Vorgestellt Wilcos neues Album: Songs aus tiefster Nacht

Stefan Maelck, MDR KULTUR-Moderator und Musikkritiker
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Die US-amerikanische Band Wilco wird auch in Deutschland teils kultisch verehrt. Und das für eine Musik, die sich im weitesten Sinne auf traditionelle amerikanische Stile wie Country und Bluegrass bezieht und sie mit Rock, Krautrock, Folk, Blues und Electronica kombiniert. Der Titel des neuen Wilco-Albums "Ode to Joy" ("Ode an die Freude") lässt Musik voller Lebensfreude erwarten. Stattdessen enthält es Songs von besinnlicher Tiefe und schönster Traurigkeit, die zu Tränen rühren und doch Energie geben, so unser Kritiker.

Die Musiker der US-Folkrocker Wilco.
Die US-Folkrockband Wilco um Jeff Tweedy (dritter von links) Bildrechte: dpa

Gerade waren Wilco in Deutschland auf Tour, und das vor dem Erscheinen des neuen Albums "Ode to Joy". Das wäre früher undenkbar gewesen, man ging schließlich auf Tour, um ein Album zu promoten. Heute, wo Bands von Konzerten leben, ist zumindest der Kreislauf Album-Tour-Album unterbrochen. Und doch passte es irgendwie – in den letzten Jahren waren Wilco immer im September in Deutschland, dieses Mal sogar in der Hamburger Elbphilharmonie, und kurz zuvor war die deutsche Ausgabe von Jeff Tweedys Memoiren "Let's Go (So We Can Get Back): Aufnehmen und Abstürzen mit Wilco etc." erschienen.

Es ist also Wilco-Tweedy-Herbst, und sogar die Blätter strahlen – zumindest im Songtitel "Bright Leaves" – eine eher störrische, entrückte Eröffnung, weit entfernt von "Freude schöner Götterfunken". "It will never change" – "es ändert sich nie" – so das Mantra von "Bright Leaves". Und man vermutet schon, ein Gegenmittel gegen die Herbstdepression wird dieses Album nicht – eher der helfende Spiegel.

Jeff Tweedy wird als Verfasser von Liedern immer versierter, immer filigraner, immer tiefer. Er versteckt sich nicht mehr hinter Attitüden, Störgeräuschen oder Gitarrengewittern. Auf 'Ode to Joy' ist der Song selbst der Höhepunkt.

Stefan Maelck, MDR KULTUR-Musikkritiker

Kein Mittel gegen Herbstdepression

Wilco
Wilco Bildrechte: Warner Music

Mit seiner Band Wilco hat Jeff Tweedy dem Hörer in knapp 25 Jahren so manches abverlangt – Krautrock und Elektronik uferten mitunter aus, und selten haben sie ihre Werke so in eine Form gegossen wie auf dem 2007er-Album "Sky Blue Sky". Das mag an einigen privaten Hintergründen liegen, an ein paar tiefen Tälern, die Songschreiber Tweedy hinter sich gelassen hat, wie zum Beispiel seine Tablettensucht.

Vor allem aber liegt es daran, dass Tweedy als Verfasser von Liedern immer versierter wird, immer filigraner, immer tiefer. Er versteckt sich nicht mehr hinter Attitüden, Störgeräuschen oder Gitarrengewittern. Auf "Ode to Joy" ist der Song selbst der Höhepunkt. Keine Klanggewitter-Erlösung mehr, wie er es von seinem großen Vorbild Neil Young gelernt hat, dafür akustisches Heimweh in Höchstform. Aber Ode an die Freude?

"Wir haben das Album so genannt, weil das für lange Zeit der Arbeitstitel des Albums war" erzählt Tweedy, "und auch wenn er dann am Ende nicht wirklich passte, konnte wir uns keinen anderen Titel mehr vorstellen." Sinn ergebe der Titel auf der konzeptuellen Ebene. Eigentlich hätten sie das Album "Die Schwierigkeiten der Fürsorglichkeit" nennen wollen, aber das sei ihnen "etwas zu direkt und viel zu ernst" erschienen, so Tweedy.

Die Vergänglichkeit in Musik gegossen

Angst und Verlust: Die Krebserkrankung seiner Frau, der Tod des Vaters – über all das hat Tweedy bereits in seinen Memoiren berichtet. Jetzt gießt er die Vergänglichkeit in Lieder. "Es ist weder ein dunkles noch ist es ein optimistisches Album – wir wollten vor allem ehrlich sein, glaubwürdig und akkurat – das hier ist, wie wir fühlen: das ganze Stimmungsbarometer von Furcht bis Glück", sagt Tweedy.

Wilco: "Ode to Joy"
Cover des Albums "Ode to Joy" von Wilco Bildrechte: RYKODISC/dBpm Records

Selbst wenn ich den ganzen Tag im Bett bleibe, singt Tweedy, kann ich meiner Domäne nicht entkommen. Das ganze Album hat etwas Flehendes, ab Song fünf wird es dann fordernder, legt an Tempo zu mit "Everyone Hides". Doch wohin verkriechen, wenn das Unausweichliche so allgegenwärtig ist? In das Bild, das wir uns von uns selbst und anderen machen? Kaum ist die Frage im Raum, da ist der Song nach drei Minuten schon wieder vorbei.

Ausgerechnet im Song mit dem Namen "White Wooden Cross" hat dann zumindest die Melodie etwas von Sonnenaufgang und Hoffnung. Jeff Tweedys Stimme dagegen ist noch zerbrechlicher als in den anderen Songs – ohne das Klavier, das diese Stimme trägt, würde sie abstürzen. Nein, wirklich optimistisch oder gar fröhlich wird es nicht mehr auf "Ode to Joy", auch wenn mit "Love is Everywhere" dann doch mit der Möglichkeit des Affirmativen gespielt, diese aber schließlich verworfen wird. 

Der schönste traurige Song des Jahres

Wenn man so will, ist "Ode To Joy" so etwas wie das Komplementärstück zu Tweedys Memoiren: Unendliche Geschichten, manche rühren einen zu Tränen, andere geben einem die Energie, die sich aus dem Bewusstsein des Außenseitertums und des Weitermachens nährt.

Wilcos Werk formt sich zu einer durchgehenden komplexen Erzählung, "Ode to Joy" ist vorwiegend tiefe Nacht, im vorletzten Song "Hold Me Anyway" versucht Tweedy mit Poetry and Magic nochmal die Frage nach dem Leben vor dem Tod zu stellen, dazu gibt es Thin-Lizzy-Gitarren und mit "An Empty Corner" noch den schönsten traurigen Song des Jahres. Nach "Ode to Joy" am besten gleich das Wilco-Album "Sky Blue Sky" auflegen.

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 14. Oktober 2019 | 07:40 Uhr

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