#miteinanderstark Wie Sachsen-Anhalter jetzt in die Zukunft blicken

Seit vier Wochen ist das Alltagsleben in Sachsen-Anhalt heruntergefahren. Nun sind erste Lockerungen in Sicht. MDR SACHSEN-ANHALT hat in den vergangenen Wochen mit Menschen gesprochen, die sich zwar Sorgen machen, aber auch voller Zuversicht sind. MDR-Reporter haben die Hauptpersonen der Reihe #miteinanderstark ein zweites Mal getroffen, um zu erfahren, wie es ihnen nun geht und was sie bewegt.

Eine Collage aus vielen Protagonisten
Bei #miteinanderstark haben wir Menschen vorgestellt, die die Corona-Krise auf ganz unterschiedliche Weisen meistern. Bildrechte: Mitteldeutscher Rundfunk

Seit mehr als vier Wochen befindet sich das Leben in Deutschland und Sachsen-Anhalt in einer Art Winterschlaf. Das Coronavirus hat den Alltag der Menschen grundlegend verändert. Kontaktbeschränkungen verhindern soziale Kontakte und Unternehmen mussten aufgrund der Corona-Maßnahmen schließen.

#miteinanderstark im Corona-Alltag

In der Reihe #miteinanderstark hat MDR SACHSEN-ANHALT seitdem Menschen begleitet und gezeigt, wie sie ihren Alltag trotz Corona-Krise meistern. Bund und Länder haben sich jetzt auf neue Maßnahmen verständigt, die zum einen einige Lockerungen in Aussicht stellen, zum anderen aber das soziale Leben weiterhin beschränken.

Wie ist es den Menschen seitdem ergangen? Und was versprechen sie sich von den neuesten Vereinbarungen? MDR SACHSEN-ANHALT hat bei einigen #miteinanderstark-Personen nachgefragt.

Margit Hensel – Apothekerin: Mundschutze von der Schneiderin

Apothekerin Margit Hensel führt die Reil-Apotheke in Halle – direkt an der Poli Reil, an der Tests auf das Coronavirus durchgeführt wurden. Einige Kunden habe die Nähe zur Teststation abgeschreckt, berichtete Hensel Ende März. Mittlerweile seien die Tests vermehrt an die Drive-In-Teststation auf dem Gelände der Agentur für Arbeit verlagert worden, sagt sie nun. Ganz herumgesprochen habe sich das in der Kundschaft aber noch nicht.

Apothekerin Margit Hensel in der Reil-Apotheke Halle.
Apothekerin Margit Hensel in der Reil-Apotheke in Halle. Bildrechte: MDR/Maria Hendrischke

Nach wie vor bestünden Engpässe bei Medikamenten, sagt Hensel. Deshalb erhalten zum Beispiel manche Kunden nicht exakt das Medikament, was auf ihrem Rezept steht, sondern etwa das von einem anderen Hersteller. Hensel hofft, dass die Krankenkassen Wort halten und bei der Prüfung der Rezepte kulant sind. "Sonst müssten wir im nächsten Jahr nochmal draufzahlen."

Mundschutze und Einmalhandschuhe seien derzeit nur zu horrenden Preisen zu bekommen. "Diese Preise müssen wir leider an die Kunden weitergeben", sagt Hensel. Noch immer müssten sie und ihre Mitarbeiterinnen darüber aufklären, unter welchen Umständen und für wen der Schutz sinnvoll sei. Die Reil-Apotheke arbeitet nun außerdem mit einer Schneiderin zusammen, die eigentlich im Kunstbereich tätig ist, aber jetzt für Apothekenkunden Schutzmasken aus reiner Baumwolle anfertigt. Regelmäßig liefere die Schneiderin zehn bis 30 Masken, sagt Hensel. Und diese seien schnell vergriffen: "Bis zur nächsten Lieferung sind alle schon verkauft."

Für Hensel und ihr Team bringt die neue Landesverordnung, die ab dem 20. April gilt, wenig Veränderungen mit sich. Keiner im Team sei erkrankt: In der Apotheke würden die Hygiene- und Abstandsmaßnahmen eingehalten, zudem werde mit der Urlaubsregelung großzügig umgegangen. Nach einigen Arbeitstagen am Stück folgten Tage zur Erholung.


Sabine Herforth – Tafel Quedlinburg: Große Nachfrage für Liefer-Aktion

Helfer bei der Tafel in Quedlinburg
Sabine Herforth von der AWO koordiniert die Hilfsangebote. Bildrechte: MDR/Roland Jäger

Sabine Herforth koordiniert ein Programm der Tafel Quedlinburg, das Risiko-Patienten Essen ausliefert. MDR SACHSEN-ANHALT sagt sie, dass die Aktion gut laufe und die Nachfrage auf Seiten der Freiwilligen als auch der Tafel-Kunden groß sei. Starteten sie und ihr Team vor wenigen Wochen mit 60 Kunden, so sind es nun schon 230. "Unser Team ist motiviert, wir sind zufrieden."

