Finanzprobleme Steht die Willi-Sitte-Stiftung vor dem Aus?

Die Willi-Sitte-Stiftung kümmert sich eigentlich um den Nachlass des Künstlers, der zu DDR-Zeiten höchste Ehrungen genoss. Doch nun wurde bekannt, dass sich die Stiftung auflösen will. Beziehungsweise muss, denn sie wird unter anderem von Finanzproblemen geplagt. Ende Februar wurde bekannt, dass die Willi-Sitte-Galerie in Merseburg geschlossen werden soll. Nun wackelt offenbar die ganze Nachlassverwaltung. Was steckt dahinter? Und kann man eine Stiftung eigentlich so einfach auflösen? MDR KULTUR-Kunstexperte Wolfgang Schilling hat sich informiert.

Maler Willi Sitte, 2009
Der Maler Willi Sitte (1921-2013), ehem. Präsident des Verbandes Bildender Künstler der DDR Bildrechte: Imago/ Köhn Painter

MDR KULTUR: Am 28. Februar wäre der 99. Geburtstag von Willi Sitte gewesen. Nun wird bekannt, dass die Willi-Sitte-Stiftung sich offenbar selbst auflösen will. Wolfgang Schilling hat das Ganze für MDR KULTUR tiefer recherchiert. Was heißt diese Nachricht konkret?

Wolfgang Schilling: Also zunächst ist das Modell einer Stiftung ja so angelegt, dass man dem Stiftungszweck entsprechend, sozusagen auf Ewigkeit, hinzuwirken hat. Man kann sich nicht so einfach auflösen. Deswegen ist der Beschluss des Stiftungsvorstands, auch wenn er offensichtlich einstimmig ausfiel, dann noch nicht das letzte Wort. Das hat jetzt die Stiftungsaufsicht des Landes Sachsen-Anhalt.

Im vorliegenden Fall fehlt offensichtlich das Kapital, um den Stiftungszweck zu erfüllen, also das Werk von Willi Sitte, öffentlich auszustellen, es wissenschaftlich zu betreuen, es zu erhalten, sprich, auch die nötigen Erhaltungsmaßnahmen wie Restaurierungen vorzunehmen.

Außenansicht der Willi Sitte Galerie in Merseburg
Die Willi-Sitte-Galerie in Merseburg Bildrechte: imago/Köhn

Wie es mit der Willi-Sitte-Galerie selbst in Merseburg, dem übrigens sehr schönen Ausstellungsort dort auf dem Domberg, weitergeht, das steht dann natürlich auch in den Sternen. Denn die Bilder gehen wohl, wenn es Leihgaben sind, an die Familie des Künstlers zurück. Sollten sie aber Stiftungseigentum sein, dann ist das auch nicht so einfach. Dann wird das, soweit ich informiert bin, als Schenkung eingestuft und würde dann wieder steuerlich relevant.

Wie ist es überhaupt zu dieser Situation gekommen?

Die 2005 gegründete Stiftung war streng genommen nie so richtig lebensfähig. Das Stiftungskapital betrug damals lediglich 90.000 Euro. Das erbrachte also selbst vor 15 Jahren allenfalls um die 5.000 Euro Zinserträge. Davon kann man keine Galerie unterhalten. Das reicht nicht mal für Miete und Nebenkosten, geschweige denn für ein Jahresgehalt der damals einzigen fest angestellten Mitarbeiterin, Willi Sittes Tochter Sarah Rohrberg. Das übernahm in den Anfangsjahren der Hauptsponsor Gazprom Germania. Nicht umsonst war Altbundeskanzler Gerhard Schröder bei der Galerieeröffnung in Merseburg 2006 dabei, der ja auch als Sitte-Freund, bzw. Freund seines Werkes bekannt ist. Aber Gazprom ist dann schon vor einigen Jahren ausgestiegen. Jetzt offensichtlich auch noch die Saalesparkasse. Sarah Rohrberg wurde schon 2019 gekündigt. Da drohte also offensichtlich die Insolvenz.

