Eine Schwebfliege hat sich auf einer Wiese im Stadtteil Bergen auf einer Blüte niedergelassen.
Eine Schwebfliege hat sich auf einer Wiese im Stadtteil Bergen auf einer Blüte niedergelassen. Bildrechte: dpa

Insektensterben Warum gab es zu DDR-Zeiten mehr Insekten?

Seit 2009 ist etwa ein Drittel aller Insekten aus Wiesen und Wäldern verschwunden. Die intensive Landwirtschaft, der Einsatz von Insektiziden wird immer wieder als eine der Hauptursachen genannt. MDR-AKTUELL-Hörer Wolfgang Weiß aus Oelsnitz wundert sich in diesem Zusammenhang, warum es zu DDR-Zeiten trotz starkem Einsatz von Pflanzenschutzmitteln mehr Insekten gab.

von Karolin Dörner, MDR AKTUELL

Eine Schwebfliege hat sich auf einer Wiese im Stadtteil Bergen auf einer Blüte niedergelassen.
Eine Schwebfliege hat sich auf einer Wiese im Stadtteil Bergen auf einer Blüte niedergelassen. Bildrechte: dpa

Manche Zeitgenossen mögen sich darüber freuen: Die Windschutzscheibe bleibt länger sauber und das hektische Gefuchtel an der sommerlichen Kuchentafel auf der Terrasse könnte demnächst weniger heftig ausfallen. Für die biologische Vielfalt jedoch ist das eine schlechte Nachricht. Seit 2009 ist etwa ein Drittel aller Insekten aus Wiesen und Wäldern verschwunden. Die intensive Landwirtschaft, der Einsatz von Insektiziden wird immer wieder als eine der Hauptursachen genannt. MDR-AKTUELL-Hörer Wolfgang Weiß aus Oelsnitz wundert sich in diesem Zusammenhang.

Zu DDR Zeiten wurde doch die Landwirtschaft industriell und intensiv genutzt. Es wurden auch mehr Pflanzenschutzmittel eingesetzt. Trotzdem gab es meiner Meinung nach mehr Insekten damals als heutzutage. Da würde mich mal interessieren, warum das so ist? Oder ist das nur eine scheinbare Darstellung?

Wolfgang Weiß, MDR-Aktuell-Hörer

Insektensterben ist kein neues Phänomen

Ronald Schiller empfängt mich am Eingang des Naturkundemuseums in Leipzig mit den Worten "Mit Ihrer Frage kann man ganze Vorlesungen füllen". Schiller ist Insektenforscher. Seit Ende der Sechziger Jahre sammelt er Schmetterlinge in der Region. Auch er hat zu DDR-Zeiten mehr Insekten beobachtet. Extrem auffällig sei der Rückgang aber eigentlich erst die letzten zehn, fünfzehn Jahre. Insektensterben sei aber keineswegs ein neuartiges Phänomen. Dass Insektenarten zurückgehen, könne mittlerweile bis ins Ende des 19. Jahrhunderts nachgewiesen werden. Und auch zu DDR-Zeiten sei es vorgekommen, erzählt Schiller:

Wir haben sicherlich auch schon zu DDR-Zeiten Regionen gehabt, die ausgesprochen insektenarm waren, einfach aufgrund der intensiven Landwirtschaft, die dort auch schon betrieben wurde.

Ronald Schiller, Insektenforscher

An der Insektenarmut waren damals und sind heute aber nicht allein Pflanzenschutzmittel Schuld. Schiller bezeichnet sie vielmehr als "Sahnehäubchen des Problem-Kuchens". Viel gravierender wirkt sich aus, wenn die Insekten kein Futter und keinen Lebensraum mehr finden. Und beides scheine heute weniger zur Verfügung zu stehen als zu DDR-Zeiten. Warum das so sei, dafür gebe es viele Gründe, sagt Ronald Schiller: "Wir haben natürlich heute noch einen deutlich stärkeren Flächenverlust, eben durch die Expansion der Städte, durch den Ausbau der Verkehrsnetze und durch eine weitere Intensivierung der Landwirtschaft und durch eine wesentlich (...) geringere Breite an Nutzpflanzen, die die Landwirte anbauen. Also mir fehlt beispielsweise die Luzerne. Es gab bei Schkeuditz ein Luzernenfeld, da trafen sich sämtliche Schmetterlinge aus dem Umland, weil es da genug zu fressen gab."

Die Landwirtschaft ist nur ein Problem von vielen

Dass Insektizide nicht Schuld seien am Insektensterben, betont auch Holger Deising. Der Agrarwissenschaftler erforscht Pflanzenschutzmittel an der Uni Halle. Er geht sogar noch einen Schritt weiter und sagt: Auch der Landwirtschaft werde zu Unrecht der schwarze Peter zugeschoben. "Man sieht eigentlich in der Fachwelt nicht, dass der Landwirtschaft die kausale Ursache zugeschrieben werden kann für den Artenrückgang, jedenfalls nicht allein."

Logo der Hörfunkwelle MDR AKTUELL 3 min
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Warum gab es zu DDR-Zeit mehr Insekten als heute trotz intensiver Landwirtschaft

MDR AKTUELL Mo 02.12.2019 05:21Uhr 03:08 min

https://www.mdr.de/nachrichten/audio/audio-1237252.html

Rechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Audio

Heute gingen ungefähr 66 Hektar täglich an landwirtschaftlicher Fläche verloren, zum Beispiel für Straßenbau, durch Verkarstung oder durch Versiegelung von Böden. Schiller und Deising vermuten zudem beide, dass zu DDR-Zeiten gar nicht mehr Pflanzenschutzmittel zum Einsatz gekommen seien als heute. Denn auch in der Landwirtschaft habe Mangel geherrscht, so der Agrarwissenschaftler: "Es war nicht so, dass beliebig viel Chemie als Pflanzenschutzmittel zur Verfügung stand."

Bauarbeiter beim Straßenbau
Auch der Straßenbau trägt eine Mitschuld am Insektensterben. Bildrechte: Colourbox.de

Belegen kann man das nicht. Genaue Zahlen darüber, welchen Mengen zu DDR-Zeiten eingesetzt worden waren, wurden nie erhoben. Das teilt das zuständige Amt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit auf Anfrage mit. Von dort heißt es zudem: Man müsse bedenken, dass die Insektizide im Laufe der Zeit immer besser wurden. Im Klartext: Wo früher Kilogramm-Mengen ausgebracht wurden, braucht es heute nur noch wenige Gramm. Die Aussage "Früher wurde mehr gespritzt" sagt in diesem Fall also gar nichts aus.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 02. Dezember 2019 | 06:11 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 02. Dezember 2019, 05:00 Uhr

404 Not Found

Not Found

The requested URL /api/v1/talk/includes/html/7bf59c33-bb56-4ff3-83e9-647dd80fb5aa was not found on this server.

Alle Beiträge

Radio

Logo von MDR AKTUELL mit dem Schriftzug "Hörer machen Programm"
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Radio

Logo von MDR AKTUELL mit dem Schriftzug "Hörer machen Programm"
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Zurück zur Startseite