Die Aktion laufe sogar so gut, dass die Tafel Quedlinburg nahe an der Kapazitätsgrenze sei, was sie leisten kann. "Wir müssen selbst etwas auf uns aufpassen, dass wir es nicht übertreiben."

Herforth findet die neuen Vereinbarungen richtig. "Es ist grundsätzlich wichtig, dass es weiter ausgesessen wird", da es gerade für Risikogruppen relevant sei, zu Hause zu bleiben. Momentan halten sie und ihr Team ganz gut durch, sagt sie. "Wir erhoffen uns Hilfe von Förderprojekten. Wenn das klappt, ist das gut. Wenn nicht, müssen wir uns Gedanken machen."

Felix Kubitz – Lehrer: Mit gemischten Gefühlen in das restliche Schuljahr

Mit den Corona-Verordnungen musste auch Felix Kubitz lernen, wie man als Lehrer seinen Unterricht digital aufbereitet. Zwar hätten sich in den letzten Wochen tolle Möglichkeiten einer digitalen Umsetzung gezeigt, diese können für ihn den normalen Unterricht aber nicht ersetzen. "Das ist etwas deprimierend", so Kubitz. Zudem bereite ihm Sorgen, dass ein Teil der Schülerinnen und Schüler so wenig oder kaum erreicht wird oder mit schlechten häuslichen Voraussetzungen für den digitalen Unterricht kämpfen muss.

Junger Mann steht vor Graffiti-Wand
Felix Kubitz muss seinen Unterricht momentan digital abhalten. Bildrechte: MDR/Paula Kautz

Dass durch die neuen Vereinbarungen Abschlussklassen ermöglicht werden soll, ihre Prüfungen abhalten zu können, begrüßt Kubitz. "Mit einer geringen Anzahl von Schülerinnen und Schüler halte ich Hygiene und Abstandsmaßnahmen auch für umsetzbar."  Allerdings meldet er Zweifel bei den anderen Klassenstufen an. "Angesichts begrenzter Räumlichkeiten, fehlender Schutzmasken sowie einer engen Personalabdeckung an vielen Schulen fehlt mir noch etwas die Fantasie, wie ein halbwegs normaler Schulalltag mit allen Klassenstufen hergestellt werden soll." Hier zeige sich, wie sehr das Bildungssystem auf Kante genäht sei.

Aus beruflicher Perspektive blickt er mit gemischten Gefühlen in die schulische Zukunft. Er wünsche sich von Experten und Politik einen Ausblick, unter welchen Bedingungen Schule in diesem Jahr stattfinden kann – denn die Situation sei für alle Beteiligten momentan unbefriedigend. Privat hingegen ist er froh, dass es ihm und seiner Familie gut gehe. Zwar sehne auch er sich nach mehr Normalität in Beruf und Freiheit, "dies sind aber im Vergleich zu Existenzängsten und gesundheitlichen Problemen anderer eher kleine Sorgen."

Prof. Thomas Leich – Wirtschaftsinformatiker: Digitale Lehre als Chance

Für Prof. Thomas Leich ist die Lehre per Video eine Chance. Nachdem der Wirtschaftsinformatiker MDR SACHSEN-ANHALT vom Online-Studium erzählt hatte, meldeten sich andere Lehrende zum Austausch. So hat er angefangen, Experten für seine Online-Vorlesungen zu werben, denn – warum über jemandes Forschung sprechen, wenn der- oder diejenige das selbst tun kann? Im physischen Unterricht wäre das nicht möglich. "Ich kann mir das mehr und mehr dauerhaft vorstellen", sagt er und meint die digitale Lehre.

Ein Mann mit Brille
Prof. Thomas Leich macht Hochschullehre per Video. Bildrechte: MDR/Thomas Leich

Die Studierenden von Prof. Leich werden demnächst im Unterricht Gästen aus Chemnitz, Leipzig, Saarbrücken und sogar den USA zuhören. Und viele Studierende hören selbst aus dem Ausland zu. Denn aufgrund der Corona-Beschränkungen dürfen zum Beispiel Studierende aus Indien nicht zurück nach Wernigerode reisen.

Über erste Lockerungen der Maßnahmen sei er froh, sehe aber auch die Gefahren. Wichtiger als die Öffnung der Hochschule ist seiner Meinung, dass die Schulen öffnen und dass die Schülerinnen und Schüler ihre Abschlüsse machen können.