Kuratorin Sarah Rohrberg 47 ( Tochter von Maler Willi Sitte ) vor dem Triptychon «Jeder Mensch hat das Recht auf Frieden und Leben», 1973
Sarah Rohrberg, die Tochter von Willi Sitte Bildrechte: imago/Steffen Schellhorn

Die Stiftung hat ja auch eine eigene Sammlung an Sitte-Werken. Teile davon sollen mittlerweile zur Finanzierung verkauft worden sein. Das hat aber offenbar auch nicht genug Geld eingebracht?

Ja, das mit dem Verkauf ist richtig, das war schon im Jahr 2018. Da wurden bei Lempertz in Köln zwei Gemälde versteigert, eins für knapp 10.000 Euro, später erhielt noch ein zweites den Zuschlag für 6.200 Euro. Ein drittes soll an einen Privatsammler verkauft worden seien, über die Höhe des Preises liegen mir keine Informationen vor. Aber alles in allem ist so ein mittlerer fünfstelliger Betrag ja auch nur ein Tropfen auf den heißen Stein gewesen. Und der ständige Weiterverkauf von Werken ist mit dem Stiftungszweck natürlich auch nicht vereinbar.

Also diese Preise – 10.000 Euro und 6.200 Euro – das klingt nicht allzu viel für einen Maler mit diesem Namen in der deutschen Kunstgeschichte. Wie stark sind die Werke von Willi Sitte im Moment auf dem Kunstmarkt nachgefragt?

"Nach der Schicht im Salzbergwerk" von Willi Sitte
"Nach der Schicht im Salzbergwerk" von Willi Sitte Bildrechte: Kunstpalast Düsseldorf/Willi Sitte

Da hab ich mal mit Karl Schwind gesprochen, über dessen Galerien in Frankfurt, Berlin und Leipzig die Werke von Willi Sitte angeboten werden. Er sagte mir, für diese Werke aus der ehemaligen DDR gehen die Preise in den letzten Jahren allgemein wieder nach oben.

Um es konkret zu machen: Im Oktober des vergangenen Jahres wurden in Berlin bei Lehr zwei frühe Sitte-Gemälde aus den Jahren 1956 und '64 versteigert, kleine Ölformate, so 50 mal 40 Zentimeter, das ältere für 11.500 Euro und das von 1964, schon typischere Sitte-Bild, für 16.000 Euro. Wie gesagt, das sind Zuschlagspreise bei einer Auktion. Das heißt, dass der Verkaufspreis in einer Galerie ungefähr das Doppelte betragen dürfte.

Wie soll es nun weiter gehen mit der Stiftungssammlung von Sitte-Werken? Die Moritzburg in Halle, hört man, sei daran interessiert? Zum nächsten Jahr will man ja zum 100. Geburtstag eine große Ausstellung machen.

Das ist richtig, die Schau wird es geben. Und das Kunstmuseum Moritzburg wäre natürlich ein idealer Partner, der sich um das Konvolut der Sitte-Stiftung – immerhin sind das 240 Ölbilder und weit über tausend Arbeiten auf Papier – auch im Sinne des Erhalts kümmern könnte. Und Direktor Thomas Bauer-Friedrich hätte da bestimmt auch keine Berührungsängste.

Auf Nachfrage wurde mir vom Museum allerdings nur mitgeteilt, dass alle Kommunikation in Sachen Sitte-Stiftung nur über einen halleschen Rechtsanwalt geführt wird.

Konnten Sie mit ihm reden?

Sprechen nicht – aber kommunizieren. Das Ergebnis liest sich in einer freundlichen E-Mail wie folgt: bis zur notwendigen Genehmigung der Stiftungsbehörde zu den durch das Kuratorium der Stiftung getroffenen Beschlüsse macht ein Interview zur Frage, wie weiter verfahren werden soll, wenig Sinn. Sobald diese Genehmigung vorliegt, wird man sich dann an die Presse wenden.

Das Interview führte Vladimir Balzer für MDR KULTUR

Die Willi-Sitte-Stiftung Die "Willi-Sitte-Stiftung für realistische Kunst" wurde 2003 gegründet, um den Nachlass des Malers Willi Sitte zu betreuen, zu erforschen und in Ausstellungen zu präsentieren. Dafür wurde u.a. 2012 eine Galerie gegründet, die nun vor der Schließung steht. Zu den von der Stiftung bewahrten Kulturgütern gehören zahlreiche Gemälde, Grafiken und Handzeichnungen des Künstlers.

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 03. März 2020 | 07:10 Uhr

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