Covid-19 Coronavirus-Blog Osteuropa: Schlechte Aussichten in Rumänien

Das Corona-Virus hat auch den Alltag der Menschen in den meisten Ländern Osteuropas verändert. In manchen Staaten wurden drastische Maßnahmen ergriffen, in anderen geht man noch sehr entspannt mit der Pandemie um. In diesem "Tagebuch" berichten unsere Ostblogger und andere Korrespondenten regelmäßig über die Lage in ihren Heimatländern.

29. März 2020 | Rumänische Ärzte: Mülltüten als Schutzkleidung

Anca Titorov
Anca Titorov berichtet aus Rumänien. Bildrechte: Anca Titorov

Hallo, ich bin Anca Titorov aus Rumänien. Hier stehen wir noch am Beginn der Corona-Krise. Mit knapp 1.000 Infizierten liegen wir immer noch hinter vielen europäischen Ländern. Und doch sieht man auf meiner Straße keinen Menschen mehr. Einerseits wegen der am 25. März verhängten Ausgangssperre, andererseits, weil die Menschen hier verängstigt sind.

Straßenkontrollen in Bukarest
Bukarest: Polizisten überwachen die Einhaltung der Ausgangsperre. Bildrechte: imago images/Xinhua

Es ist zwar seit langem bekannt, dass das Gesundheitssystem in Rumänien schwach und keinesfalls auf eine Krisensituation vorbereitet ist, aber was jetzt in den hiesigen Krankenhäusern geschieht, hat sogar unverbesserliche Optimisten ein bisschen erschreckt. Mancherorts sind so viele Ärzte und Pflegekräfte mit dem Coronavirus infiziert, dass die Kliniken geschlossen werden mussten. Die Krankenhäuser scheinen jetzt eines nach dem anderen zu kolabieren. Und weil es an allem mangelt, wird improvisiert, was das Zeug hält. In den Medien erschienen Fotos eines Arztes aus der Stadt Craiova, der mangels Schutzausrüstung mit Heftpflaster befestigte Müllsäcke an den Füßen trägt. Und dann trat am 26. März auch noch der Gesundheitsminister zurück…

Glücklicherweise brachte am selben Tag ein NATO-Transport 45 Tonnen medizinische Ausrüstung aus Südkorea ins Land. Bei aller Dramatik, hat die Situation auch einen positiven Aspekt: Rumänien erlebt eine Welle der Solidarität, der Großzügigkeit und der Menschlichkeit, wie es sie seit Jahrzehnten nicht gab. Und auch die Botschaft aus Italien ist hier inzwischen angekommen: "Andra tutto bene". "Totul va fi bine." "Alles wird gut."

27. März 2020 | From Russia with Love

Fotomontage Mann vor Fahne
Ostblogger Maxim Kireev berichtet aus Russland. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Hallo, ich bin Maxim Kireev aus Sankt-Petersburg. In Russland wurde die Corona-Epidemie sehr lange von den Menschen auf die leichte Schulter genommen. Noch immer gibt es in Sankt-Petersburg Berufsverkehr und Staus, in den Schlangen an der Kasse stehen Menschen dicht gedrängt und Freunde laden sich gegenseitig zu Partys und Geburtstagen ein.

Baustelle für ein neues Krankenhaus für COVID-19-Infizierte Golochvastowo
Nach chinesichem Vorbild: Russland zieht "Corona-Kliniken" hoch. Bildrechte: imago images / ITAR-TASS

Doch seit wenigen Tagen wird der Ernst der Lage zunehmend deutlich. In den Großstädten werden Krankenhäuser für Corona-Patienten freigeräumt. Im Umland von Moskau und Sankt-Petersburg ziehen Bauarbeiter im Eiltempo und rund um die Uhr nach chinesischem Vorbild neue Krankenhäuser mit Infektionsstationen hoch. Erst vor wenigen Tagen warnte der Chefarzt der wohl nun bekanntesten Klinik des Landes im Moskauer Viertel Kommunarka vor laufenden Kameras, es drohe ein italienisches Szenario.

Transportflugzeug Iljuschin Il-76
From Russia with Love: Eine IL-76 mit medizinischem Equipment für Italien an Bord. Bildrechte: imago images / ITAR-TASS

Vor diesem Hintergrund geraten einige Maßnahmen der Regierung nun in die Kritik. Etwa die großzügige Geste von Wladimir Putin, neun Militärmaschinen mit Ausrüstung und einem 100-Mann starken Team von Militär-Virologen nach Italien zu schicken. "From Russia with Love" prangte auf den Fahrzeugen. Als die Hilfsaktion beschlossen wurde, hatte Russland selbst offiziell weniger als 200 Infizierte. 