Elisabeth Peymann – Geschäftsinhaberin: Eine ungewisse Reise

"Ich fühle mich wie der Kapitän, der erst vom Schiff geht, wenn er alles versucht hat und gar nichts mehr geht", sagt Elisabeth Peymann vom Fairtrade-Modegeschäft und Café "Betsy Peymann" in Magdeburg. Seit Beginn der Krise befinde sie sich in einem "Macher-Modus", jedoch sei es nun einmal so, dass je mehr Wochen vergehen und je weniger Umsatz da ist, "umso kritischer wird es." Ihr Blick auf die derzeitige Situation beschreibt sie daher als eine Mischung aus positiv und realistisch.

Eine junge Frau (Betsy Peymann) lächelt in die Kamera
Betsy Peymann führt in Magdeburg ein Modegeschäft mit integriertem Café. Bildrechte: MDR/Olga Patlan

Positiv auch deswegen, weil sie ihren Laden durch die neuen Maßnahmen nun bald wieder öffnen kann – somit wolle sie gar nicht meckern. Aber sie betrachtet die Lage auch aus der Sicht einer Verbraucherin: Auch wenn es Lockerungen gibt, führe das nicht dazu, dass die Menschen sofort wieder in den Einzelhandel gehen. Im Gegenteil – durch die unsichere Zukunft würden sich weitsichtige Konsumfragen für die Menschen stellen. "Die Leute werfen nun nicht mit Geld um sich."

In die Zukunft blickt die Unternehmerin mit gemischten Gefühlen. Den Zusammenhalt in der Fair-Fashion-Branche finde sie gut und lässt sie positiv denken. Aber dennoch hat sie Angst, dass durch die Corona-Krise die positive Entwicklung der Innenstadt Magdeburgs auf der Strecke bleibt, da viele kleine Projekte die Zeit nicht überleben könnten. "Man weiß nicht, wo die Reise hingeht."

Claudia Rondio – Pädagogin: Herausforderung für Kitas, Kinder und Eltern

In der Kita Mandala in Magdeburg muss Leiterin Claudia Rondio jetzt umdisponieren: Mit den erweiterten Klauseln für die Notbetreuung könnten nach ersten Schätzungen etwa die Hälfte der Eltern ihre Kinder wieder in die Kita Mandala bringen. "Wir freuen uns für die betreffenden Familien", sagt die Pädagogin, „insbesondere für die Kinder – ist ihnen doch so etwas Normalität und Sozialkontakt möglich."

Dunkelhaarige Frau am Schreibtisch lächelt
Claudia Rondio leitet die Kita Mandala in Magdeburg. Bildrechte: MDR/Julia Heundorf

So viele Kinder zu betreuen und gleichzeitig Regeln, wie ausreichend Abstand, einzuhalten, würde personell aber auch eine Herausforderung. An einer Lösung arbeite das Kita-Team noch.

Das Kita-Team blickt laut Rondio mit Bedenken auch auf die Familien, die weiterhin keinen Anspruch auf Notbetreuung haben: Wie mögen sich Kinder fühlen, deren Eltern nicht zur "bevorzugten Gruppe" gehören? Und wie hoch ist die Belastung für Eltern im Homeoffice? Auch in der Kita selbst sei der organisatorische Aufwand trotz der wenigen Kinder vor Ort durch Absprachen mit Eltern, der Kommune und dem Land und anderen enorm gestiegen.

Ich bin allerdings sehr dankbar, dass die Finanzierung der Pädagogen gesichert ist, dass wir uns nicht mit existenziellen Fragen beschäftigen müssen, dass wir nicht Kurzarbeit beantragen oder Menschen in die Arbeitslosigkeit schicken müssen. Das ist eine große Leistung von Land und Kommune, die öffentliche Würdigung verdient.

Claudia Rondio Kita Mandala

Eine schwierige Frage bleibt in der Kita das Essensgeld. Die Köchin wird aus den Beiträgen der Eltern finanziert. Viele Eltern müssten nun ihre Kinder zuhause versorgen und somit doppelt zahlen. Eltern, die Ansprüche auf Leistungen der Sozialhilfe oder ähnliches hätten, bekämen wiederum derzeit kein Geld für das Mittagessen in der Kita, müssten aber das Essen zuhause bezahlen. "Das finde ich sehr ungerecht und wünsche mir eine schnelle Regelung zur Unterstützung", sagt Claudia Rondio.

