Haltungsprobleme Wie schief darf ein Becken sein?

Hüftschmerzen, Rückenprobleme, selbst Nackenverspannungen, Kopfschmerzen oder Schwindel können eine gemeinsame Ursache haben: ein schiefes Becken. Doch wann ist ein schiefes Becken behandlungsbedürftig? Und wie schief darf ein Becken sein?

Becken eines menschlichen Skeletts
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"So ganz gerade ist keiner. Und das ist auch gar nicht schlimm", beruhigt Gitte Baumeier. Die Physiotherapeutin sieht täglich Patienten mit einer Schiefstellung im Becken. Bei vielen macht sich das gar nicht bemerkbar.. In der Regel kann der Körper einen leichten Schiefstand gut ausgleichen. "Problematisch kann es ab einem Zentimeter werden. Wenn das Probleme macht, sollte man mit einem Arzt die Sache abklären und behandeln lassen", so die Physiotherapeutin.

Muskuläre Ursachen

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Zunächst ist es wichtig, die Ursache für den Schiefstand herauszufinden. Sie liegt häufig im muskulären Bereich, denn im Becken kommen zahlreiche Muskeln, Bänder und Sehnen zusammen. "Am Becken gibt es 44 Muskeln und zehn große Bänder, die sich teilweise in kleinere aufspalten", erklärt Gitte Baumeier. Sie halten das Becken gerade und stabil. Doch schon vermeintlich einfache Störfaktoren können dieses fein aufeinander abgestimmte Zusammenspiel durcheinanderbringen: ein Sturz auf den Steiß beispielsweise, das einseitige Tragen schwerer Gegenstände oder sogar dauerhaftes Sitzen mit übereinandergeschlagenen Beinen. Gerät das Becken dadurch in Schieflage, zerren die Muskeln mit teils erheblichen Kräften an der falschen Stelle. Das kann zu einer schiefen Haltung oder zu Entzündungen führen, zum Beispiel der Schleimbeutel im Hüftbereich.

Anatomische Ursachen

Orthopäde Dr. Thomas-Peter Ranke
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Ein schiefes Becken kann aber auch durch die anatomischen Gegebenheiten unseres Skeletts entstehen. Der häufigste Grund ist eine unterschiedliche Beinlänge. Sie entsteht aus einer Laune der Natur heraus, durch X- und O-Beine oder beispielsweise durch eine angeborene Hüftdysplasie, bei der der Hüftkopf nicht richtig in Hüftpfanne sitzt. Dieses Krankheitsbild ist in Mitteldeutschland besonders häufig. "Sachsen ist ein sogenanntes Luxationsnest. Man hat in Studien herausgefunden, dass wir eine deutlich erhöhte Häufigkeit dieses Krankheitsbildes hier haben", sagt Orthopäde Dr. Thomas-Peter Ranke von der Asklepios-Klinik im sächsischen Hohwald. "Wir sind glücklicherweise heute in der Lage, Kinder unmittelbar nach der Geburt herauszufiltern, die eine solche Erkrankung haben und mit einer entsprechenden Schiene so zu behandeln, dass sie in den meisten Fällen nicht operiert werden müssen." Da vor 40, 50 Jahren solche Untersuchungen nicht in diesem Umfang erfolgten, gibt es heute dementsprechend einige Erwachsene, die dadurch ein schiefes Becken haben.

Einlagen, Physiotherapie oder OP?

Bereitet das schiefe Becken Schmerzen, hängt es wieder ganz von der Ursache ab, wie behandelt wird. Bei muskulären Problemen können in der Physiotherapie Gelenke, Kapseln und Muskeln mobilisiert werden. Bei einer Entzündung helfen Spritzen oder Ultraschall mit entzündungshemmenden Salben. Bei einem Beinlängenunterschied über einem Zentimeter wird der Arzt oder die Ärztin meist Einlagen empfehlen. Bei einem Unterschied von über drei Zentimetern und Dauerschmerzen kommt auch eine Operation in Frage.

Becken in Bewegung halten

Welche Ursache der Beckenschiefstand auch hat: Bewegung ist das A und O und sollte zu jeder Therapie gehören. "Einen Schiefstand kann man zwar nicht wegtrainieren, aber es hilft den Patienten oft sehr, die Muskulatur im Beckenbereich beweglich zu halten", erklärt Physiotherapeutin Gitte Baumeier. Das beugt langfristig auch Schmerzen vor.

Übungen für zu Hause

Physiotherapeutin Gitte Baumeier empfiehlt sowohl Übungen zur Förderung der Beweglichkeit als auch zur Kräftigung.

Verbesserung der Beweglichkeit
Stellen Sie sich vor einen Spiegel. Ertasten Sie mit Ihren Zeigefingern den Beckenknochen und legen Sie die Finger darauf. So können Sie im Spiegel am besten sehen, ob das Becken bei den folgenden Bewegungen gerade bleibt.

Physiotherapeutin Gitte Baumeier
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Variante 1: Stellen Sie sich auf ein Bein und pendeln Sie das andere locker vor und zurück. Kontrollieren Sie dabei im Spiegel, dass Ihr Becken stabil bleibt.

Variante 2: Bleiben Sie auf einem Bein stehen, beugen Sie das Knie des anderen Beins und drehen Sie es zur Seite und zurück. Auch hier soll das Becken gerade bleiben.

Variante 3: Lassen Sie das angehobene Bein nach außen und innen pendeln. Die kleinen Beckenmuskeln müssen hier viel arbeiten, damit das Becken gerade bleibt.

Wiederholen Sie jede Übung zehn Mal und wechseln Sie anschließend die Seite.

Kräftigung der Beckenmuskulatur
Stellen Sie die Füße etwa schulterbreit auf. Spannen Sie Bauch und Beckenbodenmuskulatur an. Machen Sie einen Schritt nach außen, so dass auch Knie und Fußspitzen nach außen zeigen. Gehen Sie dabei locker in die Kniebeuge. Stellen Sie das Bein anschließend wieder zurück und machen sie einen Schritt zur anderen Seite. Wiederholen Sie diese Übung je nach Konstitution zehn Mal. Bei gleichzeitigen Kniebeschwerden sollte man sich andere Übungen von der Physiotherapeutin oder dem Physiotherapeuten zeigen lassen.

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Hauptsache Gesund | 28. Mai 2020 | 21:00 Uhr