Doch weil es mittlerweile jeden Tag mehrere Hundert neue Infektionen gibt, kritisieren manche Ärzte und Mediziner diesen Schritt. Schließlich ist die staatliche Medizin in der russischen Provinz selbst oft in einer desolaten Situation. "Mir wäre es lieb, wenn sie bald wieder nach Russland zurückkehren, weil es hier wahrscheinlich bald genauso aussieht wie in Europa", sagte ein Virologe im russischen Staats-TV. Andere Mediziner machen ihrem Ärger vor allem in sozialen Netzwerken Luft.

Die russischen Behörden haben eine Liste veröffentlicht mit Dingen, die Krankenhäuser nun für den Notfall vorhalten müssen. Doch es fehlt an Schutzkleidung und mancherorts sogar an Desinfektionsmitteln. Vor allem in Krankenhäusern, die auf Infektionen gar nicht ausgelegt sind, aber trotzdem die Vorgaben befolgen müssen. Andere Einrichtungen helfen sich da einfach selber. Die Mitarbeiterin einer privaten Krankenversicherung zeigte mir erst vor wenigen Tagen ein Schreiben ihrer Vorgesetzten. Darin steht die Anweisung mehrere Flaschen hochprozentigen Alkohol zu kaufen für das Büro. Desinfektionsmittel in dem Umfang aufzutreiben, sei unmöglich.

26. März 2020 | Geflüchtete nähen Atemmasken für polnische Kliniken

Ostbloggerin Monika Sieradzka vor polnischer Flagge.
Ostbloggerin Monika Sieradzka berichtet aus Polen. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Hallo, ich bin Monika Sieradzka aus Warschau, normalerweise viel unterwegs und derzeit viel zu Hause. Seit gestern gilt in Polen eine Ausgangssperre bis auf die Fälle, wenn man zur Arbeit, einkaufen oder zur Apotheke muss. Das hat bekanntlich seine Vorteile: Man hat etwas mehr Zeit für einander. Ich habe ganz lange mit der Stiftung "Wanderfrauen" aus Danzig telefoniert, weil ich mehr über die inzwischen bekannte Aktion "Wir nähen Schutzmasken" erfahren wollte. In ganz Polen werden derzeit alte Klamotten gesammelt, aus denen man kleinere Stoffstücke gewinnt, um daraus Schutzmasken für Ärzte zu nähen. Man (Frau) muss keine professionelle Schneiderin sein, man braucht nur eine Nähmaschine zu Hause. Dass das polnische Gesundheitssystem stark unterfinanziert ist, ist bekannt. Auch Schutzmasken fehlen. So gewinnen die gesellschaftlichen Aktionen, wie Maskennähen oder massive Geldspenden, für Krankenhäuser an Bedeutung.

Die Danziger Initiative ist eine besondere, weil sie von Einwanderern gestartet wurde. Ja, es gibt sie auch in Polen, obwohl Polens Regierungen in den letzten Jahren immer gegen die Aufnahme von Migranten waren. Doch in Danzig waren sie willkommen, das war die Politik des ermordeten Bürgermeisters Pawel Adamowicz. Vor anderthalb Jahren hat die tschetschenische Pädagogin Khedi Alieva zusammen mit ihrer Schwester Aminat, übrigens Schneiderin von Beruf, die Stiftung "Wanderfrauen" gegründet und zusammen mit den polnischen NGOs Integrationsprojekte gemacht. Jetzt, in den schwierigen Zeiten, starteten sie die Aktion "Wir nähen Schutzmasken" - aus Dankbarkeit an das liberale Danzig, das sie aufgenommen hat. Viele Polen haben sich der Aktion angeschlossen und im ganzen Land wird jetzt tüchtig genäht. Wieder so typisch polnisch: In schwierigen Zeiten ist die Solidarität wieder da.

