75 Jahre Auschwitz Warum Holocaust-Überlebende in ehemaligen KZ bestattet werden wollen

Ausgerechnet an einem Ort der jüdischen Vernichtung will eine Jüdin bestattet werden. Dort wo ihre Familie einem Massaker zum Opfer fiel. Auch Überlebende von Konzentrationslagern wollen etwa in Ausschwitz oder Buchenwald ihre letzte Ruhe finden. Doch dagegen gibt es teils erheblichen Widerstand.

Besucher stehen am Lagertor der KZ-Gedenkstätte Buchenwald bei Weimar mit der Inschrift Jedem das Seine
Das Lagertor der KZ-Gedenkstätte Buchenwald. Bildrechte: dpa

Sie hat den Holocaust als kleines Mädchen überlebt. Ihre Familie wurde beim Massaker im ukrainischen Obertyn ermordet. Inzwischen ist Christina Karmi 87 Jahre alt und hat sich entschieden, dass sie dort beerdigt werden will, wo ihre Liebsten starben.

Ältere Frau stützt ihren Kopf auf die Hand
Christina Karmi will an dem Ort beerdigt werden, wo ihre Familie einem Massaker zum Opfer fielen. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Bevor es zum Ausbruch des zweiten Weltkrieges kam, lebte Christina Karmi als gut behütetes Kind glücklich mit ihren Eltern und den beiden großen Schwestern. Danach wurden sie enteignet, misshandelt und hungerten. Dann kam es 1943 zum Massaker der deutschen Besatzer.

"Es kam dann zu einer sogenannten Aktion", berichtet Karmi. "Alle Juden wurden von den Straßen eingesammelt und auf den Platz gebracht. Da wurden sie einfach erschossen." Die Toten hätten auf Haufen gelegen, aus einem Waggon hingen Hände. "Das war ein Schock. Das verfolgt mich mein ganzes Leben."

Es soll Mahnung und Mahnmal sein

Alte Fotots von Kind und jungen Mädchen
Christina Karmi war die einzige Jüdin des Ortes, die all die Massaker überlebte. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Sie war die einzige Jüdin des Ortes, die all die Massaker überlebte. Bis zum Endes des Krieges wurde sie von Bauern versteckt. Doch trotz all dieser Schrecken, die sie erlebt hat, will sie nun an dem Ort des Massakers ihrer Familie beerdigt werden. "Der Grund, warum ich dort begraben sein will, ist das dies ein Mahnmal und eine Mahnung sein soll", erklärt die Frau, die heute in Tel Aviv lebt. "Einmal für die, die dort begraben sind und zum anderen damit so etwas es nie wieder passiert."

Mit ihrem Wunsch als Jüdin an einem Ort jüdischer Vernichtung bestattet zu werden, ist sie nicht allein. So wollen auch einige ausgerechnet in Konzentrationslagern wie Ausschwitz und Buchenwald beerdigt werden. Doch es ist ein Wunsch, der nicht leicht zu erfüllen ist. Ein Grund sind die schwierigen Bestattungsgesetze in Polen und Deutschland.

Nur wenige genehmigte Abschiede in KZ-Gedenkstätten

Geschichte

Innenansicht einer Häftlingsbaracke in Buchenwald
Bildrechte: IMAGO

Offiziell genehmigte und würdevolle Abschiede von ehemaligen KZ-Häftlingen in Gedenkstätten hat es bisher erst zwei gegeben. 2009 schuf der holländische Widerstandskämpfer Herman van Hasselt einen Präzedenzfall und erreichte als Erster eine Ausnahmegenehmigung für die Beerdigung im ehemaligen Buchenwald Außenlager Laura. 2015 wurde dann der französische Resistance-Kämpfer Luis Bertrand in der Buchenwald-Gedenkstätte Langenstein offiziell beigesetzt.

Legale Bestattungen hat es bisher nur auf dem Gelände der Gedenkstätte Buchenwald gegeben. Der Direktor dieser Gedenkstätte, Volkhard Knigge, sagt dazu: "Das habe ich von Häftlingen in den vergangenen 25 Jahren gelernt, die mir immer wieder gesagt haben, das Lager, in dem wir befreit worden sind, ist eine zweite Heimat. Das ist der Ort des Überlebens. Das ist so etwas wie eine zweite Geburt und das wird man im ganzen Leben nicht los. Das besetzt das Herz, das Denken. Dort sind wir eigentlich immer, mit einem Teil unserer Seele."

Krematorium bereits zweimal angezündet

Älterer Mann
Alon Nativ war der erste Bestatter der Kremierungen in Israel möglich machte. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Doch solche Bestattungen sind auch eine Belastung für die heutigen Angehörigen, wie sich jüngst in Tel Aviv zeigte. Dort wurde Shaul Sadan ein Auschwitz-Überlebender zu seiner letzten Ruhe getragen. Er wollte zwar nicht zurück nach Auschwitz, sondern im Meer verstreut werden. Aber er wollte mit dem Akt der Einäscherung seiner in Auschwitz gebliebenen Familie verbunden sein.

Diese Einäscherung ist ein Problem. Denn Einäscherung ist ein Frevel in Israel. Laut dem jüdischen Ritus darf man nur als ganzer Körper und auf ausgewiesenen Friedhöfen beerdigt werden.

Alon Nativ war der erste Bestatter der Kremierungen in Israel möglich machte. Inzwischen tut er dies nun bereits seit über 15 Jahren. Etwa 20 Prozent seiner Kunden sind Holocaust-Überlebende. Doch sein Krematorium wurde bereits zweimal, wohl von orthodox- jüdischen Gruppen, angezündet. "Die Überlebenden tun mit diesem Wunsch doch niemanden weh", sagt Alon Nativ. "Aber sie erhalten für sich einen echten Abschluss und das tut Ihnen gut. Warum sollte man es dann nicht erlauben."

Ein Mann verstreut Asche im Meer 8 min
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Dieses Thema im Programm: Das Erste | FAKT | 21. Januar 2020 | 21:45 Uhr