Veredelung im Spätsommer Okulation: Wilden Kirschbaum mit einer Süßkirsche veredeln

Wenn sich im Garten ein junger Kirschbaum angesiedelt hat, können Sie ihn im Spätsommer veredeln. Der August ist die richtige Zeit für die Augen-Veredelung, auch Okulation genannt. Dabei wird eine ruhende Knospe der gewünschten Obstsorte unter der Rinde eines kleinen Baums eingesetzt. So lassen sich auch lieb gewonnene, alte Sorten bewahren. Monika Möhler vom Lehr- und Versuchszentrum für Gartenbau Erfurt erklärt, wie Okulieren geht – Schritt für Schritt.

Klingärtner Jörg Heiß und Obstbauexpertin Monika Möhler mit veredeltem Kirschbaum
Obstbaumexpertin Monika Möhler zeigt, wie ein Kirschbaum veredelt wird. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Ertragreicher Obstbaum dank Veredelung

T-förmiger Schnitt für Veredelung per Okulation
Der Wurzelsprössling dient als Unterlage für den neuen Kirschbaum Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Wenn ein Kirschbaum im Garten einen Wurzelschössling gebildet hat, kann dieser junge Baum veredelt werden. Der Schössling ist aus den Wurzeln des älteren Baumes gewachsen, die nah an der Erdoberfläche liegen. Er ist ein Wildtrieb, der kaum oder gar keine appetitlichen Früchte trägt. Damit er einen hohen Ertrag an schmackhaften Kirschen bringen kann, muss er mit einer bewährten Sorte veredelt werden. Der Wurzelschössling dient dann als Unterlage. Auch wilde Kirsch- und andere Obstbäume, die einfach so im Garten gewachsen sind, können als Unterlage genutzt und mit einer Wunschsorte veredelt werden.

Was ist eine Unterlage und warum ist sie notwendig? Wer im Handel einen Kirschbaum kauft, bekommt eigentlich zwei Bäume in einem: Die Wurzeln stammen von der Unterlage, einem Obstbaum, der veredelt wurde. Das heißt, dass der Rest des Baumes zu einer anderen Sorte als die Unterlage gehört: Stamm, Krone und vor allem die Früchte zählen zu der gewünschten Kirschensorte. Die Unterlage ist jedoch dafür verantwortlich, wie der gesamte Baum mit Nährstoffen und Wasser versorgt wird. Sie bestimmt auch, wie schnell und hoch er wächst. Und die Unterlage beeinflusst die Qualität der Früchte.

Würde man einen Kirschkern einfach in den Boden stecken, hätte der daraus gewachsene Baum nicht mehr die gleichen Merkmale wie seine Mutterpflanze. Er würde nicht mehr zur selben Sorte gehören, da die Kirschblüte mit dem Pollen eines anderen Baumes bestäubt wurde. Man bekäme also einen unbekannten Sämling - mit unbekannten Eigenschaften. Deswegen werden Obstbäume nicht über Samen vermehrt, sondern meistens auf bewährten Unterlagen veredelt. Nur durch die Vermehrung über die Veredlung können Ertrag und Wachstum der Kirschsorten kontrolliert werden.

Einjährige Triebe als Edelreiser verwenden

Ruhende Knospe als Veredelungsauge an Obstbaumzweig
Für die Veredlung werden einjährige Zweige einer Lieblingskirsche verwendet Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Für die Veredelung eines Wurzelschösslings verwendet Monika Möhler in unserem Fall einjährige Zweige von ′Büttners Roter Knorpelkirsche′. Diese sehr alte Süßkirschensorte blüht ab März. Im Frühsommer trägt sie rot-gelbe Kirschen mit hellem Fruchtfleisch. Wer einen wilden Kirschbaum veredeln möchte, kann zum Beispiel einen Edelreiser von einem bewährten Baum im eigenen Garten schneiden – oder einfach bei Nachbarn und Freunden nachfragen. Wichtig: Am besten sind einjährige, sortenechte Triebe, die mindestens Bleistiftstärke haben, als Veredelungsreiser geeignet.

Für die Veredelung gibt es verschiedene Techniken. Eine davon ist das Okulieren, auch Okulation genannt. Der beste Zeitpunkt dafür ist die Zeit von Juli bis August. Bei der Okulation werden ruhende Knospen der gewünschten Obstsorte, die Augen, zum Veredeln in die Unterlage eingesetzt. Für den Erfolg ist entscheidend, dass möglichst viel Kambium-Fläche beider Seiten aufeinander liegen und zusammenwachsen. Das Kambium ist die Wachstumsschicht, die unter der Bastschicht und der Borke eines Baumes liegt.

Überstehende Rinde wird bei Veredelung von Kirschbaum per Okulation abgeschnitten 2 min
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Das Veredeln von Obstbäumen geht leichter als man denkt. Obstbaumexpertin Monika Möhler zeigt Schritt für Schritt, wie Sie einen Lieblingsbaum vermehren können.