Polen: Atemschutzmasken

Näherinnen stellen Atemmasken her.
Khedi Alieva (rechts) und ihre Schwester Aminat. Die beiden stammen aus Tschetschenien. Bildrechte: Anna Rezulak\MDR
Näherinnen stellen Atemmasken her.
Khedi Alieva (rechts) und ihre Schwester Aminat. Die beiden stammen aus Tschetschenien. Bildrechte: Anna Rezulak\MDR
Näherinnen stellen Atemmasken her.
Khedi Alieva hat gemeinsam mit ihrer Schwester vor anderthalb Jahren in Danzig die Stiftung "Wanderfrauen" gegründet. Bildrechte: Anna Rezulak\MDR
Näherinnen stellen Atemmasken her.
Aminat ist gelernte Schneiderin. Bildrechte: Anna Rezulak\MDR
Näherinnen stellen Atemmasken her.
Jetzt haben sie die Aktion "Wir nähen Schutzmasken" gestartet. Bildrechte: Anna Rezulak\MDR
Näherinnen stellen Atemmasken her.
Gemeinsam mit anderen Frauen nähen sie die Masken aus Stoffresten. Bildrechte: Anna Rezulak\MDR
Näherinnen stellen Atemmasken her.
Die Masken werden an Krankenhäuser abgegeben. Bildrechte: Anna Rezulak\MDR
Näherinnen stellen Atemmasken her.
Am Projekt beteiligen sich auch polnische Frauen. Bildrechte: Anna Rezulak\MDR
Näherinnen stellen Atemmasken her.
In der Werkstatt von Khedi Alieva und ihre Schwester Aminat arbeiten Volontärinnen. Bildrechte: Anna Rezulak\MDR
Näherinnen stellen Atemmasken her.
Es gibt viel zu tun. Bildrechte: Anna Rezulak\MDR
Näherinnen stellen Atemmasken her.
Die Masken sind auch ein Hingucker. Bildrechte: Anna Rezulak\MDR
Näherinnen stellen Atemmasken her.
Das Team um die beiden tschetschenischen Schwestern. Bildrechte: Anna Rezulak\MDR
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25. März 2020 | Schnelltests aus China: Ein teurer Flop

Diese blonde Frau ist unsre tschechische Ostbloggerin Helena Šulcová.
Ostbloggerin Helena Šulcová berichtet aus Tschechien. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Hallo, ich bin Helena Šulcová aus Prag. Hanka, eine gute Freundin von mir, wollte sich Anfang März auf das Coronavirus testen lassen. Zwei Tage lang hat sie versucht, über die eigens dafür eingerichtete Hotline das Hygieneamt in Prag zu erreichen. Ohne Erfolg. Zu viele Anrufe, zu wenige Orte, wo auf Corona getestet wurde. Hanka hat dann aufgehört, sie hatte doch keine Symptome, und den Test wollte sie nur zur Sicherheit. Seitdem hat sich die Situation verändert, es gibt in Tschechien etwa 50 zertifizierte Labore, in denen auf Corona getestet wird. 

In dieser kritischen Situation sollten auch aus China bestellte Schnelltests helfen. Doch an der Zuverlässigkeit der Tests zweifelt man hier. 300.000 Corona-Schnelltests hat die tschechische Regierung bestellt. Ein Militärflugzeug mit den ersten 150.000 Tests an Bord landete vergangene Woche in Prag. Gleich drei Regierungsmitglieder haben die Lieferung vom Flughafen abgeholt. Auf die Freude folgte schnell Ernüchterung. Eine Woche später meldete sich nämlich die Chefin des Hygieneamtes aus Ostrava, Pavla Svrčinová und meinte, fast 80 Prozent der chinesischen Tests zeigten ein falsches Ergebnis. "Die Tests zeigen nicht nur falsche negative, sondern auch falsche positive Ergebnisse”, sagte sie. 

Der stellvertretende Gesundheitsminister Roman Prymula verteidigt den Kauf: "80 Prozent Fehlerquote ist nicht wahr. Dass es aber mindestens 20 bis 30 Prozent Fehlerquote gibt, ist bekannt, so funktionierte es auch in China. Andere Schnelltests haben wir aber nicht." Man wartet jetzt auf Ergebnisse aus dem ganzen Land, erst dann kann man sagen, ob Tschechien die Katze im Sack aus China gekauft hat. Und obendrein hätten sie diese auch noch teuer bezahlt, denn die Tschechen haben insgesamt zwei Millionen Euro für die Schnelltests aus China ausgegeben. 

24. März 2020 | Von fünf bis fünf: Ausgangssperre in Serbien

Fotomontage Mann vor Fahne
Ostblogger Andrej Ivanij berichtet aus Serbien. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Hallo, ich bin Andre Ivanij aus Belgrad. Bei uns in Serbien ist die Lage irgendwie grotesk. Noch vor kurzem machte sich die Staatsführung lustig über das Corona-Virus. Auf einer Pressekonferenz empfahl ein Arzt sogar, dass man seine Frauen nach Mailand schicken solle, weil man dort jetzt so billig einkaufen könne. Und dann - kurze Zeit später - wurden plötzlich extrem harte Maßnahmen beschlossen. Mittlerweile darf ich schon ab 17 Uhr nicht mehr aus dem Haus gehen. Bis 5 Uhr morgens herrscht eine totale Ausgangssperre. Und wer älter als 65 ist, darf seine Wohnung gar nicht mehr verlassen. Auf der Straße patrouillieren bewaffnete Polizisten und Soldaten.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL | 27. März 2020 | 17:45 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 29. März 2020, 01:00 Uhr