Osteuropa und der Kohleausstieg Kohleausstieg light - ein Blick nach Tschechien und Polen

Der Kohleausstieg ist beschlossen. Schritt für Schritt werden die deutschen Steinkohle- und Braunkohlekraftwerke abgeschaltet. In 18 Jahren wird in Deutschland kein Strom mehr aus Kohle hergestellt. Die Bundesrepublik will damit ihren Beitrag zum Klimaschutz leisten. Aber: Welchen Beitrag leisten eigentlich unsere Nachbarn? Die Umschau war in Tschechien und Polen unterwegs und musste feststellen: Für die Regierungen dort ist der Klimaschutz offenbar nicht ganz so wichtig wie bei uns.

Protest von Umweltschützern in Tschechien
Umweltschützer in Tschechien fordern einen Kohleausstieg schon bis 2030. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Unterwegs mit Enrico Taute im Tagebau Schleenhain vor den Toren Leipzigs. Er kontrolliert die Fördertechnik und sorgt seit zehn Jahren dafür, dass immer genug Kohle aus der Erde kommt. Der 38-Jährige hat in der Braunkohle seine Ausbildung gemacht. Bis zur Rente wird er hier nicht arbeiten können – wegen des Kohleausstiegs.

Enrico Taute
Enrico Taute arbeitet für den Tagebau Schleenhain - und macht sich wegen des Kohleausstiegs Sorgen um seine Zukunft. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Eigentlich würde die Kohle im Revier noch für Jahrzehnte reichen. Doch wegen des Klimawandels wird das Kraftwerk Lippendorf 2035 stillgelegt. "Man macht sich schon viele Gedanken. 2035 ist ja nun das Enddatum (für Schleenhain). Da bin ich noch keine 58", so Enrico Taute. Bei der Bergbaugewerkschaft schätzt man, dass in Ostdeutschland durch den Kohleausstieg bis zu 6.000 Menschen im Bergbau ihre Arbeit verlieren werden.

"Mit dem Blick auf Umweltschutz kann man sagen, es ist irgendwo verständlich, denn wir müssen was tun", sagt Norman Friske von der IG Bergbau, Chemie und Energie. Aber: "Es muss jetzt auch der zweite Schritt kommen, nämlich Arbeitsplätze für Kollegen und Kolleginnen, die ihre Arbeit verlieren." Und – die Nachbarländer würden nun sicher schauen, wie das in Deutschland mit der Energiewende funktioniert, sagt er weiter.

Tschechien – Kohleausstieg in Raten

Rein statistisch gesehen arbeitet in Nordböhmen, gleich hinter der deutschen Grenze, fast jeder Dritte in der Kohleindustrie oder in der Energiewirtschaft. Ein schneller Ausstieg aus der Kohle würde also so gut wie jede Familie treffen. Die tschechische Kohlekommission hat beschlossen, bis 2040 zwei Drittel aller Kraftwerke abzuschalten. "In Tschechien kommen wir damit dem deutschen Kohleausstieg sehr nahe", sagt der stellvertretende Energieminister René Neděla. "Und man muss auch sagen, dass die Bedingungen bei uns komplizierter sind. Wir können zum Beispiel keine Windräder vor der Küste aufstellen", so Neděla.

Kohleausstieg wäre eher möglich

Kraftwerk Pocerady in Tschechien
Ein Blick auf das Kraftwerk Počerady in Nordböhmen. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Allerdings fordern Umweltschützer in Tschechien einen Kohleausstieg schon bis 2030. "Wir haben ausgerechnet, dass das technisch möglich wäre", sagt Jiří Koželouh von der tschechischen Umweltorganisation Hnutí DUHA. Von den Protesten für einen zeitigeren Ausstieg aus der Kohle ist das gerade drei Jahre alte Kraftwerk in Ledvice, direkt hinter der deutsch- tschechischen Grenze, wohl nicht betroffen. Mindestens bis 2045 wird es am Netz bleiben. "Wir haben die beste Technologie eingesetzt, die derzeit verfügbar ist. Man kann mit Stolz sagen, dass dieses Kraftwerk das modernste Europas ist", sagt der Pressesprecher des Kraftwerks, Ota Schnepp. Doch trotz nahezu halbierter Emissionen in Tschechien und auch Polen seit 1990 – sie bleiben in beiden Ländern höher als in Deutschland.

Förderung für Solaranlagen in Polen erst seit diesem Jahr

Jozef Sniezek
Jozef Sniezek von der Wohnungsbaugenossenschaft Breslau-Süd freut sich über die Förderung von Solarzellen auf Hausdächern, die es seit 2020 in Polen gibt. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

"Viele Jahre haben wir Deutschland um die Photovoltaik beneidet", sagt Jozef Sniezek von der Wohnungsbaugenossenschaft Breslau-Süd. Gerade erst haben sie Solarzellen auf die ersten Häuser der Genossenschaft installiert. Denn erst seit 2020 bekommen solche Projekte in Polen überhaupt staatliche Förderung. Fast 80 Prozent des polnischen Stroms stammt weiterhin aus Kohlekraftwerken. Und weil die polnische Wirtschaft boomt, steigt der Verbrauch des Kohlestroms sogar noch weiter an. Über einen Ausstieg aus der Kohle wird nicht diskutiert, lediglich soll der Anteil der Kohle an der Energiewirtschaft bis 2050 um ein Drittel gesenkt werden.

Subventionen in Millionenhöhe für Kohlewirtschaft

Kraftwerk in Breslau
Ein Blick auf das Kraftwerk in Breslau. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Die Kohleförderung wird in Polen sogar massiv subventioniert. Mit 500 Millionen Euro unterstützt Warschau jedes Jahr den Kohle-Sektor. Noch immer werden neue Minen und Kraftwerke geplant und eröffnet. Zum Ärger von Umweltaktivisten wie Hanna Schudy von der Stiftung für Nachthaltigkeit. "Die polnische Regierung sagt, dass wir von der Kohle abhängig sind und dass wir uns jetzt nicht um den Klimawandel kümmern müssen, sondern um unsere Wirtschaft. Das ist Schwachsinn", findet Hanna Schudy. "Die normalen Menschen interessieren sich für das Klima. Sie wollen, dass unser Land von der Kohle wegkommt", erklärt sie.

Wer steigt noch und wann aus der Kohle aus?

Österreich will noch in diesem Jahr aussteigen, Frankreich und die Slowakei 2023. Die Niederlande und Dänemark folgen am Ende des Jahrzehnts, Deutschland 2038. Tschechien und Polen haben keinen Termin. Die Schweiz, Luxemburg und Belgien betreiben schon jetzt keine Kohlekraftwerke mehr. Keinen Termin gibt es in den USA, in Australien, China und Russland.

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | MDR UMSCHAU | 04. Februar 2020 | 20:15 Uhr