MDR FERNSEHEN So 25.08.2019 08:30Uhr 01:30 min

https://www.mdr.de/mdr-garten/pflegen/pflanzenschnitt/okulation-obstbaum-veredeln-100.html

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Veredeln durch Okulation: Schritt für Schritt

Für die Augen-Veredelung verwenden Sie am besten ein Okuliermesser. Sie benötigen außerdem Veredelungsband zum Verbinden. Achten Sie beim Arbeiten unbedingt auf Sauberkeit und glatte Schnitte, damit die Okulation Erfolg hat.

Veredelungsauge wird für Okulation von Zweig abgeschnitten
Vom Veredlungszweig wird eine ruhende Knospe mit umgebener Rinde abgeschnitten. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

1. Mit dem Okuliermesser schneiden Sie vom Edelreiser, dem Zweig Ihrer gewünschten Obstsorte, eine ruhende Knospe mit umgebender Rinde und Blattstiel ab. Das Blatt über der Knospe selbst können Sie entfernen, aber den Stiel sollten Sie übrig lassen. "Dieses Veredelungsauge muss möglichst dünn abgeschnitten werden", betont Monika Möhler. Berühren Sie die Schnittstelle möglichst nicht mit den Fingern. Fassen Sie das Veredelungsauge lieber am Blattstiel an.

T-förmiger Schnitt für Veredelung per Okulation
Die Rinde der Unterlage wird T-förmig eingeschnitten. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

2. Schneiden Sie dann mit dem Okuliermesser die Rinde des jungen Baumes, der als Unterlage dient, an einer glatten Stelle vorsichtig ein: einmal quer und einmal längs, so dass ein kleiner, T-förmiger Einschnitt entsteht. Der Schnitt quer zur Wuchsrichtung sollte zwei bis drei Zentimeter, der Längsschnitt in der Rinde drei bis vier Zentimeter lang sein.

Ein kleiner Zweig wird unter die Rinde eines Baumes gesteckt
Das Veredelungsauge sollte vorsichtig unter die Rinde der Unterlage geschoben werden, so dass die Schnittstellen aufeinander liegen. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

3. Biegen Sie mit dem Rindenlöser des Okuliermessers am T-Schnitt die Borken- und Bastschicht der Unterlage vorsichtig auf. In diese Tasche zwischen Rinde und Kambium wird nun von oben das Veredelungsauge geschoben.

4. Drücken Sie das Auge im Schlitz behutsam mit dem Rindenlöser nach unten. Wenn nun oberhalb des Einschnitts noch etwas Rinde vom Veredelungsauge absteht, wird diese einfach auf Höhe des Querschnitts abgeschnitten.

Eingesetztes Veredelungsauge wird nach Okulation verbunden
Die Veredlungsstelle wird eingewickelt. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

5. Nun wird alles verbunden, damit das Auge mit der Unterlage gut verwächst. Dazu können Sie selbsthaftendes Veredelungsband verwenden. Es funktioniert aber auch Klebeband vom Elektriker. Die eingesetzte Knospe wird einfach mit eingewickelt.

Angewachsenes Auge auf einer Obstbaumunterlage
Ein halbes Jahr später. Bildrechte: MDR / Daniela Dufft

6. Das Anwachsen dauert ungefähr sechs Wochen. An der braunen Verfärbung des Stiels über dem Auge lässt sich erkennen, ob der Edelreiser sich mit der wilden Unterlage verbunden hat. Ein halbes Jahr später sollte die Veredlungstello so wie auf dem Bild aussehen. Dann ist es Zeit das Werk zu vollenden.

Ein veredelter Kirschbaum wird abgesägt
Der wilde Kirschbaum wird oberhalb der Veredlungstelle abgesägt. Bildrechte: MDR / Daniela Dufft

7. Im Februar wird die Unterlage knapp über dem angewachsenen Auge abgesägt. So wird die Knospe des Edelreisers dazu angeregt, im Frühling auszutreiben. Nutzen Sie dafür eine saubere und scharfe Säge.

Wundpaste wird auf Schnittfläche eines Baumes aufgetragen
Wundversorgung Bildrechte: MDR / Daniela Dufft

8. Die Schnittstelle wird anschließend mit Wundpaste versorgt. Die Wundpaste verhindert, dass Feuchtigkeit und Schädlinge in das Holz eindringen. Die Wunde verheilt besser.

Mit der Okulation lassen sich nicht nur wilde Obstbäume veredeln. Wer einen lieb gewonnen Kirsch-, Apfel- oder Pflaumenbaum hat, kann die Sorte dank der Augen-Veredelung erhalten. Eine andere bewährte Möglichkeit ist die Kopulation. Mit dieser Technik werden Bäume aber nicht im Spätsommer, sondern im Frühling veredelt.

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | MDR Garten | 23. Februar 2020 | 08:30 Uhr