Jens Ruhnke – Spargelbauer: Positiver Blick in die Zukunft

Jens und Klaus-Dieter Ruhnke vom Spargelhof Ruhnke in Cobbel
Jens Ruhnke (links) blickt positiv in die Zukunft. Bildrechte: MDR/Daniel George

Jens Ruhnke, Spargelbauer aus Cobbel, blickte vor einigen Wochen noch pessimistisch in die Zukunft. Das hat sich nun geändert. In seinem Betrieb habe sich die angespannte Lage verbessert – was auch an genug polnischen Saisonsarbeitskräften liegt, die bei ihm arbeiten. Wie Ruhnke berichtet, komme glücklicherweise hinzu, dass der Spargel in diesem Jahr nicht so früh komme, wie in anderen Jahren. Ging er vor drei Wochen noch vom Schlimmsten aus, sagt er jetzt: "Wir sind sehr froh. Uns fällt ein Stein vom Herzen."

Die neuen Vereinbarungen von Bund und Ländern betreffen ihn momentan nicht. Da Marktplätze weiterhin besucht werden können und der Verkauf gut angelaufen sei, ändere sich für ihn wenig. Er blickt für sein Unternehmen positiv in die Zukunft, auch wenn er weiß, dass die Lage für andere fatal sei. "Wir denken auch an die Unternehmen, denen das Wasser bis zum Hals steht."

Christian Szibor – "Festung Mark": Sorge um die Kulturszene

Christian Szibor leitet das Magdeburger Veranstaltungszentrum "Festung Mark". Die Ansage, dass Großveranstaltungen bis Ende August ausgesetzt werden, bedeutet für ihn die Frage nach dem Überleben. Er hatte auf die Möglichkeit gehofft, im Sommer weiterzumachen: "Der Tunnel ist deutlich länger, als ich dachte."

Grauhaariger Mann in Gewölbe
Christian Szibor ist Geschäftsführer im Veranstaltungszentrum "Festung Mark" in Magdeburg. Bildrechte: MDR/Julia Heundorf

"Wie schaffe ich, dass das Objekt überlebt?" Die Mitarbeiter müssen aktiviert werden und finanziell klarkommen, sagt Szibor, und: "Wir müssen uns neu erfinden." Derzeit kooperiert er mit einem Spargelbauern in der Altmark. Kleine Teams seiner Belegschaft helfen je nach Bedarf bei der Ernte. Und Szibor verkauft weiterhin "Kulturbeutel" mit selbstgeerntetem Spargel, Bier aus Sudenburg, Gutscheinen für die Festung und neuerdings Marmelade aus regionaler Produktion – die eigentlich zum Verkauf auf dem Festungs-Frühlingsmarkt hergestellt wurde.

Neben der Frage nach der eigenen Existenz sorgt sich Christian Szibor um den Erhalt der Kulturszene im Ganzen: Gibt es nach der Krise überhaupt noch freie Kultur und Kulturschaffende, die die Szene wiederbeleben können? Halten Stadt und Land Kultur für systemrelevant?

Martin Weidig – Basketballtrainer: Hoffnungsschimmer am Horizont

Für Martin Weidig waren die Corona-Maßnahmen vor ein paar Wochen besonders hinderlich. Denn er ist Basketballtrainer beim BC Anhalt in Dessau – und somit auf Bewegung und Kontakt mit den Kindern angewiesen. Der Krise versuchten sie daher hier mit Digitalität zu kontern. Und wie er nun erzählt, geht es ihm momentan ziemlich gut und er hat sich an die Situation gewöhnt. Das Angebot für die "Kids" konnte er sogar noch ausbauen.

BC Anhalt in Corona-Zeit, Trainer Martin Weidig (l.) und Spieler Conrad Eisfeld
Weidig (r.) bei einer digitalen Trainingsstunde. Bildrechte: MDR/BC Anhalt

Um die Kinder aus deren Lethargie zu holen und sie zum Trainieren zu motivieren, hat er nun für sie einen Wettbewerb ins Leben gerufen, bei dem die Kinder ihre Trainingserfolge auf Video aufnehmen sollen. Das komme gut an, erzählt Weidig.

Trotzdem hofft er auf die neuen Vereinbarungen und die damit verbundenen Lockerungen. Er findet es gut, dass nun schrittweise die Schulen wieder geöffnet werden sollen. Auch wenn er glaubt, dass Sporthallen den Sommer über geschlossen bleiben, hofft er auf eine baldige Öffnung der Freiplätze, "um mit den Kindern auch wieder draußen und individuell trainieren zu können." Das sei gerade sein Horizont bei einem positiven Blick in die Zukunft.

Quelle: MDR/jh/fl/mh

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT | 16. April 2020 | 06:00 Uhr

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