicht, wo man zuerst zugreifen soll."

Baumwissen monetarisiert

Bei Daten über Bäumen greift die eGouvernante aber seit 2018 zu und kann damit auch eine Menge anfangen. Sie kann die Daten veredeln, anreichern und noch mehr Wissen generieren: Welche Bäume sich zum Beispiel für welche Art von Kompensation nach den deutschen Gesetzen am besten eignen und welche Bäume wo und unter welchen Bedingungen am besten wachsen. Und dieses aus öffentlichen Daten und mit ihrer Expertise generierte Wissen kann Sabine Griebsch dann geschäftlich einsetzen und damit Geld verdienen. "Die richtige Analyse der veredelten Daten und die richtigen Fragen für die besten Erkenntnisse – das ist mein Geschäftsmodell", sagt Sabine Griebsch.

Aus den Daten könne man zum Beispiel lernen, welche Bäume an die zukünftigen Sommer und die Böden in Deutschland am besten angepasst sind. Nutzbares Wissen aus Daten – das ist eine neue Art der Wertschöpfung. Mit enormem Potenzial: Die EU-Kommission schätzt es für die gesamte EU allein im Zeitraum 2016 bis 2020 auf 325 Milliarden Euro.

Ein großer Mann mit Locken und Brille steht vor einer Betonwand.
Bildrechte: MDR/Viktoria Schackow

Über den Autor Marcel Roth arbeitet seit 2008 als Redakteur und Reporter bei MDR SACHSEN-ANHALT - Das Radio wie wir. Nach seinem Abitur hat der gebürtige Magdeburger Zivildienst im Behindertenwohnheim gemacht, in Bochum studiert, in England unterrichtet und in München die Deutsche Journalistenschule absolviert. Anschließend arbeitete er für den Westdeutschen Rundfunk in Köln. Bei MDR SACHSEN-ANHALT berichtet er über Sprachassistenten und Virtual Reality, über Künstliche Intelligenz, Breitbandausbau, Fake News und IT-Angriffe. Außerdem ist er Gastgeber des MDR SACHSEN-ANHALT-Podcasts "Digital leben".

Mehr zum Thema

Digital leben, Digitalpodcast Logo
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Podcast | Digitalisierung in Sachsen-Anhalt Digital leben

Digital leben

27 Audios

Audios

Quelle: MDR/ff

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT - Das Radio wie wir | 18. Februar 2020 | 08:30 Uhr

404 Not Found

Not Found

The requested URL /api/v1/talk/includes/html/97ddb60f-1a03-41ce-adf7-cf0b3d573229 was not found on this server.

Mehr aus Anhalt, Dessau-Roßlau und Landkreis Wittenberg

Mehr aus Sachsen-Anhalt