Restmüllentsorgung Mehrkosten für Privathaushalte durch Kohleausstieg?

Der Kohleausstieg wirkt sich auch auf die Hausmüllentsorgung aus. Denn ein Teil des Mülls wird bislang in den Kohlekraftwerken verbrannt, die stehen dann nicht mehr zur Verfügung. In Chemnitz geht man schon jetzt von Mehrkosten für Privathaushalte aus.

Hausmüll aus der schwarzen Tonne wird zu einem nicht unbeträchtlichen Teil in den Kraftwerken verbrannt. 2015 landeten bundesweit von 14,1 Millionen Tonnen Hausmüll 1,5 Millionen in den Kohlekraftwerken für das sogenannte thermische Recycling. Mit dem Kohleausstieg fallen die Kohlekraftwerke als Entsorgungsstation weg. Die Kommunen müssen sich dann nach Alternativen umsehen.

Ende Mai ist es in Chemnitz schon so weit. Ordnungsbürgermeister Miko Runkel und Knut Förster vom Abfallzweckverband haben den Restmüll der Stadt bisher im Kohlekraftwerk Jänschwalde verbrennen lassen. "Die Anlagen sind bundesweit ausgelastet. Jeder versucht, seinen Müll irgendwo loszubekommen", erklärt Miko Runkel "mdr-exakt". "Da reden wir noch nicht einmal über den Gewerbemüll", fügt er hinzu.

Kommunalpolitiker: "Müllgebühren werden deutlich steigen"

Exakt,  Knut Förster
Knut Förster, Geschäftsführer des Abfallzweckverbandes Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Der Abfallzweckverband für Chemnitz und Umgebung sammelt derzeit 400 Tonnen Restmüll am Tag, 2.000 Tonnen in der Woche. Und das bedeutet Müllverwertung im Akkord. "Es gibt für uns keinen Ruhetag oder keine Ruhewoche. Sonst wäre der  Bunker voll“, so Knut Förster, Geschäftsführer des Abfallzweckverbandes. Ein Teil davon wird  - als Ersatzbrennstoff aufbereitet - derzeit in Jänschwalde verbrannt.

Ab Mai wird auf eine Müllverbrennungsanlage in Sachsen-Anhalt ausgewichen. Derzeit der einzige Weg, den Müll nun loszuwerden. Laut Abfallzweckverband wird das Auswirkungen auf die Kosten der Müllentsorgung haben. Fielen für das Verbrennen im Kohlekraftwerk Jänschwalde bislang pro Tonne 35 Euro  an,  werden in Sachsen-Anhalt 65 Euro fällig. Und das ohne Transport. "Die Müllgebühren werden deutlich steigen", prophezeit Miko Runkel, Ordnungsbürgermeister von Chemnitz. "Man muss sich nur bundesweit die Verbrennungslandschaft anschauen. Die Anlagen sind ausgelastet und die Verbrenner diktieren im Moment die Preise", schätzt der Kommunalpolitiker die Situation ein.

Zukunftsmusik: Unnützen Müll als Energie weiternutzen

Erstaunlich: Abfall in Müllverbrennungsanlagen zu verbrennen, erzeugt mehr CO2 als Müll im Kohlekraftwerk. Am Institut für Energieverfahrenstechnik und Chemieingenieurwesen der TU Freiberg (IEC) forscht ein internationales Wissenschaftlerteam an grundsätzlichen Alternativen zur Müllverbrennung.

Bernd Meyer
Bernd Meyer, Leiter des Forschungsinstituts IEC der TU Freiberg Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Bernd Meyer, der Leiter des Instituts, sieht mit Blick auf den Klimawandel die Müllverbrennungsanlagen mindestens genauso kritisch wie heute große Teile der Gesellschaft die Kohlekraftwerke. Der Ingenieur sieht einen möglichen Ausweg im chemischen Recycling. Der Müll wird in diesem Verfahren so stark erhitzt, dass er sich in seine Grundstoffe auflöst und dann als energiereiches Gas wiederverwertet werden kann. Die so noch nutzbare Energie würde durch die Verbrennung schlichtweg verloren gehen. Er und sein Team testen das Verfahren derzeit in einer Versuchsanlage.

Chemnitz will Müllverbrennung ausbauen

Ordnungsbürgermeister Runkel sieht sich in Chemnitz unter Zugzwang. Weil es aus seiner Sicht in Sachsen derzeit zu wenig Möglichkeiten für die Müllverbrennung gibt, will die Stadt jetzt selbst eine Anlage in Chemnitz bauen.

Exakt,  Miko Runkel
Miko Runkel, Ordnungsbürgermeister von Chemnitz Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Er spricht von regelrechten "Mengenströmen im Freistaat". Von 550.000 Tonnen Restmüll könnte das 180 Kilometer entfernte Lauta maximal 220.000 Tonnen verwerten. "Über 330.000 Tonnen, wenn ich den Sperrmüll noch dazu rechne, wird außerhalb des Freistaates entsorgt, wird raustransportiert", beschreibt Runkel das Dilemma.

Das Sächsische Umweltministerium teilte auf Anfrage von "mdr-exakt" mit, man habe sich über die Situation informieren lassen. Dabei wäre aber von einem drohenden Entsorgungsnotstand keine Rede gewesen.

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Exakt | 15. Januar 2020 | 20:15 Uhr